Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 20 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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. 20. Iesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung. Weilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg. Salomo» Noffi und Salomo» Salzer. Von P. Minkowsky, Obereantor, Odessa. II. Aus einer angesehenen Familie Mantua's stammend, nach deren Tradition ihre Ahnen unter Titus und Vespasian direct nach Rom geführt worden waren*), begegnen wir Salomon Rosst bereits im Jahre 1587 als außerordentlichen Musik.r und Sänger des Herzogs Vincenzo I?) Reben ihm wirkte auch musikalisch seine Schwester (Madamma Europa sua Sorella) und ihr musikalischer Sohn Anselmo?) Das Datum seiner Geburt und seines Todes ist nicht sichergestellt, obwohl allgemein bekannt ist, daß er ungefähr 40 Jahre (1587—1628) als Poet, Musiker und Violinspieler an den fürstlichen Höfen Italiens mit großem Erfolge tätig war. Alle seine Gedichte und Eompositionen sind verschiedenen Fürstlichkeiten gewidmet, was als Beweis seiner Beliebtheit bei diesen Fürstlichkeiten dienen kann. Rosst war ungemein productiv und die Zahl seiner Tonschöpfungen ist immens. Er componirte 2 Bücher stimmiger Eanzonetten (1589—1592), 4 Bücher 5stimmiger Madrigale (1596—1599), 3—5stimmige Symphonien und Gagliarden (1607), „Sonate, Gagliarde, Brandi e corsento a due yiole col basso per il combalo“ (1623), und 3—8stimmige Cantica, Psalmen, Hymnen und Landes (1620) und 1617 druckte Gordano sein Musikdrama „Maddalena"^). Bei dem Allen hat Salomon Rosst auch die Synagoge nicht ganz vergessen und dann und wann der jüdischen Liturgie einen geringen Teil seiner musikalischen Production gewidmet. Auf Veranlassung Juda de Modena's wurden die Früchte dieser Thätigkeit, die zu einem stattlichen „Libro" von 33 (?) Gesängen anwuchsen, gesammelt und 1622 (Cheschwan 5383) in 8 einzelnen Stimmen herausgegeben. Diesem Werke, genannt „Haschirim“, das durch den Pariser Obereantor Naumburg 1877 eine neue Edirung erfuhr, verdankt Rossi heute seine Wiederbelebung?) Salomon Rosst trägt auch den Titel „Min HoadoumiBi“, ein Name, den der unsterbliche. Verfasser des berühmten Werkes "D'j'jn Rabbi Asarje Rosst getragen hat, der wahrscheinlich derselben illustreu Familie augehörte. Dieser kurze Lebensabriß bietet uns genügendes Material zur richtigen Beantwortung der Frage, warum Salomon Snlzer eine neue Epoche in der synagogalen Liturgie begründet hat, während Salomon Rossi im Dunkeln geblieben ist. _ Es ist gar kein Zweifel, daß Salomon Rosst in seiner poetischen und musikalischen Begabung viel bedeutsamer als Salomon Snlzer gewesen ist. Dennoch kann Salomon Rossi nie denselben Platz wie. Salomon Snlzer in der synagogalen Liturgie einnehmen. Die Ursache dieser ungleichen Stellung ist nicht nur in der Verschiedenheit beider Persönlichkeiten sondern auch in dem disserirenden Character der Zeiten, in welchen die Beiden gelebt und gewirkt haben, zu juchen. Salomon Rossi war vor allem weltlicher Componist und mit Leib und Seele der profanen Kunst ergeben. Die Canzonetten, Madrigale. Gagliarden, Symphonien rc., die er dichtete und componirte, waren alle Huldigungen eines Ghetto-Juden zur Ehre der thronenden Despoten, der Ausdruck der Dankbarkeit für seine Befreiung vom grünen Barett und den rothen oder gelben Flecken, die seine Glaubensgenossen als Zeichen der Schmach tragen mußten. So