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Die Wahrheit · 1903-11-27 · Heft 44 (27.11.1903) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 44 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Kesterr.-nngar. Cantoren-Zeitung. Mr. 44. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg Wir ersuchen dringendst um endliche Begleichung der rückständigen «LWonnemenLsöeLräge. Are Administration. Jur Idealität unseres Gerufes. Von Cantor 2t. W. Die bange, wehmutsvolle Stunde des Scheidens war gekommen. Meine Muter stand ans Fenster gelehnt und weinte, die Schwester holte aus der Kommode meine Wäsche hervor, ordnete und verpackte sie mit zitternden Händen in mein Ränzlein; dann küßte ich meine Geschwister, küßte die Mesusoh und gieng. , ' Ich durfte nicht den Weg aller Wanderer einschlagen; denn ich hatte noch nicht meinem Vaterlande die Blutsteuer geleistet, und jeder beliebige Polizist, der meine Absicht erkannte, konnte mich in die Stadt zurückjagen. Ich mußte also einen versteckten Weg 'wählen. Und fragt ihr mich, warum ich nicht in meinem Heimatlande geblieben, warum ich mich jener Pflicht entzogen, welche jeder Staatsbürger seinem Vaterlande leistet, so will ich folgende Gründe, die mich wohl nicht gänzlich entlasten, doch einigermaßen enschuldigen, anführen: Erstens wogte in meinem Herzen ein mächtiger Drang nach profanem Wissen, die wenigen Talmudtraktate, die ich auf der Jeschiba gelernt hatte, schienen mir nicht ausreichend, um als halwegs gebildeter Mensch gelten zu dürfen, und zum Lernen, Studieren wird in meinem Vaterlande, in Rußland, nicht Jedermann zugelassen: das heißt, selbst jeder Bordellinhaber kann seine Kinder bilden lassen, nur darf er kein Jude sein. Zweitens erkannte ich, wie tausend andere Jünglinge, daß unseres Bleibens in Rußland eine Sache der Unmöglichkeit sei, und drittens wußte ich, daß beim Militär der Jude schrecklich schikaniert, verhöhnt und geprügelt wird und wenn er auch befähigt und intelligent ist, es nicht zum Corporal bringen kann. Und wem auch wofür all' diese Opfer? Circa ein Werft vor der Stadt wartete meiner ein Wagen; dort verabschiedete ich mich von meiner alten Mutter, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Wir küßten uns, sie weinte — ich fuhr fort, sie weinte . ... sie weint vielleicht noch heute täglich um mich. --- Noch pocht mir das Herz, gedenke ich jenes Momentes, da ich mich über die Grenze schmuggelte. Ich kam nach Edkunen, von dort fuhr ich nach Königsberg, wo mein Vater nach einer gefährlichen Operation im Spital lag. Ich traf ihn sehr schwach an, er konnte kaum sprechen. Er küßte mich, legte mir die Hände aufs Haupt und sprach leise ein Gebet, das ich nicht verstand. Dann sprach er: „Ziehe mit Gott und Gott mit Dir! Du bist ein guter Schochet, betest schön vor, hast Notenlesen gelernt, und hauptsächlich, du kannst ein Blatt Gemoreh lernen! Li M chajecho! Laß' von Gott nicht ab und es wird dir gut gehen!- Wir küßten uns abermals und dann gieng ich. Ich zog gehobenen Mutes hinaus in die weite, weite Welt. Mein Ränzlein drückte mich nicht all' zu sehr; barg es doch in seinem Innern gar geringen Inhalt: etwas Wäsche, die Tefillin und zwei Ziddakeln, das war mein ganzes Vermögen! Wenig genug! Doch im Geiste war ich ein reicher, ein steinreicher Mann! Ich baute mir märchenhafte Luftschlösser und dachte, ich sei befähigt, ein großer, vielleicht ein weltberühmter Mann zu werden. Mein Gott! In wessen Kopf hat es in den Flegeljahren nicht ähnlich getobt? Ich wanderte immer weiter und weiter und irrte ziellos in der Welt umher. Bald lehrte mich die rauhe Wirklichkeit, von meiner Fantasterei abzulassen. Und wie mein Herz, beklommen von so vielen Enttäuschungen, gar mächtig schlug, ersann mein trüber Geist ein trauriges Liedlein. Doch das gekränkte Herz des