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Die Wahrheit · 1903-08-21 · Heft 32 (21.8.1903) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 32 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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m H C Nr. 32 Meitage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg. Was nützt uns die Idealität? Lieber Kollege! so fragen Sie mich bezüglich meines Artikels in Nummer 30 dieser geschätzten Zeitung. Ich finde es fast für überflüßig. diese Frage zu beantworten, weil dieselbe bereits erörtert ist, doch will ich noch einige Bemerkungen anknüpfen, um Ihr wertes Schreiben ganz zu würdigen. Wie ich bereits erwähnte, hin ich 37 Jahre im Amte. Dazu gehört schon eine große Dosis Idealität, gestehe es aber, daß ich trotzdem in dieser langen Amtsperiode es noch nicht zum reichen Manne gebracht habe. Ist ein solches Ausharren keine Idealität? Sie fragen ferner: „Was ich unter anständiger Besoldung verstehe?" Ich verstehe darunter eine Besoldung, die den Cultnsbeamten, Cantor oder Religionslehrer in der menschlichen Gesellschaft nicht als Almosenempfänger erscheinen läßt; die ihn nicht nötigt, von dem ersten besten Bekannten eine Zigarre oder ein Glas Bier anzunehmen, ich verstehe darunter im Gegenteil eine Besoldung, die ihn in den Stand setzt, als M a n n v o u Selbständigkeit und eines ehrenhaften Charakters aufzutreten; die ihn begeistert, sein Amt mit Gewissenhaftigkeit und Geistesfrische auszüsühren. Das verstehe ich unter anständiger Besoldung. Was ist nun die Ursache unserer immer noch so schlechten Besoldung? Antwort: Die leidige Gewohnheit ist es!! — In früheren Zeiten war das Cultusamt quasi der letzte Rettungsanker im Kampfe ums Dasein — ein Nebeugeschäft eines zurückgekommenen Kaufmanns — günstigen Falles — sonst eines Handwerkers, Dorsgehers rc. Er lernte aus irgend einem „Kuhbüchel" die Dine Schechitah. und Kadikali, ein Nizenchen von einem herumreisenden HUaooliorsr und der Chasan und Schochet in der kleinen und mittleren Gemeinde war fertig und verdrängte gar -oft den guten Ollaoan und Darudsu, denn die Vettern und Basen sorgten schon dafür, damit kein Anderer ankomme. Von solchem Beamten konnte man allerdings kein Idealität - verlangen noch erwarten. Sind aber wir Cantoren und Lehrer von heutzutage noch Leute mit dieser Vorbildung, oder nur die „Schächter" allein? — Ist beim unser Beruf nur ein Nebenamt respektive Geschäft? Hat man uns nicht vielmehr das Höchste, das Heiligste — Cultus und Religion anvertraut? Demnach ist es sehr zu wünschen, daß mau sich von der üblen Gewohnheit, uns schlecht zu besolden, recht bald lossagt, und sich die Gewohnheit, uns standesgemäß zu besolden, eiligst aneignet, sonst ist die Zeit nicht zu entfernt, wo es an tüchtig durchgebildeten, idealen Cantoren und Neligionslehrern (wenigstens in Deutschland, zumal Ausländer von der königlichen Regierung nicht an gestellt werden) sehr mangeln wird. Die Ansprüche der Gemeinden an ihre Cultusbeamten sind allerdings fortgeschritten, aber zu beachten wird vergessen, daß das Einkommen derselben nicht in demselben Maße gestiegen ist. Die Gehälter datiren aus dem 18. Jahrhundert und passen ebenso in unsere Zeit als eine Allongenperrücke auf unseren Kops. Unbegreiflich muß es jedem denkenden Menschen sein, wie die Gemeinden selbst sich noch wundern können, wenn der Cantor oder Lehrer unzufrieden ist. Zu seinem Pläsir ist Niemand mißvergnügt; und unter allen Geschäften wäre es sicher das Undankbarste, die Menschen unzufrieden zu machen. Wo Unzufriedenheit herrscht, da ist gewiß auch zureichender Grund vorhanden. Man verstopfe die Quelle, aus der die Klagen kommen, und sie werden verstummen. Heitere Gesichter lassen sich nicht dekretiren, sie setzen glückliche Herzen voraus. Von dem zeitigen Cantor und Lehrer wird sehr viel