Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. 2hl. 4. Strauß, (neu), Stellvertreter: Julius Körpner, I. Schriftführer Jakob Gelbtuch (neu) II. Schriftführer: Philipp Haß, (neu) Caffier: Josef Läufer, Bibliotekar: Gotthard Morgenstern, (neu) Ersatzmänner: Bernard Grstnhut, Heinrich Frankel (neu), Josef Honig (neu) und Emil Butterklee. Caffareviforen : Samuel Jnslicht und Wilhelm Quartiier. Der^ Obmann Strauß hielt hierauf ein Referat über die Organisation der jugendlichen Arbeiter in Oesterreich und speciell in Wien, und regte u. A. die Gründung eines Reichsverbandes sowie Schaffung einer Fachpresse an. Letztere soll bereits ab 15 März unter dein Titel „Arbeitende jüdische Jugend" als Monatsschrift erscheinen, und die einzelnen Organisationen | näher bringen, sowie auf die Mitglieder einen erzieherischen und bej lehrenden Einfluß ausüben. Nachdem noch mehrere interne Vereinsj - angelegenheiten besprochen worden waren, schloß der Vorsitzende nach! zweistündiger Dauer die Versammlung. (Zuschriften, sowol bezüglich des Vereines als der zu schaffenden Presse, find an den Obmann, 5>errn Samuel | Strauß, Wien, XVIII., Czermakgaffe 16 zu richten.)! Inaim. Unter großartiger Beteiligung aller hies. Kreise wurde Freitag nachmittags die irdische Hülle des am Mittwoch, den 14. d. mittags verstorbenen k. k. Lieutnant des nichtaktiven Standes der Landwehr und Repräsentanten der k. k. priv. Ersien Znaimer Spiritus-Raffinerie in Wien, Herrn Ernst Spitzer, zur ewigen Ruhe geleitet. Kurz vor 2 Uhr hatten fich im Trauerhaufe die Leidtragenden und Trauergäste, unter welch Letzteren wir auch Herrn Bürgermeister-Stellvertreter und Landtagsabgeorneter Dr. Heinrich Homma mit mehreren Herrn Mitgliedern der Gemeindevertretung, Herrn Generalmajor Johann Steffan v. Jllheim, Herrn Oberst Eduard Horbazewski des 99. Inf. Rgmts., Herrn Major- Lothar Ritter von Dornfeld des hies. Landw.-Bataillons, sowie viele Herren Offiziere der genannten Truppenkörper, Herrn Gymnasialdirektor Julius Wisnar, Herrn Acker, und Weinbauschuldirektor Fritz Schneider, sowie den Vorstand der Cultusgemeinde rurd Chewra-Kadischa bemerkten, j eingefunden die mit den nächsten Angehörigen trauernd den Sarg um-! standen. Um 2 Uhr erschien der Herr Rabbiner Dr. Kahan, nahm die üblichen Trauer-Zermonien vor und hielt sodann eine ergreifende Trauerrede, in welche er die Eltern, Geschwister und die' Braut des leider allzufrüh Verblichenen über den schweren und schmerzlichen Verlust zu trösten versuchte. Nach der Trauerrede, die Alle, welche der Begräbnisfeier beiwohnten, zu Tränen rührte, wurde der Sarg gehoben und zu dem vor dem Hause harrenden Leichenwagen getragen, worauf sich der Leichenzug durch das dichte, vor dem Hause angesammelte Menschenspalier in Bewegung setzte. Eröffnet wurde derselbe von dem mit Kränzen, darunter auch ein Kranz von Herrn Baron Seefrid, reichlich beladenen Kranzwagen, dem der Herr Rabbiner und dann der von acht Fakulanten! umgebene geschloffene Leichenwagen folgte. Diesem Wagen folgte die I Braut des Verblichenen, Fräulein Josefine Fuchs, am Arme des Bruders j des Heimgegangenen, Herrn Richard Spitzer, welchen sich die übrigen j Leidtragenden aus dem Familienkreise anschlossen. Diesen^ folgte sodann j die große Zahl der Trauergäste. Durch die zahlreiche Beteiligung am j Leichenbegängnisse wnrde kundgetan, daß sich der Verblichene der Shmj pathien aller Kreise der Bevölkerung erfreute. Sein Hingang wird von j Allen, die ihn näher kannten, tief betrauert. Arag. Ter