Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 Die Wahrheit. Seite 7. geeignete Formen gegossen, der Nachwelt zu erhalten bemüht ist. Wir würdigen aber auch den ehrlichen, strebsamen Arbeiter, der es verschmäht, lediglich und ausschließlich als ausübender Cantor sein Genügen ' zu finden, sondern auch in amtsfreier Zeit sich künstlerisch zu beschäftigen versteht, und als Resultat dieser Thätigkeit dem jüdischen Cantorate solch' schätzbare Gaben zu übermitteln. In diesem Sinne sei das Merkchen allen betheiligten Kreisen bestens empfohlen. O b e r c a n t o r Singer, Wien. Die Barcheskönigm. Von Michael K a h a n 6. (Schluß.) Eines Tages kündigte eine vorüberziehende jüdische Schauspielertruppe in unserem Orte sür einige Abende ihre Vorstellungen an. Natürlich, in einer Gegend, wo die Bevölkerung auf keine sonstige Abwechslung zu rechnen hat, bildet dies ein Ereignis. Die Vorstellung sollte in dem für solche Zwecke eingerichteten „Honoratiorensaal" stattfinden. Rabbi Jonas, besten heiliger Stand es eigentlich nicht zuließ, solchen Vorstellungen beizuwohnen, entschloß sich doch endlich auf mein Zureden hinzukommen, und auch seine Esther, deren sehnlichster Wunsch es war, sich einmal so etwas ansehen zu dürfen, durfte mitkommen. Man gab die reizende Idylle „Ruth" und Esther war von der Aufführung ganz begeistert. Sie fand die Handlung so rührend und meinte, wie doch Begebenheiten längst verklungener Zeiten auf uns Moderne noch immer einen nachhaltigen, wirkungsvollen Eindruck ausüben können. „Warum nicht, liebste Esther", erwiderte ich, „haben die Menschen des damaligen Zeitalters andere Gefühle und Empfindungen besessen, als wir heut' Lebende? Möglicherweise, daß sie damals heftiger gefühlt, leidenschaftlicher geliebt, aber die Herzen haben doch keine andere Sprache gesprochen." „Ueberhaupt Boas", entgegnete sie, „welch' ein Mann kommt ihm an Edelmut gleich!" — „Entschieden, da stimm' ich mit Ihnen ganz überein. Vielen unserer Zeitgenossen könnte er zur würdigen Nachahmung anempfohlen werden. Schon die Art, wie er Ruth entgegenkam, ohne jede weitere Verpflichtunngen für sie zu haben. Sehen Sie, geliebte Esther, das sind Woltäter, nicht wie unsere heutigen, die in unseren Zeitungen gepriesen werden und ihre Woltaten überall mit so großem Lärm ankündigen." * » * Seit dieser Vorstellung schien es, daß Esther meinem Jdeenkreis um ein Bedeutendes näherrückte. Wir plauderten oft mitsammen, und wenn Rabbi Jonas nicht von irgend einer Seite in Anspruch genommen wurde, beteiligte er sich selbst an unserem Gespräche. Ueberhaupt vertraute er diesen Schatz ganz meinen Händen. Noch war kein Jahr verflossen, seit ich in meiner neuen Stellung tätig war. und schon konnte ich die angenehme Tatsache constatiren, daß meine Gehaltsauspräche um ein Bedeutendes erhöht wurden. Das genügte schon, einen kleinen selbstständigen Haushalt zu führen, Kotabene, wenn man noch -dazu eine tüchtige Lebensgefährtin zur Seite hat. Ja, eine Lebensgesährtiu, wo sollte ich sie hernehmen . . .? Wiewol ich die sür mich einzig passende schon ausgesucht hatte, wußte ich doch nicht, ob sie sich dazu entscheiden würde. Aber Mut trägt ja bekanntlich viel zum Gelingen bei. Und eines Tages trat ich beherzt vor Rabbi Jonas hin, um ihm mein Anliegen vorzubringen. Als er mich so eine Weile ruhig angehört hatte, meinte er, zu meinem Geständnis den Kopf schüttelnd: „Das ist alles gewiß schön nnd löblitz), aber es gilt vor allem auch.Esther darüber -zu-Maüe W ziehen." „Unbedingt, lieber Gastsreund. Sie ließen mir während der ganzen Dauer meines Hierseins schon so viel