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Die Wahrheit · 1903-01-02 · Heft 1 (2.1.1903) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite 11. Nr. 1. zugehende Stilbeurtheilung bei der Verwirklichung seiner ganz ausgezeichneten Anregung zu einer — nicht allein möglichst zahlreichen, vielmehr auserlesenen wirklich stilgerechten Sammlung jüdischer Melodien böte. Auf einen hierauf von Herrn Professor Steinthal erhobenen Einwand, dass er nach wie vor an dem Grundsätze sest-- halte, zuvörderst m ö gl i chst viel jüdische Melodien zu sammeln und die Stilbeurtheilung erst nachträglich eintreten zu lassen, schloss ich mich, in Berücksichtigung der hochwichtigen Angelegenheit selbst, diesem Vorschläge, der doch lediglich eine Verschiebung der Action bedeutet, an und erklärte, bei der demnächst zu erhoffenden Vereinigung der deutschländischen und österreichischen Cantoren die Verwirklichung dieses anerkennenswerthen Gedankens zu ermöglichen. Diese geplante und erhoffte Cantorenvereinignng blieb jedoch bis nun ebenso ein frommer Wunsch, wie die angestrebte Melodiensammlung; dafür aber schießt der Gedanke der winzigen Cantorenvereinigungen ebenso in die Halme wie jeder einzelne jüdische Cantor Kraft der ihm innewohnenden Machtvollkommen, heit (?) einer beliebigen von irgend einem NoseLorer erlernten Melodie die Bedeutung der Antiquität zueignet. Angesichts einer solchen synagogal-gesanglichen Kunstströmung wundert sich Herr Dubowskh noch hierüber, dass bei einer am 24. v. M. in der Berliner Philharmonie veranstalteten Conzert-Aufführung hebräischer Gesänge Nummern Aufnahme fanden, die „kirchliches" Gepräge hatten und daher auch kirchlich wirkten. Irgend einer beliebten Melodie aus Selbstgefälligkeit ein antikes Mäntelchen umzuhängen, welches von dem Forum Eingeweihter machtvollkommen entfernt werden kann,- ist noch lange nicht so strästich, wie eine willkührlich modern harmonische Bearbeitung einer offenbar altjüdischen Gesangsweise*). Soweit sind wir mit unserer sogenannten »hebräischen Melodie" gelangt. Die Verwilderung schießt allenthalben in die Halme und, wenn nicht alsbald Wandel geschaffen wird, so muß dieselbe zu einer solchen Verdichtung gelangen, dass wir uns aus dem Wirrsale nicht mehr zu retten vermögen. Deshalb ergeht auch hiebei noch einmal an das jüdische Gesammtcantorenthum der eindringliche Ruf: „Vereinigen wir uns zu gemeinsamer Arbeit". Hindern uns auch die Landesgrenzen und Gesetze an einer gesellschaftlichen Vereinigung, so seien wir allesammt wenigstens im Geiste einig; schützen wir unsere cantoraleu Heiligthümer vor der Verunglimpfung roher Eingriffe. Sowohl Deutschland als Oesterreich rc. besitzen noch eine stattliche Anzahl gediegen musikalischer Collegen. Lassen wir, angesichts der Heiligkeit dieses gemeinsamen Güterschatzes, jeden Groll und jede Selbstgefälligkeit außer Acht und arbeiten wir gemeinsam an der Verwirklichung des von weiland Professor Dr. Steinthal uns Allen zurückgelassenen heiligen Vermächtnißes, an der Rettung der „Hebräischen Melodie". Chanuka 5663. December 1902. Obercantor Singer, Wien. verschiedene Nachrichten. Wien, Sonntag, den 28. Dezember 4 Uhr Nachmittags fand im Israel. Blindeninstitute auf der hohen Warte, wie alljährlich, eine Chanuka- Feier statt, an welcher die Damen und Herren des Curatoriums und andere Gäste theilnahmen. Der seelenvolle Gesang des Zöglingchores war wie immer von mächtiger Wirkung. Wken. Im Vereine „Esra" der Religionslehrer der Wiener israelitischen Cultusgemeinde hielt am verfloffenen Sontag Abend Herr Rabbiner Dr. Ad. Schmied! einen besonders geistvollen Vortrag über die hebräische Sprachwissenschaft. An zahlreichen Beispielen, der heiligen Schrift entnommen, zeigte der hochgelehrte Redner die Schönheit und!Reichhaltigkeit der hebräischen Sprache und bezeichnete es als die erste Aufgabe des israelitischen Religionsunterrichtes, unsere Jugend mit der *) Als Curiosität muß ich hier bemerken, dass in den Straßen Wiens von einem Phonographen das Sulzer'sche Adonaj Adonaj — — als hebräische Melodie verewigt wurde. heiligen Sprache vertraut zu machen. Reichlichen Beifall spendeten die zahlreich Anwesenden — der Cultusvorsteher Dr. Markus Spitzer, Schulinspektor ProfefforManitz und andere Honoratioren warenszugegen — dem Vortragenden, der sein Auditorium besonders zu seffeln wusste. Wien. (Litterarischer Geselligkeits-Verein jüd.sMädchen „Moria".) Sonntag, den 31. December hat Herr Dr. Hugo Prager seinen vorzüglichen Vortrag über „die Geschichte der Marianne" fortgesetzt und beendet. Der Redner entledigte sich seiner Ausgabe in so vortrefflicher Weise, dass nicht endenwollender, reichlicher Beifallseinen geistvollen Ausführungen folgte. Frl. Paula Katz beschloss den animirten litter. Nachmittag mtt einigen heiteren Declamationen und weckte stürmische Heiterkeit. Me«. Am 31. December fand hier die Trauung des im zweiten Bezirke