Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1903-05-15 · Heft 19 (15.5.1903) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 19 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063163-3063182--02483-3069162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

19. >esterr.-ungar. Cantoren-Zeitnng. ZSeilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Ichrg. Zur Kerufsorganisation. Ueber mehrfache Anfragen diene hiemit zur Kenntnis daß bei Aufnahme in den „Oesterr.-ungar. Cantorenverein" eine Aufnahmsgebühr von 4 Kronen zu leisten ist und daß der Jahresbeitrag 8 Kronen beträgt. Sämmtliche Vereinsgelder sind au den derzeitigen Vereinscassier, Herrn Obercantor M. Schorr, Wien II.. Herminengasse Nr. 6, zu senden. Salomo» Rossi und Salomon Sicher. Von P. Minkowsky, Obercantor, Odessa. Herr Obercantor A. B. Birnbaum in Zcenstechow bespricht in einem hebräischen Aufsatze in der „Hazefira" Nr. 30 d. I. meine Broschüre „Die Entwicklung der synagogalen Liturgie" und macht zu meiner Behauptung, „daß gerade in d.er Epoche der Renaissance, in welcher die Kirchenmusik durch geniale Tonkünstler zu einer noch nicht dagewesenen Höhe gelangte, unsere synagogale Musik durch die mystischen Gesäuge der Lurianer, Witalianer. Sabbatäer, Frankisten, Chabadäer rc. zu einer schrecklichen Tiefe gesunken sei" (S. 53) folgende Bemerkungen: „Herr Minkowsky hat eine Epoche zu gering behandelt, in welcher viele jüdische Musiker sich ausgezeichnet haben, besonders der berühmte Poet und Musiker Salomon Rossi, der durch seine universelle Begabung sich an den fürstlichen Höfen eine hervorragende Stellung erworben und für die Synagoge 3-, 4-, 5- und 6-stimmige Choräle componirt hat, die vielleicht den palästrinischeu Chorälen nicht nachstehen (?) allenfalls aber mit den Snlzer'scheu Gesängen rivalisiren können. Es ist überhaupt zu bedauern — so setzt er fort — daß Salomon Sulzer, obwohl die meisten und besten Compositionen seiner „Schire Zion" die Früchte fremder Compoulsten sind, als epochemachend auf dem Gebiete der synagogalen Liturgie allgemein anerkannt ist, während Salomon Rossi, der ihn in Allem überragt hat, von allen Historikern wenig oder gar nicht erwähnt und von keinem genug gewürdigt wird." Diese Bemerkung verdient wirklich die Aufmerksamkeit aller College«, die für die Geschichte unserer synagogalen Litleratur Interesse haben, und darum möge es mir vergönnt sein, in unserem geschätzten Fachblatte diese Frage nach Möglichkeit zu erörtern. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne!" sagte Salomon der Weise, und so sehen wir, daß alle Ideen über Religion und Ethik, alle hohen Ideale der Wissenschaft, Kunst und Aesthetik schon lange vor uns Eigentum der Menschheit gewesen und in den einzelnen Perioden blos in abwechselnden Formen erschienen fiub. Jede neue Bewegung hat notwendiger Weise zwei Hauptfacwren zur Voraussetzung: die Idee und den Initiator, der die Geschicklichkeit besitzt, dieselbe so meisterhaft zu manisestireu, daß sie zum Eigentum der Zeitgenossen oder gar vieler künftiger Generationen wird. Aber diese beiden Faktoren sind nicht immer zur Sicherung des Erfolges hinreichend. Wir begegnen in der Weltgeschichte sehr häufig Persönlichkeiten, die von den höchsten Idealen beseelt und mit der nötigen Energie zur Realisirung derselben ausgestattet» dennoch bei ihren Lebzeiten ausgelacht werden und nach ihreut Ableben gänzlich in Vergessenheit gerathen. Und siehe da, in anderer Zeit erscheint ein anderer Mann, der dieselbe Idee in einem anderen Gewände, oder sogar in der alten Form aufs Reue auftischt und das Vertrauen