Jünglings, es gleicht den jungen Bäumchen, die im Frühjahr von dem mürrischen Gärtner gestutzt werden. Mögen sie noch so sehr ächzen; und schreien wenn die bissige, alte Jungfrau „Scheere* sie zwängt, sie über winden dennoch bald de» Schmerz und werden üppiger und schöner denn je. — Durch die Hilfe eines edlen hochherzigen Mannes gelang es mir bald nach Wien zu kommen, wo ich einige Jahre blieb und manch' Nützliches lernte. Bon Wien aus wurde ich in einer Gemeinde als Cantor, Chordirigent und Schächter ausgenommen. Der Gottesdienst war da nach modernster Weise mit Chor und Orgel eingerichtet und ich war mit meiner Stellung sehr zufrieden. — Es war vor Rosch-Haschono, ich mußte wohl täglich sehr früh zu „Selichot" aufstehen, was mir die erste Zeit sehr schwer fiel, aber: ein Mer Beruf hat seine Beschwerden. Eines Tages kam ich von der Schlachtbrücke erschöpft und ermüdet nachhause. Ich nahm den Pentateuch zur Hand, um mich für den nächsten Wochenabschnitt vorzubereiten, doch der Schlaf übermannte mich plötzlich und ich nickte ein. Mir träumte, ich stände vor offener Bundeslade, sänge mit glockenheller Stimme das Adonaj-Adonaj von Loewenstamm, sänge es so gefühlvoll, wie ich es einst von seinem Sohne, meinem seligen Gesangslehrer Prof. Loewenstamm vortragen hörte .... Bum, bum! Da hieben mächtige Schläge auf meine Türe und eine Fistelstimme schrie unabläßlich: „Pan» Kantor! Pane Kantor!“ Ich öffnete rasch die Türe und erblickte die Magd des Cultns-Vorstehers, die eine bereits tobte Gans in ihren Armen wiegte; sie beschenkte mich mit einem verächtlichen Blick und zog, mich mit Flüchen überhäufend, von dannen. Das war die erste Douche, die mich die gewaltigen Schattenseiten unseres idealen Berufes kennen lernte. Ist nicht Euch, liebwerte Berufsgenossen, ähnliches widerfahren? Gbercantor X ft. Zpiro. Diesen Sabbath Parschath Wajeze feiert Obercantor A. B. Spiro in Breslau in voller Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag, wozu ihm die aufrichtigsten und herzlichsten Glückwünsche dargebracht seien. — In dem kleinen russischen Städtchen Karelitz, Gouv. Minsk, 1833 geboren, erwachte in ihm frühzeitig das cantorale Talent, welches dem jungen Chasendl viel Bewunderung eintrug. Und was der talentvolle Knabe versprach, das hat der Mann in vollem Maße gehalten. Im Besitze einer wunderbar süßen Stimme, welche an Fülle und Weichheit ihres Gleichen sucht, bekleidete unser Jubilar das Cantorat einige Jahre in Lublin und Czenstochau, von wo er im Jahre 1870 nach Breslau berufen wurde, wo er sich wegen der Lanierkeit seines Charakters, wegen seiner aufrichtigen Frömmigkeit, wegen seines bedeutenden hebräischen Wissens und wegen seiner Meisterschaft auf seinem von Gott begnadeten Juftrumeute einer Hochachtung und Beliebtheit bei Hoch und Niedrig erfreut, wie selten einer. Bon der Krone aller Tugenden, der Bescheidenheit, besitzt er leider ein Uebermaß, und so geschah es, daß seine zahlreichen Compositionen, welche durch wunderbare, herzgewinnende Melodik zu den besten liturgischen Gesängen zählen, das Licht der Welt noch nicht erblickt haben. Wir rufen dem geehrten College» eiu herzliches zu und fügen die Bitte bei: nüttil 1X13' zur Ehre unseres ^Standes und zur Verschönerung unseres Gottesdienstes! UrröMationen des Aesterr.-rmg. KanLsrerr-Aerems. Die geehrten Mitglieder werden dringendst ersucht, die fälligen und rückständigen Vereinsbeiträge an den Vereinscassier, Herrn HHercantor W. Scharr, Wie«, n., Hvere Douattflraße 47, umgehend einzusenden. Zur Aufklärung, sei constatirt, daß die Aufnahmsgebühr 4 Kronen, der Jahresbeitrag 8 Kronen beträgt. Die Veröffentlichung der im letzten Monate gezahlten Bereinsbeiträge erfolgt in nächster Nummer. Der Vorstand des „Oesterr.-ungar. Cantoren-Vereines.“.

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