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Die Wahrheit · 1903-10-30 · Heft 40 (30.10.1903) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 40 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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) n~.i 40. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg. Mir ersuchen die geehrten Kerren Kantoren um umgehende HrneNerüng des Abonnements für das am Hkloöer beginnende IV. HnartaL und prompte Einsendung der Weste. Die Administration. - Fachliche Vorbildung jüdischer Canlorats- - Kandidaten. Nach langer Pause -brachten die vorliegenden Blatter in ihrer letzten Nummer drei bemerkenswerthe Aussätze, die die jüdisch' cantorale Frage betreffend, sich in wohlthuender Weise inhaltlich, ergänzen, jedoch, wenn auch nicht gerade einer kritischen doch gedanklich zusammenfassenden Beleuchtung chedürsen. 'Der sehr geehrte Herr St—g, Vorsteher einer hiesige» Vorortegemeinde, tritt mit dem Mannesmute stauneus- und anerkennens.' werther sachlicher Ueberzeügung für die Creirung einer öffentlichen Cantorenbildungsaustalt ein und erbringt mit den Waffen köstlichen Humors und ernster Attseinaudersetzung den Nachweis, daß mit dem? Jnslebentreten einer solchen Anstalt nicht nur eine rationelle Lehrstätte für jüdische Cantoratszöglinge, sondern gleichzeitig auch ei» Forum zur Beurtheilung 'der fachwPenschafllichen Qualipkation gewiffets aus eigener Mgchtvollkommenheit sich vordrangenber cantoraler Stellenjäger' geschaGn lväre. - Wir aceeptiren all die iragikomischen und ernsten Hin weise des .Herr St—g vollinhaltlich als den Thatsmhen entsprechend^ fügen jedoch noch hinzu, daß alle äüs Podölien oder Lithauen rc. nach Wien ^ugeveisteil „Künstler" Cantoren den Marschalkstab imTornister/ mitführen^7diH5WkkeWng des Oberkatttortitels (wieHerr. St—g trefflich schreibt) aus eigener Machtyyllkommenheit aus ihre Visttkarte zaubern und lediglich aüsgestattct mit d i e s e m Mübei mittel und, vielleicht noch mit einer.'treujolirenden Stimme — hauptsächlich jedoch mit dem Muthe der Unwissenheit sofort-nach großen Stellen fahnden. Diese- Herren,- welche wegen-ihrer musikalischen Unwissenheit schon bei der'Operette Schiffbruch erlitten, erscheinenhier, augelhau mit der Maske des Märtyrers, wollen der Welt plausibel machen, dem heiligen Berufe (sic!) das schwere Opfer ' der Entsagung gebracht zü haben,' und stellen an das Judenrhnm das pathetische Verlangen,, ihre musikalische, fachmännische und socialesUnzulänglichkeit freundlichst unbeachtet lassen zu wollen. .Gelingt? es auf diese Weise solchen problematischen Existenzen gar die Protektion einer einstußreichen Persönlichkeit zu erringe», dann ist das Spiel gewonnen. Das Spiel wäre aber in den - mcisten Fällen verloren, wenn die betreffenden Candidaten zur geeigneten Zeit? vgr ein anerkanntes cantorales Forum, d. h. vor den Lehrkörper einer staatlich autorisirten Cantorenbildungs- -'anstalt?gestelll worden wären. Wenn die Herren Protektoren,- die ja sicherlich in der. . redlichsten- Absicht ihr Votum abgebeu uns sich zumeist vom ,' .Zuge ihres guten Herzens leiten lassen, nur einen Augenblick darüber nachdächten, daß Wiener Einführung und'Brauch für . die ganze Welt maßgebend ist; daß von Wien aus. einstens - der zündende Füllte einer modernen Umgestaltung des jüdischen Gottesdienstesdie ganze Welt erleuchtete, und daß die in Wien wirkenden Cantoren die hehre Aufgabe haben, im Geiste und Sinne des Meisters für spätere Geschlechter mustergiltig