seiner Generation gewinnt. Er schlägt die Götter der Vergangenheit todt, lenkt die Welt nach Belieben und wird unsterblich, während der wahre Vater dieser Idee ganz verschollen bleibt. Die Ursache dieser Erscheinuug liegt nicht nur in der Idee selbst, wie auch nicht blos in der individuellen Macht des Initiators oder Resurrectors, sondern sehr oft in der Epoche, in welcher dieser Gedanke zur Erscheinung kam, und in der Generation, der die Verwirklichung dieser Idee auserlegt worden war. Es gibt Epochen, in denen die Menschheit durch innere und äußere Ursachen zu irgend einer Umwälzung so vorbereitet ist, daß auch ein mittelmäßiger Führer, der blos seine Zeit genau kennt, im Staude ist. Alles in Bewegung zu setzen, eine Revolution im Glauben und Denken hervorzubringen, alte Ideen zu entwurzeln und neue an deren Platz zu pflanzen. Die Zeit war ihm günstig und er hat es verstanden, diese Gunst auszunutzen. Andererseits hat es aber Epochen gegeben, in welchen die Menschheit aus verschiedenen Ursachen iu Stillstand gerathen und zur geringsten Bewegung unfähig geworden war, so daß auch die Erscheinung eines Niesengeistes nichts zu alterireu vermochte, wie auch der erhabenste Gedanke, der in einer anderen Zeit zum Ideal der Generation gestempelt worden wäre, als Chimäre ausgelacht wurde. Vergebens bleibt die Mühe eines Initiators in einer Zeit, da der Menschheit jede Empfänglichkeit fehlt. Selbstverständlich will ich damit nicht die Kraft eines Genies negieren, das die Fähigkeit besitzt, auch gegen seine Zeit zu kämpfen und zu siegen. Wenn wir nun alle historischen Bewegungen genau untersuchen, finden wir zwei Kategorien unter den Initiatoren. Zur ersten Kategorie gehört der Genius, 'der durch seine große intellectuelle Kraft die Menschheit seinem Willen subordinirt hat, daß sie mit allen veralteten Conceprionen abbricht, um für die neuen Raum zu machen. Ein solcher Factor verdient wirklich „Schöpfer" seiner Zeit genannt zu werden, seine Generation trägt seinen Siegel und keine andere Persönlichkeit außer ihm wäre im Stande gewesen, eine ähnliche Bewegung ins Leben zu rufen. Zur zweiten Kategorie gehören jene Individualitäten, die nur der Zeit zu verdanken haben, daß sie zufällig an das Ruder einer Bewegung gekommen sind; solche Persönlichkeiten tragen immer den Stempel ihrer Zeit, wechseln ihre Physiognomien nach dem Wechsel der Zeiten und verdienen höchstens den Namen „Geschöpfe" aber nicht „Schöpfer" ihrer Zeit genannt zu werden. Jedoch sind Fälle in der Geschichte zu verzeichnen, wo solche Geschöpfe in einer günstigen Zeit erfolgreicher gewirkt haben als die genialen Schöpfer in einer ungünstigen Zeit, wo sie dem ungleiche» Kampf erlagen. Was die Entwicklung des jüdischen Gesanges betrifft ist gar kein Zweifel, daß fast in allen Epochen der Diaspora und in allen Etappen der Entwicklung der allgemeinen Musik Juden und Halbjuden sich mehr oder weniger an derselben beteiligt haben. Auch diejenigen Despoten des Mittelalters, welche ihre Juden unter Schloß und Riegel hielten und ihr Ohr und Herz mit sieben Siegeln gegen das Elend ihrer unglücklichen Uuterthanen verschlossen haben, zeigten immer viel Empfänglichkeit für den jüdischen Gesang. Es ist eine Tatsache, daß in allen Perioden der Scalden, Barden, Troubadurs, Minne-, Kirchen- und Theatersänger auch Juden oder jüdische Renegaten sich eifrigst beteiligt haben. Unter btefeit zeichnete sich ganz besonders Salomon de Roffi aus. für dessen Ehre der geehrte College A. B. Birnbaum mit Recht eiügetreteu ist. (Fortsetzung solgt.) iMssassr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.