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Die Wahrheit · 1902-12-05 · Heft 46 (5.12.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 46 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Keflerr.-ungar Cuntnrni -Zeitung. . 46. Anlage zur Zeitschrift „Z:e Wahrheit." 22. Iahrg. Wir ersuchen dringendst um Einsendung der restlichen Monnementsöeträge Zur Berufsorganisation. Donnerstag, den 4. d. M. V»6 Uhr Abends fand eine Sitzung des Wiener Comites statt, in welcher der Vorstand de, österr. ungar. Cantoren-Vereines Vorschläge für die weitere Gestaltung der Bernssorganisation erstattete. Da sich zu dieser Zeitsdie vorliegende Nummer bereits im Drucke befand, wird über diese hochwichtige Berathung erst in der nächsten Nummer ausführlicher Bericht erstattet werden. