Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 9. Nr. 12. Die Wahrheit. antisemitisch durchwühlten Epoche selbst bei einem jüdischen Cantor, der durch die Vertonung der Friedensworte Boi wescholom auch ein Apostel des Friedens sein möchte, nicht auffallen. Die Composition ist ehrlich gearbeitet, stimmungsvoll und wird bei jeder nur einigermaßen guten Aufführung die entsprechende Wirkung im Gefolge haben. Der zweite Lecho dodi desselben Heftes schließt sich nach jeder Richtung dem ersten würdig an. Die dritte Nummer „waani sefilosi“ für Cantor-Solo und Orgelbegleitung, wahrscheinlich für Mincha am Sabbath gedacht, müßte als eine Prachinummer bezeichnet werden, wenn dieselbe nicht im reinen H-moll, sondern in der ihr gebührenden mögen owans Tonart (aeolisch) h, cis d e, fis g a h, so gearbeitet wäre. Muß denn ein Gesang, dessen Töne offenbar einer alten Zeit angehören, gewaltsam unter das Joch einer modernen Harmonisirung gezwängt werden? — Muß denn, der allerdings correkte, hier jedoch mit seinem aufdringlichen Ais geradezu störende Dominant Septaccord zur Anwenduug gelangen? Möge doch der geehrte Componist die Stellen betrachten, wo das leitereigne A belassen blieb, wie friedlich schön und versöhnend das klingt; oder möge man die hier verzeichneten Noten sowohl in der Singals Orgelstimme des gesammten Stückes ohne Aufzwingung des Ais spielen oder singen, wie charakteristisch lieblich das wirkt. — „Aber fremdartig", hören wir rufen, wir geben dies zu, doch nur mit dem Vorbehalte, daß diese leiereigeueu Töne nicht mit dem Gradmesser des modernen Musikstiles gemessen werden dürfen, das ist eben Antike und das Antike will auch gar nicht modern sein. Die vierte Piece des uns vorliegenden 5. Heftes ist ein temperamentvoller Jigdal. Dieses Preislied Jehowas hat Goldstein wahrhaft diplomatisch in Musik gesetzt. Um für die in fünfzeiligen Gruppen stets sich wiederholende Lobpreisung Gottes nicht immer wieder neue Töne erfinden zu müssen, verwendet er das dürftige, aber ausdruckvolle Eingangsmotivchen für den Anfang je einer Gruppe nnd baut das Weitere in gleichartiger Weise, mit den gleichen, etwas speculativen Modulationen nach Des dur und B-moll weiter, nur im Miltelsatze bei hinno adon olom lechol nozor unterbricht ein im Tempo wie im Tondrange etwas gemäßigteres Cantorsolo sehr wirkungsvoll die Stimmung. Hier stoßen wir bei der Vertonung der Textworte io kom bejisroel auf eine unliebsame Reminiscenz aus der Rossini'scheu Oper „Wilhelm Teil", und zwar jener Stelle, da Tell das schwere Joch der Schweizer beklagt: „Der Schweizer, der verkannte, er seufzt, er seufzt rc.", das hätte vielleicht nicht sein müssen. Die weitere Composition des Stückes setzt wieder mir dem Eingangsmotiv ein und schreitet mit der gleichen modulatorischen Ausweichung bis zum Worte ade ad. allwo ein verminderter Septaccord, mit einem Halter versehen, gleichsam auf den nun folgenden Schluß vorbereitet. Auch diese Piece ist wirkungsvoll. Mit der sattsam klargethanen Hingebung und schöner Sachkenntnis sind auch die Piecen der anderen Hefte gearbeitet und wir glauben der eingehenden Erörterung jeder einzelnen Nummer auch insoferne enthoben zu sein, als wirklich nichts Bemerkenswerthes zu berichten wäre. Nur das eine Heft, welches nnesane tokef — uweschofor godol und Kwakoras enthält, müssen wir einer eingehenden Würdigung unterziehen. Die obenagenführten 3 Piecen bilden den Mittelpunkt sämmtlicher Gesänge der hohen Feiertage und sind dazu erkoren, der Stimmung des Tages mächtigen Ausdruck zu verleihen. Herr Goldstein ist auf diesem Gebiete sehr heimisch; weshalb windet er sich bei der Compositon. des „unesane tokef1*, um gewaltsam modern zu erscheinen? Und weshalb zwingt er sich, selbst dort, wo