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Die Wahrheit · 1902-12-12 · Heft 47 (12.12.1902) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 47 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 47 Die Wahrheit. Seite 11. Gbercantor Ärnold Krolik's Ämtsjubiläum. Das fünfzigjährige Amtsjubiläum eines jüdischen Cantors bildet nicht allein für die enge Umrahmung der Amtswirksamkeit, sondern auch für den weiten Kreis cantoraler Belhätigung einen bedeutungsvollen Markstein, vor welchem jeder jüdische Cantor in achtungsvoller Werthschätzung stille zu stehen veranlasst ist. In Dankbarkeit vor der Gnade Gottes, der diese seltene Jahressumme eines langen Lebens verliehen, in Anerkennung der bedeutsamen Fülle von V(r6eit, die in der Umrahmung dieses Lebens gelelstet wurde, in Würdigung des moralisch-ethischen Effektes einer solch' gesättigten Amtsbelhätigung für den großen Standeskreis jüdischer Cantoren insgesammt. An einem solchen Lebens bilde können die Epigonen moralisch erstarken und muthvoll und gottvertrauend Hinausblicken auf das vor ihnen gleichsam noch verschleiert liegende, weite unabsehbare Feld der eigenen Wirksamkeit. Zu diesem Zwecke seien die nachfolgenden Zeilen geschrieben. Arnold Krolik, geb. 23. November in Kempen (Posen), Abkömmling einer gegen Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertriebenen Gelehrtenfamilie, Namens Salomon Calvari, widmete sich, zum Rabbiner bestimmt, schon frühzeitig dem Studium. Finanzielle Verhä tl iße zwangen ihn, sein Studium aufzugeben, und mit einer schönen Stimme begabt, versirt in der hebräischen Litteratnr, übernahm er mit 18 Jahren die Cantorstelle in Oppeln und kurz darauf am 5. December 1852 die Cantor- und Predigerstelle in Cosel. Bis zum Jahre 1870 waren in Oberscklesien nur wenige Gemeinden, in welchen Rabbiner oder Prediger fungirten, Nach solchen Gemeinden wurde Krolik zur Abhaltung von Casual-Fällen gar häufig eingeladen, ebenso sind es wohl über tausend Fälle, dass er oft in weite Ferne als bestbekannter Mohel berufen war. Abgesehen von seinen Leistungen auf religiösem Gebiete hatte sich Krolik als Mitbegründer vieler gemeindenützlicher Institutionen in Cosel auch unter den Andersgläubigen großer Verehrung zu erfreuen. Er war Mitbegründer der Sparcassa im Jahre 1861 und hat seit 1865 die Leitung des Hypotheken-Versicherungsvereines inne, der nach 37 Jahren Dank seiner ausgezeichneten Führung zu einem ganz bedeutenden Institute erstarkte. Erscheint nun im Vorausgeschickten der Lebens- und Werdegang des Jubilars nur skizzenhaft gekennzeichnet, so ist aus demselben zur Genüge ersehen, dass College Krolik nicht nur seine Amtsthätigkeit ernst und inhaltsreich auszugestalten verstand, vielmehr auch seine außeramtliche Wirksamkeit segensreich und allgemein nützlich gestaltete, demnach eine Mannesarbeit leistete, die ihm nicht allein die Liebe und Verehrung seiner Freunde einbrachte, vielmehr noch die Sympathien und Anerkennung weiterer hoher, ja sogar allerhöchster Kreise zuwendete. So kann College Krolik mit Genugthuung und. Zufriedenheit auf die lange Lebenskette, die zwischen seiner Anfängerschaft und der Gegenwart liegt, zurückblicken und sich seines Wirkens nnd all seiner Errungenschaften ehrlich und innig erfreuen. Cosel (Ob.-Schles.), den 7. December 1902. Obercantor S i n g e r, Kattowitz. * * * Programm der Festfeier am 7. December 1902. 1. Fest-Gottesdienst sammt Ansprache durch Herrn Rabbiner Dr. Löwenthal und, Obercantor Davidsohn der benachbarten Gemeinde Gleiwitz. 2. Überreichung des preußischen Kronen-Ordens durch den Herrn Landrath. 3. Ueberreichunader Adreffedes österr.