Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Vor einigen Wochen hatte ich die Ehre, im „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" über die zwei großen Gesetzgebungen des Altertums, und ihrer Begründer, über jene Spartas und Judas, über Lykurg und Moses, einen Vortrag zu halten. Ich verglich auch die Errungenschaften der Neuzeit mit den 4000 jährigen Gesetzen unseres Volkes und kam zu dem Resultate, daß wenn nicht Cultur und Gottescultus auf der gleichen Höhe stehen; wenn nicht — wie im jüdischen Gesetze — das „um und au" aller Gebote und Verordnungen darauf hinziele, im Menschen das Ebenbild Gottes zu schätzen, und zu achten — daß dann ein Volk sich selbst den Untergang bereite, daß. was es gewesen und geleistet, der Vergessenheit anheimfaklen müsse. Die Geschichte liefert uns dafür tausendfältige Beweise. Am Schluffe meines Vortrages kam ich dann auf die „Tagesfrage" zu sprechen und sagte Folgendes: „Wir sind seit einigen Tagen Zeugen eines merkwürdigen Geisteskampfes: Es soll aus Tonscherben der Beweis erbracht werden, daß die Bibel kein Gotteswerk sei, sondern .eine Copie — allerdings eine sehr gute — noch älterer, und zwar babylonischer Gesetze. Vor einigen Jahren vernahmen wir einen jüdischen Gelehrten, der behauptete, nicht Moses sondern die „jüdische Volksseele" habe die biblischen Gesetze geschaffen. Diese beiden Hypothesen — denn um nichts Anderes handelt es sich — könne man mit den bekannten Dichterworten eines Sabbatliedes widerlegen: „B’al korchau jessaper sch’wochau, wider ihren Willen verkünden sie der Juden Lob". Also nicht ein einzelner Mensch, sondern ein ganzes Volk stand schon vor 3500 Jahren auf einer sittlich so hohen Stufe, daß es sich Gesetze gegeben, die man in mancher modernen Gesetzgebung vergebens sucht. Oder giebt es vielleicht ein Gesetzbuch, das die Arbeiterschutzgesetze an die Spitze aller stellt? (2. B. M. 21, 20) Oder ein modernes Gesetzbuch mit einer Fremdengesetzgebung, wie 2. B. M. 23, 9. sie klipp und klar zum Ausdrucke bringt? Und weiterr Nicht Moses sondern ein babylonischer Gesetzgeber soll den einig-einzigen Gott, den Sabbath u. s. w. „erfunden" haben. „Wenn nun alles, dieses aber wahr sei, so könne man dem jüdischen Volke doch einen Ruhm nicht streitig machen, d a ß e s ein 4000 Jahre begraben gewesenes Gesetz lebendig erhalten, geübt und in unsere Zeit hinübergeretter habe." Das war ungefähr der Gedankengang, womit ich schloß. Seitdem tobt der Kampf. Hüben und drüben wird dafür gesorgt, daß er sobald nicht zu Ende. Daß wir Juden uns „unserer Haut wehren" wer wollte uns solches verdenken? Und der Kampf wäre ja ein relativ leichter, wenn der Gegner mit ehrlichen Waffen kämpfen wollte. Daß dieses nicht der Fall ist, wird mit jedem Tage klarer. Und nun kommt zu all diesen babylonischen Verwirrungen noch eine Verirrung, die geradezu katastrophal wirken muß. In einem für die weiteste Oeffentlichkeit bestimmten Briefe nimmt der Deutsche Kaiser in dieser Sache das Wort. Das ist sein Recht. Kaiser Wilhelm II hat aber in seinem Briefe an Herrn von Hollmann Ansichten geäußert, deren Richtigkeit zn beweisen, ihm nicht ganz leicht sein wird. Zunächst — rein nebensächlich —: Wo findet sich im alten Testament eine „recht krasse, scheußliche und einseitige Darstellung der Babylonier", derenthalben Delitzsch „eine Ehrenrettung erwirken mußte?" Vielleicht im Buche Jona.Avo von den Babyloniern erzählt wird, daß sie Buße thaten? Oder: wo steht denn in der Bibel, daß Moses babylonische Cultur und egyptische Wissenschaft nicht miteinander vereint, um darauf die göttlichen — d. h. die den Menschen zum Ebenbilde Gottes stempelnden — Gesetze zu erlassen? Oder: Verschweigt etwa, die Bibel, daß ein Nichtjude, Jithro, Moses manch guten Rath gegeben, und diesen Rath mit den trefflichen Worten begleitet: ich rathe Dir, und Gott möge mit Dir sein, ein Rath, der von Moses Wort für Wort befolgt wurde? Finden wir in der Bibel etwa nicht, Anklänge an die babylonische Cultur,j die auf Tafeln — von Ton oder Stein ist ja . Nebensache — ihre Gesetze eingegraben; oder an die egyptische Wissenschaft, die auf PapyruS ihre geschichtlichen Aufzeichnungen der staunenden Nachwelt hinterlassen? Finden wir nicht die beiden steinernen Bundestafeln und nahe dabei den Hinweis auf die in einem Buche zum Andenken hinterlassene Geschichte' Amäleks, jenes Urbild des Antisemiten? Also Keilschrift und Buchftäbeüschrift in einer Epohe? Oder: Wo steht in der Bibel, daß das jüdische Volk der Nimbus des „aüserwählten Volkes" umschwebe? Jawohl. Ausgenvählt sollte Israel sein, werde Israel sein, wenn — und hier liegt der Nachdruck — wenn es