Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 30 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063193--02602-3069292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaction und Admimstration: Wien, II/,. Novaragaffe 27 St. k. öfiar. Po::kv:rcussa Eheck-Conto Nr. 846.251' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und JnseralionSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitschrift für Mische Mtereflen. Erscheint jeden Ureitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Verngspreis: Ganzjährig. . . L 12 — Halbjährig .... 5t. 8.— Für Cultnsbemnte: Ganzjährig.... ff. 10.— Sviir Anstand: (l anzjährig . . . 8 Mark. I 6 Rubel o»-r 16 FcL s Ar. 30. Wien, 7. ÄilgnK 1903. Antzaltr Die amerikanische Perition an den Czar n. — Die körperliche Züchtigung ber Kinderstrafen. — Die Bestellung jüdischer Hausbesorger in Lemberg. — Zar Regelung der Crtltussteuern. — Die Rabbinerconferenz in Krakau. — Die Ansichten hervorragender kroatischer Christen über den Zionismus. — Aufruf. — Verschiedene Nachrichten. — Etwas mehr Zufriedenheit mit unserem Stande. Die amerikanische Petition an den Czaren. Ueber Auftrag des Präsidenten Noosevelt ist, wie aus Newyork berichtet wird, eine offizielle Darstellung der seitens der amerikanischen Regierung in der Angelegenheit der Kischenew- Petition unternouimenen Schritte erschienen, welche unter anderm deshalb bemerkenswert ist, weil sie den authentischen Wortlaut der fraglichen Petition enthält. Das betrefiende Commuuiquö lautet in wortgetreuer Uebersetzung: „Die russische Rrgierung hat es abgelehnt, die von mehreren tausend Bürgern Unterzeichnete und aus Weisung des Präsidenten nach St. Petersburg gekabelte Petition bezüglich der Lage der Juden in Rußland eutgegenzunehmen oder in Betracht zu ziehen. In der Konferenz zu Oyster Bay am Dienstag, den 14. Juli, beriet der Präsiideut mit den Herren Leo N. Levy, Simon Wolf und Oskar S. Strauß wegen der Ueberreichung der Petition, und es wurde beschlossen, an den amerikanischen Geschäftsträger in St. Petersburg, Herrn Riddle, folgende Depesche abzuseude i: „Staatsdepartement, Washington, 15 Juli 1903. Riddle, St. Petersburg. Sie sind beauftragt, bei dem Minister des Aeußeru eine Audienz nachzusuchen und ihm folgendes zu unterbreiten : Exzellenz! Der Staatssekretär beauftragt mich, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß der Präsident eine von einer großen Anzahl Bürger der vereinigten Staaten, aller Religionsbekenntnisse, und in den höchsten Stellen, sowohl des öffentlichen als des privaten Lebens befindlich, Unterzeichnete Petition bezüglich der Lage der Juden in Rußland erhalten hat, tvelche an den Kaiser gerichtet ist und folgendermaßen lautet: „An Seine kaiserliche Majestät den Kaiser von Rußland: Die in Kischenew während der Osterfeiertage 1903 verübten Greueltaten haben Entsetzen und Verdammung in der ganzen Welt hervorgerusen. Die Lokalbehörden versäumten, Ordnung aufrecht zu erhalten und die Exzesse zu unterdrücken, bis Se. Majestät persönlich besolldere Befehle erließ. Die Opfer waren Juden und die Angriffe die Folge von Nassen- und Neligior.svorurteileu. Die Ausrührer verstießen gegen die russischen Gesetze. Die Lokalbehörden waren in der Ausführung ihrer Pflichten saumselig. Die Juden fielen einer unverantwortlichen Gesetzlosigkeit zum Opfer, wie aus den offiziellen Berichten über die Exzesse, sowie aus den Amtshandlungen nach denselben klar hervorgeht. Unter gewöhnlichen Umständen würde dieser schreckliche Fall ohne Furcht vor Wiederholung der Greuel beklagt werden. Nicht so in diesem Falle. Ihre Bittsteller erfahren, daß Millionen Juden, russische Untertanen in Südiveftrußland, täglich vor einem Nenausbruche der Verfolgungen zittern. Sie empfinden, daß Unwissenheit, Aberglaube und Bigotterie, wie die Exzesse zeigen, stets bereit sind, sie zu verfolgen; daß auf die Lokalbehörden für S'.hutz ihres Friedens und ihrer Sicherheit kein Verlaß ist, es sei denn, daß sie üierzu besonders ermahnt werden, und schließlich, daß eine feindselige Stimmung -m Vloke gezüchtet wurde, die wie eine fortwährende Drohung über ihnen hängt. Selbst wenn zugegeben werden muß, daß diese Befürchtungen in gewisser Beziehung übertrieben sind,, ist es unverzweiselhast wahr, daß sie vorhanden sind und daß sie Wirkungen von großer Bedeutung Hervorbringen. Die Auswanderung russischer Juden nach dem Westen, welche seit 20 Jahren im Gange ist, wird durch die Furcht vor der Verfolgung stimulirt. Schon ist diese Bewegung so angeschwollen, daß sie die Vertreibung der Juden aus Spanien in Schatten stellt und aus einer Höhe mit dem Auszuge aus Egypten steht. Oie Größe der Leidet!, welchen die hilflosen Juden ausgesetzt sind, läßt sich nicht ermessen. Sie wurden gezwungen, das Land ihrer Geburt zu verlassen, die heiligsten Bande zu läsen und nach fremden Ländern auszuwauderu. Auch die Leiden derjenige», die das Land ihrer Geburt nicht verlassen wollen oder können, und die sich von ihren auswaudernden Freunden und Verwandten trennen müssen, um unter nie endenden Schrecknissen weiter zu leben, sind nicht zu ermessen. Religiöse Verfolgungen sind sündhafter und widersinniger als der Krieg. Der Krieg ist oft notwendig und ehrenvoll, eine religiöse Verfolgung kann aber nie verteidigt werden. Die Sündhaftigkeit und Thorheit, welche den Impuls zu unnötigen Kriegen gibt, wurde am deutlichsten gegeißelt, als Eure Majestät die Initiative für die Einrichtung eines internationalen Friedeustribunales ergriffen. Mit solch einem Beisp ele vor Augen, gibt sich die zivilistrte Welt der Hoffnung hin, daß aus derselben Jliitiative das hehre Prinzip der Religionsfreiheit für den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gesichert werde, daß Eure Majestät in huldreicher und überzeugender Weise proklamieren werden, und zwar nicht nur für die Regierung Ihrer eigenen Untertanen, sondern als Leitstern für alle zivilisirteu Menschen, daß niemand an Person, Eigentum, Freiheit, Ehre oder Leben wegen seines religiösen