Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 43 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Kesterr.-ungar. Canwren-Zeitung. Nr. 43. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg. Ideen M besseren Wege unserer Liturgie. Von M. Tintner, Bunzlau (Preußifch-Schlesien.) II. Der Gemeindegesang, natürlich mit Unterstützung des Chores, ist eines der wichtigsten Erbauungsmittel in der Ordnung unseres öffentlichen geregelten Gottesdienstes; darum ist es wünschenswert, daß auch der Rabbiner, Prediger, ein Verständnis für die richtige Verwertung der köstlichen Schätze habe, welche unsere Synagoge in ihren liturgischen Gesängen, Rezitativ en und sonstigen Sangesweisen besitzt. Die musikalische Bildung müßte auch jedem Rabbinetskandidaten höherer theologischer Anstalten als ein zu erstrebendes Ziel vorschweben, damit er in Amt und Würde eingesetzt, ein Förderer des Synagogen-Gesanges mit warmem Herzen und regem Interesse werde. Der zeitgemäße Rabbiner sollte auch in der Lage sein, die unverfälschten Melodien und Rezitative unserer Liturgie singen zu können. Die Hauptaufgabe auf dem Gebiete des Synagogen- Gesanges fällt selbstverständlich dem Kantor zu. Der Rabbiner hingegen hat die Pflicht, ihn in seinen Bestrebungen zu unterstützen und in der Gemeinde Interesse an diesen Bestrebungen zu wecken. In dem gegenseitigen Dienste des Prediger- und Kantorenamtes findet die Erfüllung dieser Bestrebungen ihren kräftigsten Halt! Ich wiederhole, es empfiehlt sich, die liturgischen Gesänge von der Gemeinde einstimmig, wo möglich mit Orgelbegleitung (Harmonium), singen zu lassen. Der Chorgesang als 2-, 3- und 4 stimmiger ist nicht nur ein vorzügliches Bildungsmittel für Gesangskräste, sondern vermag auch wahre Erbauung hervorzurufen. An den Lehrerseminarien ist bei guter musikalischer Vorbildung der Zöglinge für deren Geschmacksrichtung in der Liturgie noch besonders Sorge zu tragen. Im Zusammenwirken der Rabbiner, Kantoren und Lehrer kann für Herstellung eines würdigen Synagogen-Gesanges sehr viel geschehen. Es ist auch ein großer Fehler, daß die eigentliche Tätigkeit der Kollegen sich zu viel der weltlichen Musik zuwendet, während die reichhaltige Synagogen-Musik vernachlässigt wird; Opernsänger und sonstige Virtuosen sind nicht für den Gottesdienst geschaffen. Es sollte Gebrauch werden, nicht blos an Festtagen, sondern auch zuweilen an Sabbaten größere oder, kleinere Chöre, Solls von namhaften Komponisten auszuführen, gleichviel ob das Auditorium die Mühewaltung anerkennt oder nicht. Durch solche Einrichtungen wird sich schon der Geschmack finden und die Opern- und Liedermotive werden bei den heiligsten Gebeten verschwinden, die Tempel werden sich mit Andacht begehrenden Mitglieder wieder füllen, wenn der Vorbeter nicht, wie es oft leider geschieht, selbst der Liturgie teilnahmslos gegenübersteht, sondern wieder der Träger und Priester des Gottesdienstes wird. Nicht Tagelöhnerarbeit, sondern heiliger Beruf und Ehrensache sei uns unser Tun. Es sind noch viele Uebelstände vorhanden, es möge dazu schweigen, wer da wolle. Ich kann es nicht. — Unsere Aufgabe sei es, daß so manche Disharmonie schwinde, Gott zur Ehre, der Gemeinde zur Erbauung. Es ist hohe Zeit, über diese Seite unseres Gottesdienstes nachzudenken. Nicht die Tätigkeit .des Kantors und des Chores allein beherrsche die Andacht — wir sind doch keine Konzertveranstalter — die Gemeinde muß Mitwirken aus dem reichen Schatze unserer gesanglichen Liturgie. Die Macht unserer alten Gesänge, vom Standpunkte der Musik betrachtet, ist unbeschreiblich wirksam auf das jüdische Gemüt. „Steig' empor aus alten Klüften, längst verklungenes, heiliges Lied!" Das ist unser Hoffnungsruf. Möge unser Wort weiter zu willigen Ohren und Herzen dringen, dann