bestbekannten Cafetirs Herrn Wilhelm Meininger (Cafä „Ardia") mit Frl. Gisela Mauerer statt, welche vor kurzer Zeit den jüdischen Glauben angenommen hatte und dabei den Namen (Ester) erhielt. Die liebreizende Gattin des Cafetiers ist bei allen Gästen durch freundliches Entgegenkommen beliebt. Wie«. Sonntag den 4. Jänner, halb 1 Uhr Mittags, findet die Trauung des Herrn Max Geiringer mit Frl. Mathilde Pasternak im türkischen Tempel statt. Wien. Dienstag den 6. Jänner, 3 Uhr Nachmittags, findet im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Herrn Paul Klebinder mit Frl. Olga Back statt. Wie». Die jüdische Toynbee-Halle, XX., Karajangaffe 20, veranstaltete am ersten Chanuka-Abende eine solenne Feier, die durch die Mitwirkung des gesammten Chorpersonales des Ottakringer Tempels mit dem Cantor Don Fuchs an der Spitze und unter Direetion des Chormeisters Porth, einen glanzvollen, würdigen Verlauf nahm. In überaus weihevoller Weise trug Don Fuchs die Segenssprüche beim Zünden der Lichter vor und executirte weiters noch eine Reihe choraler Gesänge in ausgezeichneter Weise, wofür sich das zahlreiche Auditorium durch lebhaften Beifall dankbar erwies. Die Feier wird allen Anwesenden noch lange in freudiger Erinnerung bleiben. Wie«. Man macht der Wiener Judenschaft den Vorwurf, dass sie die Gotteshäuser zunächst nur des Kunstgenusses wegen besucht und sich daselbst nur einfindet, wenn es gilt, aus cantoral-gesanglichen Gebiete eine künstlerische Novität zu hören. Dass diese Behauptung nicht ganz zutreffend ist, das tritt am deutlichsten bei solche« gottesdienstlichen Anlässen zutage, bei denen die Predigt, die Verkündung des Gotteswortes, wie dies bei den gegenwärtig allwöchentlich stattfindenden Probepredigten imLeopoldstädter Tempel der Fall ist, in den Vordergrund tritt, Aber auch historische Feste, gottesdienstliche Erinnerungen an Israels gloreiche Vergangenheit regen stark zum Besuche der Synagogen und Bethäuser an, an denen es Gott sei Dank in unserem Wien nicht mangelt. So konnte man an dem soeben verfloffennen nationalen Chanukaseste und besonders am Sabbath Chanuka die erfreuliche Wahrnehmung machen, dass es in unserer Mitte, auch in dem modernen, fortschrittlichen Wien, noch Juden gibt, denen die Empfindung für den angestammten Glauben, die Piatät für die großen, heldenmüthigen Vorkämpfer und Vertheidiger unserer Religion noch nicht abhanden gekommen ist. Wie die meisten Tempel^wies auch dieSynagoge des Beth-Jsrael Vereins in der Leopoldsgaffe verfloffenen Chanuka insbesonders am Festsabbathe einen regen Besuch auf. Die vorzeittqe Ankündigung, dass Vereinsrabbiner Mayersohn diesmal in seiner Derascha auch den halachischen Theil des Festes in den Kreis seiner Erörterungen ziehen werde, hatte zur folge, dass unter den Besuchern, die das Gotteshaus in seinem ganzen Raume füllten, auch ein Theil der Wiener Gelehrtenwelt vertreten war. Und in der That bot die tiefsinnige halachische Abhandlung des Vortragenden, die mit einer trefflichen agadischen Exegese ihren Abschluß fand, eine Füllendes Jntereffanten und Wissenswerten und rief unter den Anwesenden lebhafte Befriedigung hervor. Wenn schließlich erwähnt wird, dass auch Obercantor M. Schorr, durch eine seiner vorzüglich gelungenen, in seinem jüngst erschienenen Werke „Haiei wesimro“ enthaltenen Compositionen die Festesstimmung zu heben und das Publicum zu begeistern verstand, so soll damit dem Gesammteindrucke den dieser Gottesdienst auf die Zuhörer bervorgebracht, gebührender Ausdruck verliehen und dem Verein, sowie seiner musterhaften Leitung für deffen langjährige vielseitige und ersprießliche Wirksamkeit die wohlverdiente Anerkennung ausgesprochen sein. D. Skutezky. Wiener Zkeustadl. (Makkabäer-Feier.) Der humanitäre Geselligkeits-Verein „Eintracht" veranstaltete zu Gunsten der cholerakranken Glaubensgenossen im heiligen Lande am Samstag, den 27. December eine wahre nationale Makkabäer-Feier, bie von einem illustren Publicum aus Nah und Fern besucht war. Nach einem Eröffnungschor, den die Gesangsection des Vereines in exakter Weise zum Vortrage brachte, nahm der Obmann, Herr Aron Weiß, Buchhalter der Firma Wolf & Sohn, das Wort zu einer Begrüßungsansprache an das zahlreich erschienene Publicum. Zum Schluffe lud er Herrn Obercantor und Religionslehrer Landau ein, die Festrede zu halten, welcher Geschichte und Wesen des Festes eingehend behandelte und aussührte, dass die heuttge Feier den Beweis erbringe, wie junge Leute bahnbrechend wirken können und kdas Nationalgefühl der Jugenb gehoben werde. Dann zündete der Obercantor die freundlichen Chanukakerzlein unter Chorbegleitung an, worauf das „Noau» zur1, in feierlicher Weise gesungen wurde. Ein Tanzkränzchen, das bis zum frühen Morgen währte, und Vorträge der Herren Mechaniker Julius Weiß und Schauspieler Fürst bildeten den Schluss der erhebenden Feier- Ad.

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