zu wirken, sie würden,, dessen sind wir in Anbetracht der heiligen - \ ' ■■;■ Angelegenheit sicher, in vielen Fällen ihre Einwirkung versagen. . Herr St—g schreibt sehr treffend, daß bei den zngewanderten Cantoren der Umstand ganz außer Acht gelaffen wird, daß auf/jedem Gebiete öffentlicher Wirksamkeit zwischen Lehrbub und Meister der Geselle liegt. Es ist ja sattsam bekannt,- daß selbst der Handwerker seine Wander- und Arbeitsjahre nicht nur durchzumachen sondern auch uachzuweisen verpflichtet ist, und selbst der talentvollste Opernsänger wird es nicht wagen, gleich zu Beginn seiner Laufbahn ineiner der ersten Partien die Bühne zu betrete», weil man voraussetzt./ daß Feuer, Temperament, Gemüt, künstlerische Auffassung sich gewissermaßen mit dem gesanglich fachmännischen Könne»» uns der Theorie abrunden, oder beffer gesagt, zur künstlerischen Individualität sich vereinigen müssen, um dann jene Darstellungen zu bieten, welche die heilige Kunst mit vollem Rechte verlangen darf. Und nur der Jüdische Cantor. der neben all diesen genannten Kuusteignungen. auch noch die Eignungendes Faches besitzen muß—^ünr dor jüdische Cantor sollte all dieser künstlerischen Voraussetzungen entrathen können? — Entrathen können der allernothwendigsteu Vorbedingungen, weil er, obwohl von der UllzulaugliMe.it seines eigene» Könnens und Wissens aufs Tiefste überzeugt, mit dem Mute eines r o u t i n i r t e ü Kartenspiele r s sein Alles cuif eine Karte setzt und ihm der Wurf wegen der liebenswürdigen Schwache der anderen Mitspielenden einmal gelungen ist? Herr St—g schreibt, „es sei vorgekommen .... baß eine sonst unmusikalische Person, die ein Biß'che» „drehen" kan n, durch Protektion sofort angefteüt wnrdie.E . Der Laie dürfte dieses Wortspiel „drehen" auf die spitzfindige Redeweise zur Erreichung von Protektionen beziehen^ Das meint Herr St—g keineswegs,' sonder», da er mitder. technischen Ausdrucksweise der Cantoren sehr vertrant zu sein scheint; will er damit die Befähigung zum verzierten Gesang (Coloratur) kennzeichne», und es ist ja allbekannt, daß sowohl im griechisch-katholischen ' K'rchengesang als auch, namentlich beim cautoralen Recitativ in der Synagoge, der colorirte Gesang als eine unbedingt noth« wendige künstlerische Eignung vorausgesetzt wird. Wenn der betreffende Cantor zur musikalische« Illustration seiner Worte an geeigneter Stelle nur einen deceuten „Dreh" anzrMnden im Stalche ist; d. h. wMn er gut „WM zn sagen" versteht, so werden wir es als eine immerhin bedeutsame cantorale Eignung dankbar begrüße»; nicht M begreifen ist es' jeböch.-^ wen»;-- wie''es^' ja anch vorzäkchnmen pstegt, ein aus Polen stammender jüdischer Calckor nicht einmal „polnisch singen" kann. All. diese geschilderten Thatsachen, der Wirklichkeit entnommen, könnte,t. unmöglich Platz greifen, wenn die betreffenden Eantoratseandidate» vor ein sachwiffenschaftljches Forum gestellt würden, ja wir leben her sicheren Ueberzengung, daß derartige zweifelhafte Personen ihre Schritte nicht nach Wien lenken würden, um Ich hier um einen Cantorposten zn bewerben, wenn sie. im Vorhinein wüßten, daß sie zuvorderst de». Nachweis über ihre mannigfachen eantoralen Qualifikationen zu erbringen Haben. Deshalb hat der geehrte Herr St—g vollkommen Recht, und die jüdischen Cantoren sind ihm zu Dante verpflichtet, daß er seine Stimme mannesmnthig erhob für Gründung einer öffentlichen Cantorenbildungsanstalt. (Fortsetzung solg^> ,-:-r

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