hiesige „Jüdische Frauenverein" veranstaltete am "7. d. M. einen Vortragsabend, der sehr gut besucht war. Herr stud. Phil. Hugo Bergmann sprach über den hebräischen Schriftsteller Dr. M. I. Berdiczewsky und führte aus, daß es im Leben Berdiczewsky 3 Perioden ^gegeben habe. Tie 1. war der Aufenthalt im Ghetto, wo der Jüngling zwischen der Sehnsucht nach der ungekanten Freiheit und dem durch das Jahrhunderte alte Erbe ihm aufgezwungenen Hange am Alten, zwischen dem Juden und dem Menschen, zwischen Buch und Leben seinen erstenjKampf kämpfte. Berdiczewsky folgte dem Leben und zerriß alle Bande, die ihn an das Ghetto fesselten, da entstand seine Novelle: „Auf weiten Wegen-'. Als 2. Epoche gilt die erste Zeit seines Aufenthaltes in der Fremde, wo -er sich dem eifrigsten Studium widmete. Er wollte nachholen, was er versäumt hatte; doch da kam ihm die Ueberzeugung, daß, um zu wissen und das Wissen zu lernen, man früher den Untergrund des Gemütes haben müsse. Sein Gehirn ist übervoll, sein Herz aber ist leer, ist tot, durch das Buch getötet. — In der 3. Epoche wird der Dichter aus dem Träumer «in Kämpfer Seine Losung ist der . Kampf gegen das Buch, für das Leben. Berdiczewsky, der Denker, sucht in seinen Effaysammlungen („Aus dem Scheidewege", .Werte", „Vor der Entscheidung", „Nachlese") theoretisch nachzuweisen, daß das jüdische Volk, um zu gesunden, erst alles abschütteln muß, was zwischen ihm und dem Leben steht. Das jüdische Volk muß aufhören, ein Am-Hasepher, Volk des Buches zu sein, das sich bedingunslos dem Geschriebenen überliefert, es muß ein Am-Hasephrus, «in Litteraturvolkwerden, wie jedes andere Kulturvolk. Leben und Litteratur müssen Hand in Hand gehen, immer sich ändernd, erneuernd, einander gegenseitig befruchtend; die Jueen dürfe» nich nur der Vergangenheit leben. — Dkr Dichter Berdiczewsky hat als Hauptmotiv ebenfalls den Kampf zwischen Büch und Leben, Judentum und Juden. „Meewer lanahar". „Jenseits des Stromes" schildert den Juden, de,- in der Judengaffe diesen Kampf durchlebt. Um sich und die Freiheit seiner Persönlichkeit zu retten, muß er hinüber gehen, seine Frau verlassen und sein Glück für immer begraben In „Machnajim", „Bilodeho" „Ohne sie"), „Urwo porah" (Es war einmal") faßt er das-Problem von der anderen Seite. Der Jude hat das Ghetto scheinbar überwunden, er stürzt sich ins Leben und geht am Leben zu gründe. Denn wenn die Lust der Judengasse die Jugend des Juden erwürgt hat, findet dieser, wie der Dichter sagt, nicht mehr die Kraft zum Leben. Zum Schluß folgte die Vorlesung einiger Novellen aus „Meiri Haktana" („Aus meiner kleinen Stadt"). — D i e T o y u b e e h a l l e in Prag, dfe im Vorjahre so vielverheißend begonnen hat, kämpft Heuer mit großen Schwierigkeiten, da es an Geld mangelt, geeignete Lokalitäten mieten zu.können. Es wurden Heuer wohl zwei Abende veranstaltet, welche durch besonderes Entgezenkommen des Hoteliers, Herrn J.Roubitschek, im Hotel Bristol abgehalten werden konnten. Um einer Ueberfüllung zu steuern, konnte der Eintritt nur gegen Karten gestattet werden. Den ersten Abend eröffnete der neugewählte Präses, Herr kais. Rat Ph. Falkowitz, utit einem Vortrage über Materialismus, der zu einer interessanten Debat e Anlaß bot. Hernach spielte der Violinvirtuose Herr Franz Adler einige Piecen. Am 2. zweiten Abenden sprach Herr Simon Teweles über die „Arbeitsliebe im jüdischen Volke", dann beschlossen Lieder, gesungen von Frau Ada Klein, und Rezitationen jung - jüdischer Dichtungen den gelungenen Abend. Szegedin. Wie