Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 27 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Kesterr-ungar. Canlaren-Zeilnng. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg. 27. Are geehrten Kerren Kantoren werden ebenso höflich als dringend ersucht, sowot den restlichen Avonnementsbetrag als auch das Abonnement für das neue, am 1. Juli begonnene Huartak einzusmden. . Aufruf zur Centennarfeier Zalomon Luhers. Am 4. März 1904 ist der Hund e r t st e Geburtstag S a l o m o n Sulzeis, und im Schoße der Wiener Eultusgemeinde rüstet man sich bereits, um den Tag, an welchem der Reformator des modernen Synagogengesanges und geniale Schöpfer des „Schir Zion“ das Licht der Welt erblickte, mit festlicher Weihe zu begehen. Wenn aber das gesammte Judenthum sich ehrfurchtsvoll vor dieser bedeutsamen Erscheinung neigt, so erwächst uns jüdischen Eantoren doppelte Pflicht, dem Andenken unseres großen Meisters, der eine neue Epoche im jüdischen Synagogengeiange begründet und unserem ganzen Stande Ziel und Richtung gegeben hat, au seinem hundertsten Geburtstage dem schuldigen Tribut der Dankbarkeit in solenner Weise Ausdruck zu leihen. Darum wollen wir an diesem Tage hier in Wien, an der Stätte seiner unsterblichen Wirksamkeit, eine Centennarfeier veranstalten und laden das gesammte jüdische Cantoreuthum in aller Herren Länder ein, entweder persönlich oder durch Entsendung von Delegirten zur Feier zu erscheinen und durch eine imposante Kundgebung zu manifestiren, daß das jüdische Cantorenthum die Bedeutung und Größe Salomon Sulzers zu würdigen versteht und stolz darauf ist, ihn als seinen Lehrer und Meister zu nennen Da die Vorbereitungen zum Feste und den an demselben geplanten künstlerischen Veranstaltungen längere Zeit beanspruchen, ersuchen wir alle jene College«, die an dem Feste theilzunehmen gedenken oder durch Rath und That geistig oder materiell unser Vorhaben fördern wollen, ihre diesbezüglichen Anmeldungen ehebaldigst an das Präsidium des „österr.-nngar. Eantoren-Vereines", Wien I. Seitenueltengasse. 4 gelangen zu lassen. Mit collegialem Gruße und Handschlag Der Vorstand des Oesterr.-ungar.Cantoren-Vereines. Znm Kapitel der Reileentschädigung. Ein unter dem Titel „Härten der Konkurs- Ausschreibungen" vor einiger Zeit in der „Cantoren- Zeitung" von einem ungarischen Cantor veröffentlichter Artikel deckte wieder einmal eine jener vielen Wunden anr, welche bis heute noch nicht geheilt, geschweige denn vernarbt sind: „Reisespesen werden nicht vergütet." Der Schreiber jener Zeilen meinte, daß auf allen Gebieten Fortschritte zu verzeichnen sind und überall Verbesserungen angestrebt werden, nur bei diesem Punkt wären wir nicht weiter gekommen, da ein Faktor fehlt, er nennt ihil Cautorenverein, der solche Uebelstände abschaffeu könnte. Unser verehrter Herr Kollege vergißt, daß wir wol im Zeichen des Fortschritts, aber nicht in dem des Edelsinnes und der Herzensgute stehen. Dem einen Konkurs ausschreibenden Vorstand ist es vor Allem darum zu tun, die rechte Auswahl unter den Bewerbern zu treffen und er beruft darum 3 bis 4 Petenten. Wenn nun der Vorstand generös ist, wird er gewiß auch dem Nichtaufgenommenen die Spesen vergüten, und ist er es nicht, dann wird er sogar dem Aufgenommenen dieselben nicht über das Maß seiner Auslagen ersetzen. Ein Verein wird nicht im Stande sein, direkt helfend einzuwirken, da die Cultusvorstände bekanntlich allen Vorstellungen, wenn sie das Wol der Funktionäre betreffen, sich starr gegenüberstellen und lieber ihrer eigenen Herz-und Verstandeseingebung Folge leisten. Da hilft nur stramme Solidarität, indem jeder einzelne Cantor lieber