Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 28 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redactio» und Administration: Wien, n/i- Novaragaffe 27 K. k. östrrr. Poftkvarcassa Check-Conto Nr. 846.251" Inserate für Mische Berngspreis: Ganzjährig. . . Jfc 12.— Halbjährig .... 51. 6 — Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... 9- 10.— 20 Heller per No»pareille»Zeile. SlbonnementS» und JnserationSbeträg'e sind in Wien zahlbar und klagbar. Erscheint jeden Freitag. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Für Ausland: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 Fc» Nr. 28. Men, 17. Inli 1903. Anhalt r Der schlechte Schulausweis, seine Ursachen und Wirkungen. — Normal-Vertrag zwischen Gemeinden und Cultus-Beamten. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Die echten hebräischen Melodien. — Die Juden in China. — ^Verschiedene Nachrichten. — Sitteratur. — Zur Sulzer-Feier. — Hilfskasse für israelitische Cultusbeamte. Der schlechte Schulausweis, seine Ursachen und Wirkungen. „Im Kindersegen sind die Ehefreuden gelegen", sagt ein uraltes, im Volksmunde geläufiges Sprichwort. Und in der Tat sind Kinder wertvolle Schätze, theuere Himmelsgaben, mit einem Worte, das höchste Gut, das uns im Ehe- und Familienleben beschieden sein kann. Das hat schon der große Patriarchenfürst Abraham erkannt und empfunden, als er zu Gott sprach: Ma titen li w’onocki kolech ariri? Was, o Herr, kannst du mir geben, da ich doch kinderlos umhergehe? Welche Schätze kannst du mir bieten, die den Kindersegen aufwiegeu und ihn an Größe und Wert übertreffen? Das hat auch Josef, der Vicekönig von Egypten, seinem Vater geantwortet, als dieser auf die beiden Enkelkinder deutend, ihn fragte: Nr eie? Weißt du, mein Sohn, was dir deine Kinder sind? Lonai kew ascker nossan li Elokim. Jatvol mein Vater, ich weiß, daß meine Kinder Geschenke des Himmels, Gaben Gottes sind, die ich vollauf zu würdigen wissen muß. . Und das hat wol auch jene wackere, jüdische Mutter verstanden, von welcher der Midrasch erzählt, daß sie einem Gaste, der sie um ihre kostbaren Schätze befragte, mit Stolz und Würde ihre Kinder vorsührte. Und doch bringen die Kinder den Eltern nicht immer nur Freuden und Genüsse, sondern gar oft auch Sorgen und Kümmernisse, und gar manche schwere und bange Stunde bereiten sie ihnen. Wenn aber irgend etwas im Ehe- und Familienleben auf Schwierigkeiten und Hindernisse stoßt, so ist es die Kindererziehung. Kostet es den Eltern schon unsägliche Mühe und Plage, bis sie das Kind ans jene Stufe physischer und geistiger Entwicklung gebracht haben, von welcher aus es den ersten- Schritt ins öffentliche Leben, den Weg zur Schule, zur Quelle des Wissens und der Bildung antritt, wie viele Schwierigkeiten haben sie erst zu bekämpfen, während der Sprößling die Vorstudien für die allgemeine Lebensbildung, die Volksschule, absolvirt, um dann behufs höherer Ausbildung in die Mittelschule einzutreten. Und hat derselbe dieses Ziel erreicht, dann beginnt für so manche Eltern, die es mit einem launenhaften oder gar excentrisch veranlagten Kindergemüte zu tun haben, erst recht der Zeitpunkt stetig abwechselnder Aufregungen und Ueberraschunge», eine Art Martyrium, in das sie sich in ihrer unbegrenzten Liebe zu dem hoffnungsvollen Sprößling unverdrossen und opferwillig hineinfügen. Ueber alle Maßen eingebildet, wie unsere heutige Jugend schon ist, dünkt sie sich, sobald sie in die Mittelschule eintritt und von den Professoren daselbst, im Gegensätze zu dem übliche»» „Du" in der Volksschule, mit dem respektablen „Sie" angesprochen wird, mit einemmale eine Persönlichkeit geworden und in das Stadium der Selbständigkeit gelangt zu sein. Neigt aber dann das erste Schuljahr seinem Ende zu und »vaudert der Schulausweis zur Einsichtsnahme ins Elternhaus, dar:»» zeigt es sich in vielen Fällen, rvie weit es mit der Persönlichkeit des zukünftigen Gelehrten her ist: nicht Lerneifer und Wissensdrang, sondern lediglich Hochnäsigkeit urrd Protzentuu» »varen es, »vorauf mancher sich so viel zugute getan und herausgenommeu hat. Und so koinmt es, daß so manch einer dieser „Entgleisten" in der Aufregung über das erlebte Fiasko, aus falscher Scham, oder aus Furcht vor de'' zu gewLrtigende»» elterliche»» Rüge oder Züchtigung zum Aeußerfteu greift und, wie dies auch die jü»»gste Tageschronik ausweist — ohne viel jit überlegen, dem Elternhause und sogar der Heimatstadt den Rücken kehrt und eine beliebige Excursiou in die rveite Ferne, in die ungetvisse und ziellose Fremde unternimmt» Zeigt es sich hier nicht de»»tlich, daß »vir unseren Kindern vom Hause aus, in ihrer frühen Jugend viel zu wenig moralisches Selbstbewußtsein, viel zu »venig echtes Pietätsgefühl einiinpften, das sie davon zurückhielte, uns durch solch verwerfliche Schritte und Wege auch nur für Augenblicke in den Zustand höchster Aufregung und Verzweiflung zu versetzen? Zeigt es sich nicht, daß uns bei der Erziehung unserer Sprößlingzumeist nur Sonderiuteressen aber nicht das Hauptinteresse, das Hauptmoment leitet, daß wir dabei stets nur die »naterielle und profane Seite und nicht die ideale und ethische Seite ins Auge faffen; mit einem Worte, daß »vir die jllgendlichen, für Alles empfänglichen Kinderseele»» für alles Andere zu erwärmen und zu begeistern suchen, nur nicht für die Religion und den Glauben, für die Liebe uni» Ehrfurcht zu Gott und für die Betätigung seiner heiligen Vorschriften und Lehren? „Im Adonaj lo jiwne bajis sckow omlu bonow bo“ ruft der große König u»»d Dichter in seinen Psalmen begeistert aus: dort, »vo dem Baue die eigentliche Grundlage, der göttliche Gedanke fehlt, dort mühen und plagen sich die