Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. lesterr.-ungar. Cantoren-Zeitnng. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Jalirg. Zur Organisation. Die in der Generalversammlung des „Oesterr.-ungar. Cantoren-Vereines" am 30. Dezember 1902 beschlossene Aenderung der Statuten ist bereits der behördlichen Genehmigung unterbreitet worden, und werden die geehrten Berufsgenossen dringendst ersucht, ihre Anmeldungen zum Beitritt in den Verein ehebaldigst an den Vereinsvorstand, Wien, I , Seitenstettengaffe 4, gelangen zu lassen. Mit der Beitrittserklärung ist gleichzeitig die Eintrittsgebühr von 4 Kronen und der Jahresbeitrag für das erste Quartal per 2 Kronen an den Vereinscassier, Herrn I. Canto-.' M. Blatt, Wien, II., Tempelgasse 3, einzusenden. Diejenigen Collegen, welche bereits 1 Krone entrichtet haben, brauchen bei der Anmeldung nur 3 Kronen Eintrittsgebühr und 2 Kronen Vierteljahresbeitrag einzusenden. Die Mitgliedschaft beginnt vom Tage der Einsendung der Eintrittsgebühr. Die erste Generalversammlung, auf Grund der geänderten Statuten, in welcher auch die Neuwahl des Vereinsvorstandes vorgenommen werden wird, findet im Monate Februar d. I. statt. Aer Worstand des „Hesterr. imgar. ßauloreri - Weremes." Lemberger Briefe. Ein milder Wind geht durch die Lande, die trüben Wolken, welche den Horizont bisher verdüsterten, klären sich zusehends und vielleicht naht die Zeit, in der ein im Innern gestärktes Judengeschlecht nach außen hin sicher aufzutreten vermag. So dachte ich an jenem Abende, als der Lemberger Cultusvorstand dem talmudkundigen Dr.Goill die Venia legendi im Talmud ertheilte. In aller Stille, ohne Maueranschlag, begann Dr. Goill im Beisein der Elite Lembergs, der Herren Salomon Buber, Dr. Simon Schaff, der Cultusräthe und ander Honoratioren den Inaugurations-Vortrag über Pesachim. Der Vortragende, ein Zolkiewer, verfügt über ein stupendes jüdisches Wissen, eine sehr correcte deutsche Aussprache und verstand es, in seinemVortrage selbst dasLaienpublicum zu interessiren Obzwar nach jüdischen Begriffen diese dreistündigen wöchentlichen Vorlesungen nicht darnach angethan sind, das Talmudftudium in weite jüdische Kreise zu tragen, so lassen doch mannigfache Umstände diese Einrichtung als hervorragende Tat j erscheinen. In cullurhistorischer Beziehung muß man sie als epochal bezeichnen bei einer Körperschaft, deren Tradition tief in der Bekämpfung des Talmuds wurzelt. Hat ja in früheren Zeiten der Cultusvorstand, dem es gelungen war, eine sogenannte Talmud-Torah-Schule unter dem Titel I. jüdische Haupt- und Normalschule zu gründen, kaum nach Herablangung der Concession und Sicherstellung der Koscherfleischbeiträge den Talmud unterricht ganz und gar aus dem Lehrplane gestrichen und bis heute nach dieser Richtung die hartnäckigste Opposition beibehalten. Nun kehren die Enkel dieser Generation nach sechzig Jahren zu unserem Ehrenbuch zurück, welches mittlerweile hervorragenden christlichen Gelehrten zum Studium diente. Der neuen Einrichtung wohnt auch gewissermaßen ein weises politisches Motiv inne, indem sie geeignet ist, den mannigfachsten Einwendungen der jüdischen und polnischen Lästerer unseres Geistesschatzes zu begegnen. Die zionistische akademische Jugend hielt vor Kurzem einen Wisc-Tag ab, an welchem sie für ihre jüdische Nationalität offen eintrat und deren Anerkennung von den Universitätsbehörden forderte. An jenem historisch bedeutsamen Abend gieng