Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 1. jüdische Volt schon zur Zeit seiner höchsten nationalen Blüte ein Mischvolk gewesen ist und dass es sich heute, abgesehen von deul ihm durch den Gang der Geschichte ausgeprägten Character, soweit es sich um West- und Mitteleuropa handelt, nnr durch nebensächliche Aeußerlichkeiten von den übrigen Culturvölkern unterscheidet. Zn jahrhundertelanger Culturgemeinschaft mit den Völkern Europas musste es nothgedrungen sich in ihre Eigenart schicken, von ihren guten Eigenschaften Gewinn ziehen und ihre schlechten Sitten annehmen. Als Volk lassen sich die Juden überhaupt nicht betrachten, denn es fehlt ihnen das Merkmal der Sprache. Zur Roth verfügt ihr Rabbinat noch über den Besitz des hebräischen Zdeoms; sonst aber spricht der Jude in Deutschland deutsch, in Frankreich französisch, in Italien italienisch und die Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden bedienen sich in Constatiuopel des Türkischen. Unter solchen Umständen hat das Hebräische für die Judenschast nur etwa den gleichen Werth, wie die lateinische Sprache für den römischen Katholiken und es bleibt als einziges Culturband für die Judenschast der ganzen Welt nur der Glaube übrig. Ob dieses Merkmal cnltureller Gemeinschaft seit dem'Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Kraft hat, die gesammte Judenschast für den Nationalstaat in Palästina oder Argentinien oder anderswo zu begeistern, bleibe einstweilen dahingestellt. Eines scheint mir sicher: dass die Begeisterung für ideale Ziele — und als ein solches mutz der Herzl'sche Judenstaat trotz aller Verwahrungen des Autors bezeichnet werden — zu den Charaktereigenschaften der jüdischen Volksgemeinschaft nicht gehört. Wohl haben sich einzelne jüdische Geister auf die höchsten Höhen menschlicher Gedankenarbeit emporgeschwungen, wohl haben einzelne Juden den Adlerstug zum Ideale mit schönen Erfolgen versucht, aber die Masse des in alle Welt zerstreuten Volkes zwang der unerbittliche Gang der Geschichte am Boden haften zu bleiben, kümmerlich die Nothdurft des Daseins auszubringen und auf den Mesiias zu warten, der den Juden wiederholt als Trugbild erschien, ohne ihre Existenz im Geringsten verbessern zu können. Doch werfen wir einen Blick auf den von Dr. Herzl mit, wie es scheint, aufrichtiger Herzenswärme konstruirteu Zukunstsstaat der Juden, den der Autor keinesfalls als eine Utopie, sondern höchstens als eine „Combination" aufgefasst wissen will. Die materiellen Bestandtheile des Baues seien vorhanden, seien „mit Händen zu greifen". Der Judenstant sei „ein Weltbedürfnis", folglich werde er entstehen; die Ausführung bieie keine nenueuswerthen Schwierigkeiten. So viele Sätze, so viele Utopien, oder, um das Lieblingswort des Autors zu gebrauchen, so viele Combtnationen. Insofern Dr. Herzl unter den materiellen Bcstandtheilen seines Judenstaates die Juden und das zur Gründung des Staates nöthige Geld versteht, hat er allerdings recht. Man kann die Juden und das Geld „mit Händen greifen", aber versuche es Jlinand, mit fremdem Gelde, das man mit Händen greifen kann, oder mit Ziegelsteinen, die einen anderen gehören und die man sicherlich auch mit Händen greifen kann, ein Haus zu bauen. Die Behauptung Dr. Herzl's wäre nur bewiesen, wenn er über sämmtliche materielle Mittel zu seinem Judenstaare selbst disponiren könnte. Der Jndenstaat sei ein Weltbedürsuis, meint er weiter. Nun ich glaube; dass es viel dringendere Weltbedürfniße gibt, als die Schaffung eines Judenstaates und stelle diesen Glauben der Behauptung Herzl's direct entgegen. Was die „kaum nennenswerteu Schwie igkeiten" der Gründung betrifft, so liegen sie nicht allein in der „Dumpfheit" der jetzigen Generation, von welcher der Autor am Schluffe seiner Vorrede spricht, sondern viel tiefer. Die jetzige Generation