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Die Wahrheit · 1903-11-13 · Heft 42 (13.11.1903) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 42 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ttr. 42. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrz Ideen zur besseren Wege unserer Liturgie. Von M. Tintner, Bunzlau. (Preußisch-Schlesien.)' Die Not der Zeit stellt an beii Eantor und Lehrer dringende Ausgabe», die endlich erfüllt werde» müssen, soll das jüdische Bewußtsein wieder geweckt und gewonnen werden. Die Regelung der Kultnsfragen ist allerorte» entbrannt, Gebet« und Gesangbücher, Orgel-' und Chorgesänge sind, eingerichtet und hennoch ist eine Stabilität nicht erreicht worden. Wo sollen wir das Uebel suchen, um es mit Stumpf und Stiel zu vernichten? Die neueil Gebetbücher, wo dieselben auch entstanden sind, wurden . nach einigen Jahren bei Seite geschoben, wahrscheinlich, weil dieselben keine Musterleistungen gewesen, und immer kräftiger ergeht an uns der Ruf: Wahret Eure Heiligthümer, erhaltet, die alten., Melodien und Gebete, die sich dem jüdischen Volksgeurüt eingeinngen und eingelebt haben. Sie waren der Lebens^ nerv für Schule und Hans. Wir sind in eine Wüste geraten mit - unseren neuen Gebeten und Liedern, d.r deutsche Teil ist nicht immer geglückt und der hebräische häufig mißlnugeu. Darum wollen wir Cantoren und Religionslehrer wenigstens eine Anregung geben, um abgesehen von den Anforderungen der Zeit, ans dieser Zerklüftung, ans diesem Chaos herauszukommen. Religionsschule und liturgischer Gesang gehören beide unzertrennlich zusammen. Die Religionsschule ist gleichsam das .Heiligtum zum Glauben und in diesem muß unsere Jugend erzogen und unterrichtet werden. Den Synagogengesang können wir ,licht mehr entbehren. Anfang und Ende alles Unterrichts sollte durch den heiligen Psalter, durch Gesang und Gebet geweiht werden, denn durch diesen erziehlichen Einfluß wird das Herz von innen heraus zählen, daß Unterricht uud Gottesdienst zusammen gehören. Wenn Gott, der sich aus dem Mnnce der Säuglinge und Kinder eine Macht gegründet hat, nicht mehr in den Gebeten und religiösen Gesängen der Jugend wohnt, dann hört die Religionsschule auf. auch Erziehungsanstalt zu fein.. Die Gesänge sind aus dem alten Liddur und Naohoor im Urtexte zu lesen und zu übersetzen Die Schüler müssen zuerst den Inhalt verstehen, um mit Herz und Gefühl zn singen. Diese Gesänge müssen sich als Gemeingut für die. künftige Generation einvürgern unb zur Erbauung und Erhebung führen. An dem Urtexte dürste nichts geändert werden, nilser altes Siddur ist eng mit dem Jndeuthnm verwachsen, und es ist nicht unsere Sache, auf theologische Anschauungen und Meinungen, wie dieselben in den vielen neuen Siddurim zum Ausdruck kommen, Rücksicht zu nehmen. Es ist das Zeichen und Recht einer jüdischen Gemeinde, im Gottesdienste für ihre Erbauung selbsttätig mitzuwilken. Diese selbsttätige Beteiligung tritt namentlich im Gemeindegesange hervor, in welchem die gemeinsame Stimmung und Andacht der Mitglieder in den Vordergrund tritt. Wir müssen daher darnach streben, tie Einheit der Liturgie, soweit wir es vermögen, wieder herzustellen. Die Verschiedenheit der Gebetbücher in den Synagogen ist ein Uebelstand, den die Herren Teologen beseitigen müssen. Eine Wahrnehmung, die ich