war Rossi .in der Tat ein Künstler mehr von fürstlichen — als von Gottes Gnaden. Die Saiten seiner Violine haben viel mehr für die Fürsten von Toscana als für den Fürsten von Zion geklungen, und blos einen Rest seiner reichen Production hat er dem König der Könige geweiht. Auch Meyerbeer, Halevi, Goldmark rc. spendeten dann und wann ihr musikalisches Schärflein zum Vesten der synagogalen Lckurgie, aber niemandem wird es beifallen, dieselben in die Reihe der synagogalen Komponisten zu stellen. Solche Tondichter können wol als „Ehrengäste" in der Geschichte der jüdischen Liturgie, niemals aber als „Ehrenbürger" genannt werden. Hätte sich Salomon Sulzer blos mit der Schaffung einiger Eompositionen für die Synagoge begnügt und stünde er, wie Salomon Rossi, außerhalb der Synagoge, so müßte er auch wie dieser, sich mit dem Titel eines „Ehrengastes" in der synagogalen Geschichte zufrieden stellen. Das Verdienst Salomon Sulzer's liegt aber nicht nur in seiner musikalischen Production, als viel mehr in seiner organisatorischen Kraft, in seiner Hingebung für die gesammten Interessen der synagogalen Liturgie. Fast alle seine musikalischen Früchte waren »np dem Gotte Israels geweiht und er wollte keinen Tropfen musikalischer Tinte einem anderen Zwecke widmen. In seinem Vorworte zum zweiten Teil „Schir Zion" sagt Salomon Sulzer folgendes: „Vor Allem scheint es nicht unwesentlich, den Umstand hervorzuheben, daß mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen ist, seitdem mich Neigung, Geschick und — ich darf es wol sagen — auch innerer Beruf, so wie das Geschenk, das mir die Vorsehung in der Gabe des Gesanges verliehen, auf die Bahn hingedrängt haben, die ich, das Ziel stets unverrückt im Auge behaltend, durchmessen habe." „Vor fünfzig Jahren!" Dieses einfache Datum wird dem Kundigen deutlicher, als alle Schilderung es vermöchte, sagen, welchem Kampfe ich entgegenging, als ich in der E n t w i l d e r u n gb) der synagogalen Musik mich zuerst versuchte. Zu lange Zeit hatte auf den Juden der Druck des Mittelalters, der Fluch finsterer Jahrhunderte gelastet, als daß nicht jener Schwung des Geistes, ohne den die freie, heitere Kunst der Harmonie keine naturgemäße Entwicklung hoffen darf, gelähmt worden wäre .... Wäre das Feld, das ich zu bearbeiten begann, nur brach und öde, ich hätte mich gerne damit getröstet, daß ich dem scharfen Pfluge zugänglich, für bessere Saaten empfänglich sei. Aber es war von Unkraut überwuchert, von wildem Gestrüppe und wüstem Gerolle unwegsam gemacht. (Wo blieb Salomon Rosfi's Einfluß?) Das religiöse Gefühl war nicht weniger, wie die Würde der Kunst verletzt, und mit dem veredelnden Einflüße, den die Musik auf das Gemüt üben sollte, schwanden Ordnung, Disciplin und zuweilen selbst die Andacht aus vielen Synagogen .... Unter solchen Umständen genügten das richtige Verständnis und die Anerkennung des Besseren allein noch immer nicht, um dem letzteren Eingang zu verschaffen, — es gehörte vielmehr auch M u t dazu, einen Kampf gegen die Mächte der Gewohnheit, der vererbten Mißbräuche und des Vorurteils anfzunehmen." *) Ed. Birnbaum. „Jüdische Musiker am Hofe von Mantua. S. 17. 2) Dr. A. Kohut. Berühmte italienische Männer u. Frauen. S. 81. s) Jbid. 0 Dr. Hugo Niemann's Musiklexicon. S. 840. Leipzig 1887. 3) Ed. Birnbaum. Jüdische Musiker am Hofe Mantua. L) Wo waren denn eigentlich die Früchte Rosfi's in der verwilderten Liturgie? (Schluß folgt.)