-ungar. Cantorenvereincs durch Herrn LVercantor Singer aus Kattowitz. 4. Großes Diner, an welchem unter vielen Notabilitäten auch der Herr Oberbürgermeister, der Herr katholische Stadtpfarrer, der Herr Pastor, sowie der Herr Gymnasialdirector nnd der Obmann des Comitvs Antheil nahmen, welch letzterer eine bedeutende Ehrengabe in Gold nebst einer Adreffe überreichte. 5. Abends Ständchen des Männergesangsvereines und der Regimentskapelle. Vor dem französischen Kriegsgericht. Episode aus dem deutsch-französischen Kriege, nacherzählt von I o s. E p p st e i n. (Fortsetzung.) Auch diese Beschuldigung schien in der Versenkung verschwinden zu sollen, und der neben ihm stehende Officier, der sein Dolmetscher gewesen, nickte ihm, anscheinend befriedigt von seiner Vertheidigung, freundlich zu, doch plötzlich erhob sich einer der Beisitzer des Gerichtes, dem offenbar die Verhandlung nicht nach Wunsch gegangen, und ohne sich des Interpreten zu bedienen, apostrophirte er unseren Freund folgendermaßen: „Angeklagter. Sie spielen ein gefährliches Spiel, während Sie hierherkommen, um von unserer Verlegenheit zu profitiren, verkaufen Sie, oder laffen verkaufen durch Ihre Freunde oder durch Ihre Familie Provisionen an den Feind. Was kommen Sie hieher machen? Warum haben Sie St. Arold verlaffen?“ All sein Bischen Französisch raffte Moise nun zusammen, und wenn die Antwort auch nur bruchweise erfolgte, so wendete er sich doch keck gegen seinen Peiniger und sprach: „Ich habe schon dem Herrn Präsidenten des Gerichtes geantwortet, dass ich nie an die Preußen etwas verkauft oder geliefert habe, und dies ist die Wahrheit. Wenn Sie mich nun fragen, warum ich St. Arold verlaffen habe, so will ich es Ihnen sagen. Reiner Treu', als ich gesehen, dass die Franzosen sortgelaufen sind, bin ich auch fortgelaufen." Diese stückweis hervorgebrachte und doch so treffende Antwort machte einen so komischen Eindruck, dass die Richter sowohl wie das Auditorium in ein schallendes Gelächter arrsbrachen, und — unser Held war frei. Sein Dolmetscher drückte ihm noch die Hand, aber wie er die Treppe hinunter und wie er in seine Behausung gelang, deffen vermochte er auch später sich nicht zu entsinnen, aber das wusste er, dass er kaum zu Hause angelangt, seines Gottes gedachte und ihm auf's Innigste dankte für die Errettung aus der Gefahr. Seinem Jugendfreunde Lambert, der sein Versprechen gehalten und gekommen war, um sich zu erkundigen, wie es ihm ergangen, versicherte er, wie sehr seine ermuthigenden Worte ihn gestärkt und dass er diesen — wenn auch für ihn — kleinen Dienst ihm immer gedenken werde. V. Die Lage in Metz und die Stimmung der Eingeschloffenen wurde mehr und mehr eine unbehagliche; naturgemäß waren die Ausfälle in den letzten Wochen nicht mehr so stark, da der Feind die nach außen Drängenden mehreremale mit blutigen Köpfen zurückgeschickt hatte, dagegen nahmen Hunger, Elend und Krankheit immer mehr überhand, während die Kanonen des beharrlichen Gegners unaufhörlich sich vernehmen ließen. Das Ende konnte nicht mehr weit sein. Zwar wurde öffentlich, auf allen Straßen und Plätzen, sogar im Beisein der Heerführer, insbesondere von der Nationalgarde — tvelche überhaupt während diesen bösen Tage, so zu sagen, die Zier-Soldaten abgaben, während die übrigen Soldaten strengen Dienst hatten — gegen eine allenfallfige Uebergabe der Festung auf's Lebhafteste protestirt und dieselbe als Berrath bezeichnet. Die einsichtigen Elemente hüteten sich wohl, ihre Meinung kundzugeben, sie wäre» in Stücke zerriffen worden, (Schluss folgt.)

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