die Berufung aufgibt, wenn er nicht die vollste Gewähr hat, daß er die Spesen vergütet bekommt. Und nun ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung, welches ich meinen Collegen zur Darnachachtung wärmstens empfehle. Ich wurde, als ich noch im Hause meiner Eltern war und dem Studium im Cantorfache oblag, über Bewerbung um eine ausgeschriebene Stelle in einer Filialgemeinde der Residenz, vom Vorstande derselben auf einen Sabbat berufen. Ich beantwortete die Einladung dahin, daß ich kommen werde und mich freue, der ehrenhaften Berufung Folge zu leisten. Bevor ich jedoch meine Reise antrat, fragte ich noch einmal au, ob mir denn im Falle der Nichtaufnahme die Reise vergütet würde? Auf dieses Schreiben bekam ich gar keine Antwort. Mein Entschluß war mit einemmal geändert. Ich fuhr nicht! — — Nach Verlauf mehrerer Monate, ich war unterdessen anderswo ausgenommen, führte mich mein Weg wieder in die Residenz und ich sprach bei dem betreffenden Vorsteher vor, weil ich meine Qriginaldocumente noch nicht zurückerhalten hatte. Welcher Empfang mir da zu Teil wurde, kann sich Jeder denken. Ich wurde ob meines Nichterscheinens an jenem Sabbat, wo Alles geladen war und meiner mit Spannung wartete, mit einer Flut von Vorwürfen überhäuft, welche ich aber mit kaltem Blute über mich ergehen ließ, nur bemerkte ich, daß ich als mittelloser junger Mann nicht in der Lage wäre, mir Auslagen zu machen, deren Rückerstattung zweifelhaft sei. Der Herr Vorsteher sah wol dies ein, sprach mir aber zu Herzen, daß ich Unrecht getan und mir mein Glück verscherzt habe. Ich beantwortete seine Ausführungen mit leichtem Achselzucken, nahm meinen Hut und ging. Mein Mißtrauen wird man noch gerechter finden, wenn ich meinen lieben Collegen noch ein kleines Geschichtchen zum Besten gebe, wie einem armen College», der zwar berufen aber nicht ausgenommen wurde, seine Reisespesen vergütet wurden. Wie bekannt, sind die Chancen, ausgenommen zu werden, für denjenigen, der als Erster zur Probe gerufen wird, auch wenn er gefällt, weniger günstig, als die Chancen des Letztberusenen, weil naturgemäß der eventuell gute Eindruck des Letzten frisch und bleibend ist. So gieng es auch unserem Collegen, der als erster von drei Candidaten berufen wurde, auch gefallen hat, aber nicht aceeptirt wurde. Das Resultat erfuhr er, wie gewöhnlich, nach Absolviruug der Vorträge, wobei immer ein Zeitraum von vielen Wochen vergeht, so daß der gute Mann mit großer Spannung dem Ergebnisse entgegensah. Endlich brachte der Postbote eines Tages einen großen versiegelten Brief, aber — unfrankiert!! Was soll das bedeuten?! Zeugnisse zurück und unfrankiert? Das war doch die bodenloseste Gem. Ohne Stellung, bar aller Einkünfte, Refusierung der Bewerbung, keine Reisespesen, undnoch aus Eigenem das Postporto zahlen!! Das war zu viel. Meine verehrten Fachgenossen werden ob einer solchen Handlungsweise ungläubig den Kopf schütteln und dies nicht für möglich halten, aber es ist leider Tatsache. — Also bevor nicht Reisespesen garantirt werden, keinen Schrill in eine Gemeinde. Das ist aber nur im Wege der Solidarität zu erreichen, und diese Solidarität kann nur dann zu Stande kommen, wenn die Collegenschaft sich um eine gemeinsame Fahne schaart. Darum begeht jeder College ein Unrecht an sich und seiner Familie, wie auch an der Gesammtheit der Standesgenossen, wenn er sich dem öfter»Ungar. Cantorenvereine in Wien, der die Organisation unseres Standes anstrebt, nicht anschließt. Schaaren wir uns alle um diesen Verein und wir werden durch einmütiges Vorgehen und durch durch das Gewicht der Masse unstreitig viele Erfolge erreichen. Eiir böhmischer Cantor.