Gutes zuteil werden, daß ich es endlich an der Zeit finde, Ihnen mit gleicher Münze abzutragen." »Ich will die Esther rufen." Bald stand ich ihr gegenüber. Ich harrte nun auf die Entscheidung. „Nun Kind", ergriff Rabbi Jonas nach einer feierlichen Pause das Wort, „es ist ein sehr wichtiger Augenblick, der Deiner harrt. Von Dir allein hängt das Schicksal dieses jungen Mannes ab. Er kam zu mir, um Deine Hand zu werben. Du hast Dich nun zu entscheiden. Wärest Du also gesonnen, die Gattin eines Mannes zu werden, dessen Stellung...?" Esther senkte verlegen den Blick zu Boden, doch als Rabbi Jonas die Frage wiederholte, schlug sie die Augen zu ihm auf und ihr Blick schien durchaus nicht ablehnend zu sein. Wie, sollte ich wirklich Erhörung in ihren schönen Augen gesunden haben? „Nun Esther," begann Rabbi Jonas abermals in sie zu dringen, und diesmal sanft ihre Hand er fassend, „kommt es Dir so schwer an —?" Abermals dasselbe Schweigen, nur ein leises zustimmeudes Nicken mit dem Kopf war die stumme Antwort auf die Frage. „Esther", jubelte ich auf, „Du willigst also doch ein ...?" Und ihre Hand der seinigen entreißend, zog ich sie mit ungestümem Druck an mich, ein langanhaltenden Kuß auf ihre unschuldsreine Stirne drückend. So war mein Schicksal entschieden^ . . . Mein Renomms wuchs mit jedem Tag, da ich Rabbi Jonas Tochter geehelicht hatte, wie nicht minder das ihrige in der trefflichen Zubereitung ihrer bestbekannten Specialität, die ich jetzt frisch von der Quelle — besser wär's gesagt, von ihrem Backofen — genießen durfte. Und als zufällig wieder einige bei uns zum Freitageffen Geladene den Punkt berührten, meinte ein witziger Kopf, auf mich anspielend: „Wißt ihr, in einem ist unsere Frau Wirtin, die Esther, einer ihr nahestehenden Person unbedingt voraus." „Und das wäre?" unterbrachen ihn die übrigen Gäste mit einem Seitenblick auf mich. „Nun darin, daß ihre Barches, die wir von ihr vorgesetzt bekommen, nicht so einen Beigeschmack besitzen, wie seine mitunter auch unerquickliche Wissenschaft." Verschiedene Nachrichten. Wie«. (Probepredigteir im Leopoldstädteruns Stadttempel-> Herr Rabbiner Dr. M. C. Proßnitz aus Mährisch-Aussee hält Freitag, den 13. Februar d. I. bei dem Abendgottesdienste, der um 5 Uhr 30 Min. Abends beginnt, im Leopoldstädter Tempel, II., Tempelgaste, die Predigt, und am Samstag, den 14. d. M. bei dem um 3 Uhr Nachmittags stattfindenden JugendGottesdienste im Stadttempel I., Seitenstettengaffe, die Exhorte vor den Mittelschülern. Nächste Woche hält Herr Rabbiner Dr. M. Rosenman aus Floridsdorf im Leopoldstädter-Tempel am Freitag, den 20 Februar d. I. beim Abendgottesdienste, der um 5 Uhr 30 Minuten beginnt, die Predigt, und am Samstag, den 21. Februar d. I. im Stadttempel, bei dem um 3 Uhr Nachmittags stattfindenden Gottesdienste für Mittelschlüler die Exhorte. Wien. Herr Rabbiner W. Sor ist, nachdem er mehr als 50 Jahre, davon die letzten 18 Jahre in Wien, als Lehrer der Jugend und als Lehrer der Gemeinde verdienstsoll gewirkt hat, bei der Cultusgemeinde um seine Pensionierung eingeschritten. Der Vorstand der Cultusgemeinde konnte sich der Bitte des bew ährten Seelsorgers und Lehrers, der infolge seines hohen Alters der Ruhe bedarf, nicht verschließen uud hat, wenn auch mit Bedauern, dem Wunsche Folge gegeben. Die Uebernahme in den Ruhestand erfolgte unter schriftlicher Anerkennung der pflichteifrigen und segensreichen Tätigkeit des Seelsorgers. Zu der Abschiedsrede, welche Herr Rabbiner Sor Samstag, den 31. v. M., vor seiner Gemeinde im Währinger Tempel hielt, hatte sich eine zahlreiche Zuhörerschaft ein-