ist nur das Eudproduct einer langen culturgeschichtlichen Entwicklung, die sich durch den naiven Vorschlag eines edlen Schwärmers nicht in ihr Gegentheil verkehren lässt. Es sind also vor Allem, ganz abgesehen von dem eigent^ lichen Motive des Vorschlages, das ich sogleich besprechen. werde, die Voraussetzungen des Judenstaates nach meinem Erachten unrichtig und der ganze Bau hat somit kein Fundament. Er ist in die Wolken gebaut und nur eine interessante Fata morgana, eine Studie ä la Jules Verne, der uns auch mit zauberischer Geschicklichkeit in Sternenhöhen und in den Mittelpunkt der Erde führt, sich seiner Phantasie als liebenswürdiger Führerin bedienend. Wer die pikaten, geistvollen Plaudereien Jules Verne's liebt, mag immerhin auch an den Phantasien Herzl's seine Freude haben, mag dort Nachlesen, wie die Auswanderung der Juden nach Palästina oder Argentinien durch die Compagny in die Hand genommen und durch die Society of Jews beendigt werden soll. Dr. Herzl nimmt nur wenige Jahre für die Durchführung der ganzen Angelegenheit in Anspruch. Eine Milliarde — „es wird vielleicht, mehr oder weniger sein müssen" — genügt, um die Immobilien der aus Europa abziehenden Juden zu liquidiren und den neuen Judenstaat in Gang zu bringen. Dieser wird selbstverständlich — ob in Palästina oder in Argentinien ist gleich — als neutral - erklärt, und die Juden beginnen — in Palästina oder Argentinien eine neue Cultnrepoche, während die Völker in Europa, von dem Drucke der Judenschaft befreit, aufatmen und insbesondere die Antisemiten ihren bisherigen Widersachern jubelnd glückliche Reise wünschen. Das ist so ungefähr der Gedankengang des vorliegenden Büchleins, der Ausbau des Judenstaates, wie er Dr. Herzl vorschwebt. (Schluss folgt.) Die Begleiterscheinungen bei den üblichen Äinderbrtheilungen. Ein Mahnwort an die Wohlthätigkeitsvereine. Alljährlich, wenn der Winter mit seiner Härte und Strenge ins Land zieht, beginnt bei der begüterten, mitfühlenden Menschheit ein erhöhter Sinn für praktische Nächstenliebe und mildthätige Acte rege zu werden. So hat auch der rauhe Wettergeselle, der Heuer vorzeitig und ungestüm seine despotische Herrschaft angetreten hat, die großstädtische Wohlthätigkeit, das goldene Wiener Herz, das bekanntlich in der Brust unserer Glaubensgenossen besonders warm schlägt, zu gemeinsamem energischem Eingreifen angespornt. An allen Ecken und Enden, wo Wiener Wohlthätigkeitsvereine ihren Sitz aufgeschlageu, gibt sich seit Monaten eine rührige Bewegung kund und viele derselben, die sich auch die Betheilnng armer Kinder mit Winterkleidern zur Aufgabe gestellt, wetteifern geradezu miteinander, wem von" ihnen die Palme des Sieges zuerkannt werden sollte. Allein so hoch auch dieser Zug gemeinsamen menschlichen Fuhlens und Empfindens besonders in unserer von Racen- und Classenhass so arg zerrütteten Zeit anzuschlagen ist, kann dennoch die Thatsache nicht in Abrede gestellt werden, dass er eines gewissen herben Beigeschmackes nicht entbehrt, der nicht genug gerügt und getadelt werden kann. ,Naton l)68S88sr jichpe af“ mahnt ein geflügeltes Wort unserer heiligen Schrift. Nur diejenige Gabe, die im Verborgenen und Stillen der Armnth gereicht wird, nur die wendet das Böse und Verhängnisvolle vom Geber ab. Nur jene Wohlthaten, die still und rein und ohne, jedweden Prunk geübt werden, gereichen dem Spender und Empfänger zum Segen und entsprechen ihrem idealen Zwecke. Allein, das ist eben die -Schwache unserer Zeit, die hochgradige Eitelkeit, das Prunken und Brilliren beim Wohlthun, jene Mißbräuche, mit denen die große Oeffentlichkeit bei jedem Anlasse ihr loses Spiel treibt. Man übt am liebsten Wohlthätigkeit, wenn dieselbe publik nmfc und somit in die weitesten Kreise dringt; man prunkt und ffnnkert so gerne mit der milden Gabe und anstatt sie dem