in einem bedeutenden Weltbade machte, darf ich hier auch nicht verschweigen. Ich besuchte am Schabbös den Gottesdienst. Ruhe und Stille wehten mich au und Astdacht vermißte ich vollständig bei den Anwesenden. Von traditionellen Weisen war nichts izu hören, selbst, hie übertriebenen Verbeugungen kamen mir ziemlich chinesisch vor. Die Stimme des Chasän war leidlich anzuhören, aber die geckenhafte Eitelkeit, mit der derselbe jedes Texlwort zerriß und Rouladen herausquetschte, machte auf mich und einen mich begleitenden Freund einen unliebsamen Eindruck, zumal der Chasan mit ausgedrehtem Schnurrbart nach ver modern en Manier des jetzigen Scheinvirtuofentums, seine Blicke, Beifall herausfordernd, nach allen Seiten, besonders nach dem Franenempor sandte. Deutsche Lieder mit Orgelbegleitung und ein „Jismechu'4 mit Walzertempo sollten die Andacht fördern! O heilige Einfalt! Ist das auch ein erbauender jüdischer Gottesdienst? Wie lange soll noch dieser „Zauber" herhalten? —! (Zweiter Artikel folgt). Ernaesendet. Auf die Ausführungen des Herrn Fischer in der vorigen Nummer muß ich zu meinem tiefsten Bedauern constatiren, daß ich den Fehler im Manuskript gar nicht bemerkte, und ich kann nur annehmen, daß es ein Irrtum des Abschreibers war. Selbstverständlich lag meinem Artikel die erste Mischnah in Sukka zugrunde, wo ja Punkt 4 ausdrücklich besagt, daß bei dem den Schatten überwiegenden. Sonnenlichte die Sukka unbrauchbar ist. Meine weitere daran geknüpfte Betrachtung, daß in der Hütte das Licht der Goteserkenntnis die Finsternis der Unbildung verscheuchen müsse, scheint allerdings im Zusammenhänge mit der citirten Halacha zu stehen, doch nur scheinbar: denn im Perusch ist Licht nicht or mamosch, sondern übertragen, law dawko zu nehmen. So ergab sich also (tm Zusammenhänge mit der Halacha) jenes Mißverständnis, das ich für unmöglich hielt, da ich ja die Mischna und überdies Chaj odom hilchot sukka, klal 146, Punkt 8 mir vorliegen hatte Möglich, daß bei der Umschrift des stenographischen Aufsatzes falsch gelesen wurde, was ich jedenfalls sehr bedauere. Bei dieser Gelegenheit muß ich mittheilen, daß mein hochverehrter Lehrer, Herr Rabbiner Stark in Prag, mich schon früher auf diese Jrrtümer aufmerksam machte und wohl auch annahm, daß ich an denselben Schuld trage. Doch ich muß mode al haemet sein und sagen, daß bei Abfassung meiner Artikel mir stets die einschlägige Lltteratur vorliegt uns nur der böse-Zufall hier ein solches Mißverständnis schuf. Ich habe dann auch sofort, als ich auf den Fehler aufmerksam wurde, die verehrliche Redaktion diesbezüglich informirt, da ja der Fehler klar war. Punkt 4 des Aufsatzes sollte es heißen: das Sonnenlicht der Schalten überwiegt. Punkt 6 fehlte das „nicht". Ich hatte diese Artikel lange vor dem Feste gelegentlich des Studiums der Partien in der Oemara sukka niedergeschrieben, woraus hoffentlich klar und deutlich ist, daß es sich nur um Schreibfehler des Abschreibers handelt. Herrn Fischer sage ich jedenfalls für seine Aufmerksamkeit besten Dank. D r. H i r s ch. Danksagung. Allen Jenen, die mir anlässlich des Ablebens meiner geliebten Mutter ihre Theilnahme bekundeten, statte ich auf diesem Wege fheinen innigsten Dank ab. Wien, am 10. November 18.>3. Obercantor Jacob Bauer.

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