Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 35 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Kesterr.-ungar. Cuntomt -Zeitung. Dir. 35. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg. Die Kunst im Gottesdienst. Von Oberkantor Davidsohn, G l e i w i tz. In kurzer Zeit feiern wir den hundertsten Geburtstag jenes gewaltigen Geistesheroen, der berufen ward, kraft seiner Intelligenz und seines Wissens Licht hineinzubriugen in das Dunkel jener heiligen ernsten Kunst, die sich nur Gott dem Herrn weiht und lediglich zu seinem Dienste besteht. Wie ein Sebastian Bach im 17ten Jahrhundert die Basis für eine künstlerffche Gestaltung der Kirchenmusik in seiner Glaubens-- gemeiuschaft schuf, so wirkte Salomon Sulzer zu jener Zeit, da die Morgenröte der Freiheit für unser bedrücktes Volk anbrach, resormatrrisch für den jüdischen Gottesdienst. Ihm haben wir es zu verdanken, daß heute nicht mehr in der Synagoge Zustände vorherrschen, wie sie Richard Wagner in feiner Broschüre „Das Judentum in der Musik" schildert. Der Chaos ist verschwunden und in der größten wie in der kleinsten Gemeinde hat ein ge-- regelt musikalischer Gottesdienst Platz gegriffen, der erbauend und andachteregend auf das Gemüt einwirkt. Das hat Sulzer zu Wege gebracht, und seine Jünger und all diejenigen, die gleich ihm derselben heiligen Kunst dienen, bewahren sein Erbe, wirken in seinem Geiste und seinem Sinne. Wie befremdend mußte es nun wirken, da wir in den Spalten der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" einen Bericht aus dem Lande, wo Sulzer lebte und wirkte, vorfanden, der das Wirken des Canlors nicht gerade günstig beurteilt. Sollte der Verfasser des Artikels in seinem gewiß recht löblichen Eifer um die heilige Sache nicht zuweit gegangen sein? Es liegt mir fein, ihm Mang l an Objektivität oder Verständniß vorzuwerfen, aber ich meine, ehe man ein Urteil über ein Werk fällt, muß man sich doch zum mindesten mit den Intentionen und Bestrebungen des Schöpfers vertrant machen. Der Verfasser des Artikels beklagt sich über eine all zu dramatische Gestaltung des Gottesdienstes und führt merkwürdigerweise Sulzer als denjenigen an, der sich stets eines schlichten Vortrages beim Gottesdienste befleißigte. — Ich sage — merkwürdigerweise — weil gerade Sulzer der Meister des Rezitativs zugleich der Schöpfer eines gewissen dramatischen Stiles im Gottesdienste gewesen ist. Es wird darüber Klage geführt, das mit Rücksicht auf den musikalischen Gottesdienst die Andacht leide, doch sollte der Kantor schuld daran sein? — Derjenige, der sein ganzes Können und seine ganze Kraft dafür imsetzt, seine Gemeinde zur Andacht anzuregen? Gewiß, ich gebe zu, daß in manchen Gemeinden Oesterreichs die Gestaltung des Gottesdienstes ihren synagogalen, das heißt jüdischen Charakter verloren hat, doch ist wohl die wenigste Schuld hierbei dem Kantor beizumessen. In den meisten Fällen muß der Kantorder „ausübende Beamte" sein, in den seltensten Fällen darf er der selbstgestaltende Künstler sein. Ter Geschmack und die religiöse Richtung seiner Gemeinde müssen für ihn ausschlaggebend sein. Der Jndifferentismus und das geringe Interesse für den Gottesdienst macht sich in Oesterreich allerdings bedeutend mehr bemerkbar als in Deutschland, und darum muß nach Ansicht der Gemeindekörperschaflen der Gottesdienst dort —"interessant gestaltet werden. Daß ein solch pomphast zugestntzter Gottesdienst mehr an eine konzertande Veranstaltung erinnert, ist klar, doch will man den Kantor dasür verantwortlich machen, der oft gegen seinen Willen dem Wunsche der Vorgesetzten Behörde Rechnung trägt? Ich hatte Gelegenheit, einem Gottesdienste im Wiener Stadtlempel in der Seitenstettengasse beizuwohnen. Dort, wo die Orgel noch nicht Platz gegriffen, wird gewiß der altjüdische Charakter des Gottesdienstes gewahrt, und der, trotz seiner -ansehnlichen Zahl von Amtsjahren, noch immer bedeutende Oberkantor Singer nebst seinem wohlgefchulten Chorpersoual hätte wohl verdient, ein andächtigeres Auditorium in seinem Tempel vorzufinden. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich behaupte, daß von dem zahlreich versammelten Publikum kaum ein Miujan Menschen ihre Gebete verrichteten, während die übrigen ganz ungezwungen die profansten Unterhaltungen pflegten. Ist hieran auch der Kantor schuld? Der Verfasser schildert weiter die früheren Chasonim, die es weit eher verstanden, zur Andacht anznregen als der heutige sogenannte moderne Kantor. Wir jüngeren Kantoren haben jene Zeit wohl nicht miterlebt, doch was uns aus jener Zeit überliefert worden ist, ich meine hier lediglich das eigene Geistesprodnkt jener alten Chasonim. könnten nur wohl heule in unseren! Gottesdienst nicht verwerthen, ohne uns, gelinde gesagt, der Lächerlichkeit Preis zu geben. Was würde wohl meine Gemein. : dazu sagen, wollte ich einen Atto Saucher oder Atto Niglesso nach den Melodien aus Troubadour oder Hugenotten anstimmen? Gewiß, die Tradition soll und muß gewahrt werden, in der Tradition lebt das Judentum, und die traditionellen Melodien sind das Signum des jüdischen Gottes ienstes. Keinem noch so modernen Kantor würde es einfallen Kol Nidre oder Neila Kadisch in einer anderen als der traditionellen Melodie auzustimmen, doch der ästhetische Geschmack gebietet es, die Regeln der musikalischen Form beizubehalten. Wir leben heute nicht mehr in dem Zeitalter, wo die gläubige Gemeinde Israels durch dir Worte unsrer heiligen Sprache zur Andacht angeregt wurde, ein großer Prozentsatz unsrer Glaubensgemeinschaft steht heute unserem Gottesdienst verständnislos gegenüber, und darum ist es unerläßlich notwendig, sich gewisser äußerer Mittel zu bedienen, um den Gottesdienst wirknl'gsvoll und ’ verständlich zu gestalten. Nicht zum mindesten ist bei einer allzu dramatischen Gestaltung des Gottesdienstes, der die Andacht vermissen läßt, die Tätigkeit der Orgel schuld. Mit äuß rster Vorsicht muß daher dieses den jüdischen Gottesdienst noch i nmer fremd anmutende Instrument angewendet werden. Hier war Lewandowski Meister, die Org l nur da in Tätigkeit treten zu lassen, wo sie unsere herrlichen altjüdischen Melodien nicht ihren Charakter nehmen konnte. Doch ich möchte nochmals betonen, daß all dies nicht so geeignet wäre, die Andacht zu stören, würde der Besucher des Tempels gläubigen Sinnes und frommen Herzens das Gotteshaus betreten, um in Andacht die Zeit, die er im Tempel verweilt, Gott dem Herrn zu weihen. Mit geringen Ausnahmen ist es das idealste Bestreben eines jebeii Kantors, die Herzen seiner Zuhörer zur Andacht zu erwecken, und sein schönster Lohn ist es, wenn ihm dies gelungen ist. Zum Schluß möchte ich noch eines Passußes Erwähnung tun, der auch in jenem Artikel unliebsam auffallen muß. Es ist dort von einer Eifersüchtelei zwischen Rabbiner und Kantor die Rede. Gar oft bereits i; dieses unerquickliche Thema behandelt worden. Ich meine, daß gerade ein freundschaftliches Einvernehmen zwischen diesen beiden Gottesdienern unerläßlich erforderlich ist. Beide wirken zur Ehre Gottes, aber auf grundverschiedenen Gebieten, doch es muß immer wieder betont werden, daß der Rabbiner die religiöse Autorität ist und bleiben muß auch für den Kantor. Handelt es sich um Differenzen den Ritus betreffend, so muß der Kantor die religiöse Autorität des Rabbiners anerkennen, do h ebenso muß die gesangliche und musikalische Gestaltung des Gottesdienstes ausschließlich dem Kantor überlassen bleiben. Nur bei einem friedlichen Einvernehmen der beiden Persönlichkeiten kann deren Tätigkeit innerhalb des Gottesdienstes eine segensreiche sein, und daß dies überall der Fa'l wäre, ist der Wunsch vieler mir Gleichgesinnter!