ein neues Licht unseren akademischen Söhnen und Töchtern, ja unserem ganzen Volke auf, als der diesbezügliche Antrag von Herrn Reich gestellt und zum Beschlüsse erhoben wurde. Dies geschah freilich im Gegensatz zu einem kleines Bodensatz der studirenden Assimilationsjuden, welche durchaus nur Polen sein wollen und am 31. December sich diesen Spaß leisteten. Die alten Ueberreste der abdicirten Affimilationspartei der Polen mosaischer Confeffion sprangen den hoffnungsvollen Jungen bei. Flugs wurde ein Vehmgericht über den Talmud gehalten, das Hebräische als Ballast erklärt, der den armen Kindern Zeit und Gesundheit raubt, wobei noch besonders aus soeialpolitischen Gründen betont wurde, daß der Unterricht in diesen Gegenständen sich als Quelle der Opposition gegen den Verschmelzungsprozeß erweist. Der Lemberger Cultusvorstand wurde nicht minder als Verräther angeklagt, weil derselbe es duldet, daß am Religionslehrercurse Borträge über Midrasch in deutscher Sprache abgehalten werden. Vergeblich erklärte der Vorstand, daß die Schul« behörde ja selbst deutsch vortragen läßt, die Unerbittlichen verharrten auf ihrem Standpunkte. Umsomehr muß der bald darauf erfolgten Ernennung des Dr. Goill eine erhöhte Bedeutung zuerkannt werden. Die Forderung nach Pflege der hebräischen Sprache und Literatur wurde von Ihrem Berichterstatter schon vor drei Jahren öffentlich aufgestellt und nunmehr als nationale conditio sine qua non auch in allen zionistischen Vereinen bei allen Versammlungen zum unerläßlichen Postulate erhoben.' Auch im politischen Vereine „Schomer Israel" wird dieses Thema unter dem Schlagworte „Nationaljüdische Schule" seit Wochen besprochen. Alle Kreise unserer Lemberger jüdischen Bevölkerung, ausschließlich der Zukunfts Polacy chrystowego wyznanie, sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß eine neue jüdische Aera heranbricht, die starke jüdische Charactere, jüdischbewußte Männer und Frauen benötigt, welche nur das uralte, ewig junge nationaljüdische Schulsystem heranziehen kann. Diese Schichten acclamiren unserem Vorhaben, und der Verein „Schomer Israel" wird daran gehen, alle jüdischen Gemeinden zur Mitarbeit aufzufordern, anzueifern zur nationalen Selbsterkenntnis und zum engeren Zusammenschluffe zu einem nationalen Ganzen. Lange genug litten wir unter dem Fluche der Selbstverleugnung, und wahrlich unser Volk hat gar keine Ursache, seiner selbst sich zu schämen. — Möge das taubstumeKrypeto-Judentum, dieses blöde Marannentum des 19. Jahrhunderts einziehen in die finstere, ewige Nacht der Verirrung, welche unser Volk in seinem 4000jährigen Gange durch die Geschichte so vielfach durchgemacht und eben so oft überwunden hat. Kundmachung. Auf Grund der §§ 8 und 9 des Statutes der Israel. Cultusgemeinde Wien hat in der Plenarsitzung vom 6. Jänner 1903 die theilweise Neukonstituierung des Cultusvorstandes stattgefunden. Das Vertreter-Collegium besteht nunmehr aus den nachbenannten Herren: Präsident; Kais. Rat Heinrich K1 i n g e r (gewählt in der Plenarsitzung v. 6. Jänner 1901 für eine dreijährige Funktionsdauer) I Vize-Präsident: Dr. Alfred Stern H Vize-Präsident: Dr. Gustav K o h n Vertreter: k. k. Baurat Theodor Ritter v. Goi ds c h midt Kais. Rat Moriz H i r s c h Dr. Felix Katzau k. k. Ob. Ing. Arthur Edler v. Mises k. k. Ob. Fin. Rat Dr. Benjamin Rappaport Dr. Maximilian Steiner k. k. Baurat Wilhelm Stiassny Theodor Ritter von T a u s s i g. Wien, 7. Jänner 1903.