gefordert, aber gewährt wird ihm selten oder nie etwas, und dennoch muß es besser, werden. : . Wer ist nun zur Verbesserung der Gehälter verpflichtet? Motto: „Wessen Brod ich esse, dessen Lied ich singe!" Es wäre gar lucht^zuMrwundenl. wenn diemeisten Provincial-Cantoren nur das Lied der Unken an stimmten und hören ließen; diese traurige Tonart und Melodie würde am besten ihre Herzensstimmung wiedergeben und zu ihrem Gehalte respektive zu ihrem Brote passen. Kehren wir das Sprichwort um: „Westen Lied ich singe, der soll mich anständiges tägliches Brod essen lassen." Dazu gehört doch neben der Idealität noch etwas mehr als die gegenwärtigen Gehälter in den meisten Provinzialgemeinden. Zunächst sind die Gemeinden selbst moralisch verpflichtet, dieses tägliche ausreichende Brod .zu gewähren, denn ihnen weihen wir in erster Reihe unseren Dienst, unsere Kräfte, unser Wissen und Können. Dürfen wir wirklich nicht fragen: Was wird uns dafür? Sollen wir uns immer mit den Worten der Schrift allein vertrösten, die da lauten: „Die Lehrer werden leuchten, wie des Himmels Glanz!" Betete nicht vielmehr unser Stammvater Jakob um das tägliche Brod und Gewänder zum bekleiden? — Sollen wir uns nur auf den Himmel verlassen für unsere irdische Arbeit?-Sind denn unsere Kaufleute, Handwerker rc. damit einverstanden, wenn wir ihnen Wechsel geben, zahlbar nach unserem Tode im Jenseits?! — Von mir hat man solchen Schuldschein noch nicht angenommen; ist dies etwa, College, Ihnen schon begegnet? Sie schweigen! — Alle Verhältnisse des Verkehres und menschlichen Lebens sind jetzt anders geworden; auch die Cantoren und Lehrer sind keine gefallenen Existenzen mehr. Alles schreitet vorwärts und nimmt einen zeitgemäßen Aufschwung, soll die Besoldung des Cultusbeamten allein Zurückbleiben? Die Gehaltssrage kann nur durch den „Gemeindebund" geregelt werden, denn der Staat kümmert sich um uns nicht. Mit Utopien wollen wir uns nicht beschäftigen, da hört die Idealität auf. Und so wiederhole ich obiges Motto: „Wessen Brod ich esse, dessen Lied ich singe." Sollen wir auch künftig der Gemeinde fröhliche Lieder singen, so muß sie das Gehalt auf eine zeitgemäße Höhe bringen. Zum Schluß gestatten Sie mir, noch eins zu erwähnen. Ich meine die Einigkeit unter uns, das Gefühl des Zusammengehöre ns. (gleichviel ob Ober-, Erster, oder Haupt-Cantor das Titelchen sei) das noch wenig in unserem Stande vorhanden ist. Versammlungen sind dieserhab zur Genüge abgehalten worden. Wir müssen endlich das Streben zum Ganzen empfinden und zur Tat werden lassen. Erfüllen wir doch das Schillerwort: „Immer strebe zum Garlzen und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an das Ganze dich an." — Freilich gibt es noch Viele, die diesem Gefühle fern stehen. — Einzutreten : „Alle für Einen, Einer für Alle!" das müßte unseres Standes Loosung sein. Halten wir alle treu zusammeu! Was ließe sich da nicht alles erreichen, was wir bis jetzt leider als pure Gnade annehmen müssen. Noch gibt's viel zu tun, viel zu kämpfen; wir stehen noch lange nicht auf der Stufe, die uns gebührt. Nur durch Einigkeit können wir stark sein. Erst dann wird's besser werden mit uns und unserem Stande, wenn wir, vergessend unfern Eigendünkel, unser etwaiges höheres Wissen und Können, unser etwaiges Vermögen? vergessend ob alt oder jung, als Brüder im Dienste unseres Gottes uns umarmen werden. „Lastet uns sein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr." Ich übergehe einige Punkte Ihres Briefes, um Sie und die Leser nicht zu ermüden, indessen Meinungen anhören, kann nur fördernd und nützlich sein, wenn man solche auch nicht allemal teilen kaiuN Leben Sie wohl! Einer baldigen Antwort entgegen sehend. -Ihr.alter, treuer College 7- •-:*. * M. Tinttter. Cantor und Lehrer, Bunzlau (Preuß. Schlesien).

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