Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 36 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaction und Administration: Wien, ll/l- Novaragaffe 2? . K.?k, österr. Postsvarcassa Check-Conto Nr. 846.251' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnenients- und JnserationS- . betrüge sind in Wien zahlbar und klagbar. Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist "Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjährig. . . L 12.— Halbjährig . . . . K. Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... K. 10.— Für Anstand: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 FcS Ar. 36. Wien, 18. September 1983. Anhalt: Unser Neujahrsfest. — Die deutschen Blätter und der letzte Baseler Zionistencongreß. Synagogenweihe im VIII. Gemeindebezirke Wiens' — Zionistische Co Ionisation. — Verschiedene Nachrichten. — Die Aufgaben der Eantoren-Orgamfatwn. Jekarim. Assen unseren geschätzten Kerren Abonnenten sowie den Mitarbeitern und Ireunden unseres Mattes wünschen wir <pwt Jahreswechsel nöwi pdto Aie FLe d action. Unser Neujahrsfest. Die Zeit rauscht mit Sturmesflügelu dahin, kaum daß sie von den Freudenstrahlen etliche uns zuwirft, kaum daß sie aus des Glückes Füllhorn einige Brocken uns zukommen laßt. Wohin wir blicken mögen, überall gähnt uns die schwindelnde Must entgegen, wohin wir ins jüdische Leben greifen, überall stauen sich die sturmgepeitschten Wellen und hindern uns, dem Fortschritt der Zeit den gebührenden Zoll zu entrichten. Die Einen rasen dahin in ihrem tollen Tanze und wähnen, in der finsteren Nacht die Sterne zu besitzen, die in der Dunkelheit: einige Helle verbreiten. Die Zipfel des Formen- Wesens halten sie fest und glauben den Mantel der Religiosität zu besitzen. Mit jedem Tage, mit jedem Jahre wird das Alte mach veralteter, wenn die Zweige nicht frisch gepfropft werden. Der Baum mag seines hohen Alters wegen ehrwürdig und - belaubt sein, doch um eine genießbare Frucht zu erlangen, müssen neue Setzlinge angebracht werden, sonst ist es mit dem Baume der Religion arg bestellt, sonst werden ihre Bekenner vom Hunger ermattet niedersinken. Was mit dem Fortschritte der Zeit gut sich vereinigen läßt, das wahre und pflege man gar bedächtig, denn nur aus diese Weise können wir emsige Arbeiter auf dem Weinberg Gottes herbeischaffen, die unverdrossen allen Mühen sich unterziehen und ihn gut bestellen. Wie man aber starr und steif gegen den Fortschritt sich stemmt, wie man aus der alten Stickluft mv das Sonnenlicht sich nicht wagt, weil man den Verfall - der Religion davon befürchtet, dann haben wir ein Gesetz,, -ohne danach zu handeln, eine Religion, ohne sie im Herzen zu Pflegen. Und die Andern, mit ihrem blindwüthkgen Stürmen gegen Me Vätersitten, gegen jüdische Satzungen, die nur lose mit dem Ganzen Zusammenhängen, die beim ersten Säuseln des Windes Reißaus nehmen, die nur Scheu ünd Scham fühlen, wenn sie - die-Bandv längst' überkommener -Sitten an das Judentum knüpfen, die Alles daransetzen, um die Verkehrtheiten, wie sie mehr oder minder bei jeder religiösen Gemeinschaft anzutreffen sind und die sich im Laufe der Jahre auch an dem jüdischen Glauben angesetzt haben, in noch schieferes Licht zu stellen, sie. die vom Juventume ganz ferne stehen und. kaum den Augenblick erwarten können, da sie dem Teufel mit Haut und Haaren sich verschreiben, sie allein haben den allmählig erstarkenden fortschrittlichen Gedanken in Ketten geschlagen und den Blüthenstaub abgeworfen, und so welkt das Laub und so dorrt der Baum der jüdischen Religion und anstatt der schmackhaften Weinbeeren kommen ungenießbare, sauere Zwergkörnchen zum Vorscheine. Und wenn es im Innern so tieftraurig aussieht, wie sollte es Wunder nehmen, daß von außen der Feind auf der Lauer steht, um auf das Judenthum loszustürzen. Die alte Bürde wird fast unerträglich, abgesehen von dem Hohn und Spott, dem wir auf Schritt und Tritt begegnen, dringen die Fluthen bis ans Herz. Unser mühsam erspartes Gut ist die Beute rachgieriger Bedrücker. Die Scheelsucht und Mißgunst arbeitet mit ruchlosen Händen, um unsere Lebensverhältnisse zu erschweren und wo die Bosheit alle erdenklichen Filtermittel erschöpft, da wird das Schlachtmesser an die Kehle unserer Brüder gesetzt, und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, wenn sie ihr nacktes Leben retten wollen, als die liebgewonnene Heimat zu verlassen und in die kalte, unwirtliche Nacht hinausznfteuern ohne Aussicht, einen Flecken zu finden, wo sie ihr Haupt ohne Scheu und Furcht niederlegen können. Wenn wir daher am Neujahrsfeste den Thron des Allvaters mit inbrünstigen Gebeten überschütten, vergessen wir nicht die Hilfe- Gottes anzurufen für die geplagten, gejagten Brüder, die in dunkler Nacht umhertappen, ohne Ruhe noch Rast zu finden. . Vergessen wir nicht, an die Tore der Barm- : Herzigkeit zu pochen, auf daß die trostlose Lage der Vertriebenen ein baldiges Ende erreiche. Vergessen wir nicht, das himmlische Licht herabzuflehen, damit unsere Verfolger ihre blutrünstigen Schritte gewahr werden und Umkehr machen, bevor die Wurzel des Judentums aus dem Boden gerissen. Senden wir an seinen heiligen Thron inbrünstige Gebete, damit die Einheit Israels wiederkehre wie vormals und ehedem, wo Wahngebilde mit religiösen Satzungen nicht vertauscht wurden^ wo man unter Fortschritt die Vernachlässigung alter Vätersitten nicht verstand. „Lsoroko nirsll or^ nr deinem Lichte leuchtet uns der göttliche Strahl. Dieses Licht wollen wir fortab anfsuchen.