der Jntervallenfluß geradezu hindrängl, um gut traditionell zu sein, mit voller Macht sich der modernen Richtung anznpassen? Und beim u’wschofor godol, da doch der ganze Ausbau des Tonstückes offenbar auf der Skala Fis, G-, Ais, H, Cis, D, E, Fis, wie bei der Vertonung der Worte umalochim zu ersehen, ruht, weshalb, fragen wir möchte der Componist gegen seinen Glauben der Welt glauben machen, das Tonstück bewege sich in Fis dnr, da doch vorne zwei Kreuze verzeichnet stehen und auch sonst alle musikalischen Bedingungen für Fis dnr fehlen? So brav die Sachen sonst auch gearbeitet erscheinen, was wir sehr gerne zugestehen, so veranlassen die oben bezeichueten Vorkommnisse dennoch zu tiefem Nachdenken, weil mau es nicht fassen kann, daß notorisch alte Reliquien gewaltsam mit modernem Flitter umgeben werden müssen. Unsere gesammte synagogal musikalische Entwicklung wird endlich in eine sonderbare Bewegung gerathen, wenn mau erst die ganze Fülle der Bedeutung, die in den Shnagogeutonwerken lebt, richtig erfaßt haben wird und zur Ueberzeuguug gelangt, daß durch die Cultivirung derselben unserem Heiligthume sein angestammtes Recht gewahrt werden kann und muß. Wir hoffen zuversichtlich, daß auf dem Gebiete deL Synagogengesanges durch einen vollkommen vorbereiteten und zielbewußten Mann endlich auch ein Mal Wandel geschaffen wird; wir hoffen, daß dieser ersehnte synagogal-musikalische Messias bereits auf dem Wege sei und vermeinen, das heilige Rauschen seiner Fitlige 51t vernehmen. Möge unser Hoffen sich baldigst erfüllen! Verschiedene Nachrichten. Wien. Die von den zwei zionistischen Einzelvereinen „Wien" und „Innere Stadt" Samstag den 14. bei Guth veranstaltete Purim- und Schekelfeier, um deren Zustandekommen sich Herr Rudolf Pick und Herr Zellermeyer jun. besonders eifrigst bemühten, nahm einen äußerst animirten Verlauf. Das zahlreich erschienene Publikum lauschte andächtig den geistvollen Ausführungen des Herrn Dr. Leop. Kahn und erbaute sich an der glänzenden Rede des als Ehrengast erschienenen Herrn Lector Friedmann. Hieraus folgte der unterhaltende Theil, in dem besonders glänzend die Gesangsvorträge des Herrn M. Reich, Chordirigent des Tempels im IX. Bez. hervorragten. Wahre Stürme des Beifalls erntete Herr Victor Frankl mit Recitationen jüdischnationalen Inhaltes. Mit seltener Meisterschaft sprach er unter anderem Mosenthals »Heimat in der Fremde" und Rosenfelds „Sturm" und verstand es durch seine innigen Accente einen großen Theil des Publikums wahrhaft zu Thränen zu rühren. Der weitere Theil des Programms brachte wieder heitere Stimmung, sodann wurde fleißig getanzt, und erst die frühen Morgenstunden brachten den Abschied. Kannover. Am 2. Mai d. I. begeht Herr Obercantor G. Linhardt sein 25jähriges Cantoratsjubiläum und gleichzeitig das Fest der silbernen Hochzeit. Bei der außerordentlichen Beliebtheit, deren sich der wackere Mann in weitesten Kreisen erfreut, wird es gewiß an diesem Tage an Ehrungen für den Jubilar nicht fehlen. Sohrau. O. S. Im hohen Alter von 82 Jahren starb Hierselbst am 4. März der Nestor der schlesischen Cantoren, Herr Bock. Der Brr» blichene, der seit dem Jahre 1854 in Sohrau wirkte, erfreute sich nicht nur als ausgezeichneter Vorbeter, sondern auch als edler Charakter und großer Philanthrop einer seltenen Beliebtheit. Hadras-Kodescli. 287 melodiöse Gesänge für Soli, Cantor und Chor mit. und ohne Orgelbegleitung, wie auch deutsche Gebete und Dinim enthaltend. Preis Sechs Kronen gegen Nachnahme oder vorherige Einsendung des Betrages. Zu beziehen von ICantor u. Lehrer,. Bunzlau, Preuss. Schlesien. _ Schir Zion ■" von Sulzer in mehreren Exemplaren (nurwolerhalten) zu kaufen gesucht. Offerte an Buchhändler Limit, Wien, I., Rothenthurmstrasse 22.