werden sich wieder unsere Gotteshäuser füllen und Andacht wird in denselben walten! Miifun-Wanzigjähriges Amtsjubiläum. Schl an, am 17. November 1903. Wie bereits in diesem geschätzten Blatte berichtet wurde, feierte unser verdienstvoller Kantor, Herr Leopold Blum, am letzten Sabbate den Gedenktag seiner 25jährigen Amtswirksamkeit in unserer Gemeinde, welche diesen Ehrentag ihres allgemein geschätzten Funktionärs zu einem wahren Fest- und Freudentage ausgestaltete. Aus seiner Wohnung vom Kultuspräses, Herrn Löwner, und vom Tempelvorsteher, Herrn I. Herz, in das feiertäglich geschmückte Gotteshaus geleitet, wurde der Jubilar bei seinem Eintritte von dem Rabbiner mit einer hebräischen Begrüßung empfangen und an die Stätte geführt, wo er vor 25 Jahren zum erstenmale' sein heiliges Amt versah. Vom Rabbiner als Dritter zur Tora aufgerufen, richtete dieser an den Gefeierten eine vom Herzen kommende Ansprache, welche die zahlreich Versammelten stehend anhörten. Er betonte die Pflichttreue, diehervvrragenden Leistungen, die allgemeine Anerkennung des Herr» Kantors der als wahrer Zoheliaoh zidur in Freud und Leid mit seiner Gemeinde denkt und fühlt, und schloß seine Rede mit innigen Segensworten. Auch den die Bedeutung des Tages hervorhebenden Mischeberach leoloh sprach der Rabbiner. Diese Synagogenfeier fand eine würdige Fortsetzung nach beendetem Gottesdienste in der Wohnung des Jubilars. Er wurde vom Herrn Kultusvorsteher im Namen der Gemeinde beglückwünscht und ihm eine prachtvoll ausgestaltete Adresse nebst einem Ehrengeschenke überreicht, sodann übergab die Frau Rabbiner als Vorsteherin des Frauenvereius die Ehrengabe dieses Vereines und der Vorstand der Beerdigungsbrüderschaft das Diplo.i eines Ehrenmitgliedes der Chewra kadischa; auch das Chorpersonal stellte sich mit einem sinnigen Geschenke zur Erinnerung ein. Zum Schluffe ergriff der Rabbiner nochmals das Wort und hob das harmonische, un-getrübte Zusammenwirken durch nahezu 18 Jahren hervor, welches die Hebung des mustergiltigeu Gottesdienstes herbeiführte und weit über die Grenzen der Gemeinde Anerkennung findet. Tiefgerührt dankte der Jubilar für die unvergeßliche Ehrung. Sämmtliche Gemeindemilglieder erschienen zur Gratulation, und von nah und fern langten zahlreiche Glückwuuschschreiben und Telegramme ein. Es gratulierten: der österreichisch-ungarische Kantorenverein seinem langjährigen Mitglieds Rabbiner und Vorstand der Kultusgenieinde Triesch, die früheren Amtssitzes unteres Kantors, Oberkantor Kohn-Arad, Oberkantor Proffessor Lazaras-Budapest, Herr Doctor Eduard Taussig. Prag, der zur Zeit der Aufnahme unseres Herrn Blum Vorsteher der Kultusgememde Schlait war, die Herren Rabbiner: Dr. Kohn-Pribram, I. H. Schwarz-Kladno. D. Stransky- Melnik, ferner Herr Dr. Thorsch,-Jglau, der Obmann des isr. Landeslehrervereines S. Springer.-Prag, und viele Andere. So wurde der Mann gefeiert, der von Jugend auf sich dem heiligen Dienste widmete. Als Knabe schon war er Neeohorsr beim seinerzeit berühmten Schnrelke Meirowitsch und als 13 jähriger zelebrierte er den Gottesoiellst am Sabbate seiner Larmizwah in seiner Heimatsgemeinde Groß Meseritsch, dann wirkte er während seiner Studienzeit beim Chore in Jglau und später als Tenor im Brünner Tempel. Seine weitere Fachausbildung erhielt er bei dem weitbekannten Chonele Chasen und dessen Sohne, dem jetzigen Oberkantor Kohn in Arad; sodann versah er das Kantorat in Triesch, wo er heute noch in gutem Andenken steht, und seit dem Jahre 1878 ist er unser. Möge es ihm gegönnt sein, noch viele, viele Jahre in unserer Mitte wie bisher zu wirken und sich seines heiligen Berufes, dem er ganz lebt und den er iit idealer Weite ansfaßt, zu erfreuen, um nach weiteren 25 Jahren mir Gottes Hilfe abermals gefeiert werden.