uns n-itgeteilt wird, ist der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde vor einiger Zeit mit dem hiesigen Oberrabbiner, Herrn Dr. Emmanuel Löw, wegen Besetzung der Wiener Rabbinerstelle in Fühlung getreten. Die diesbezüglichen, durch eine Mittelsperson gepflogenen Verhandlnngen wurden jedoch vor Kurzem abgebrochen, indem Dr Löw den Entschluß kundgab, aus Liebe und Anhänglichkeit zu seiner Gemeinde in seinem Wirkungskreis zu verbleiben Budapest. In unserer herrlichen Rombachsynagoge fand letzte Sabbat eine erhebende Barmizwaseier des Gymnasialschülers Ernö Weiß. Sohn des Armin Weiß, Chef der hauptstädtischen Manifactur, Großhandlungs-Firma Armin Weiß L Sohn statt. Der junge Weiß wurde als Maftir hoch aufgerusen und verlas die Haftorah mit helltlin gendem Organe und mit althergebrachten Nigunim in tadelloser Weise, so daß er die fromme Beterschaar damit entzückte. Obercantor Jacob Bachmann, dieser Alt- und Großmeister der Cantoren, machte dem jungen Manne einen herrlichen Mischeberach, nach welchem sein trefflich geschultes Chorpersonal unter Leitung des Regenschoris Singer einen Psalm executirte. Herr Weiß bedachte aus diesem freudigem Anlasse mehrere Humanaitätsanstalten unserer Gemeinde mit Geldspenden. — Vor der Festtafel, an der 70 Personen teilnahmen, hielt der Confirmand eine sehr gelungene Ansprache an die Festgäste und erntete mit derselben großen Beifall. Durch die herrlichen Gesangsvorträge Meister Bachman's wurden die Anwesenden gradezu electrisirt. Unter den gehaltenen vielen Reden sei die des Oberbuchhalters Josef Weiß, ob ihres gelungenen Inhaltes ganz besonders hervorgehoben. 8. Alt-Hfen. Ein hervorragendes Mitglied unserer Gemeinde, der langjährige Vicepräses der hiesigen Chewra Kadischa, Herr Josef Fiualy, ist am 15. d. M. unter überaus zahlreicher Betheiligung zu Grabe getragen worden. Der Verblichene hat mit seltener Hingebung sein Ehrenamt verwaltet und erfreute sich in der Gemeinde allgemein sympatischer Verehrung und Anerkennung. Beim Leichenbegängnisse executirte Ober-- cantor A. Rosenbaum mit dem Chore die rituellen Gebete in überaus erhebender und gefühlvoller Weise und Oberrabbiner Dr? Elias Adler hielt eine tiefempfundene Leichenrede. Auch der Abgeordnete des III. Bezirkes in Budapest, Herr Dr. Josef Wiszi, rühmte in einer stimmungsvoll gehaltenen Rede die hohen Bürgertugenden des Dahingeschiedenen und zum Schluß pries der Präses der Chewca Kadischa, Herr Samuel Ehrlich, dessen überaus ersprießliche Thätigkeit im Dienste des heiligen Vereines.- rvs's's'n Zala-ßgerfzeg. Obercantor Bela Guttmann aus Wien, der nach langjähriger Abwesenheit Anfangs d. M. seine angrenzend an hier gelegene Heimatsgemeinde St. Laszlo besuchte, wurde in unserer Comitatsstadt mit den größten Ehren überhäuft. Bei seiner Ankunft durch eine Deputation begrüßt, wurde ihm zu Ehren ein Festbancett veranstaltet an welchem sich sämmtliche Comitatshonoratioren vollzählig betheiligten: Der greise Oberrabbiner Dr. Engelmann, der Präsident der Cultusgemeinde Dr. Boschan mit den Vorstandsmitgliedern, der Stadtbürgermeister, der Gerichtshofspräsident, der Oberphisicus, der Obernotar, der Oberingenieur und viele Comitatsbeamte. In zahlreichen Toasten wurde Obercantor Guttmann als Künstler und als Sohn des Comitates, dem er zur Zierde gereicht, gefeiert. Berichtigung. In dein in voriger Nummer veröffentlichten „Lemberger Briefe", wurde, der Name des daselbst angestellten Talmudlectors irrthümlich mir Dr. Goil statt Dr.' Grüll bezeichnet.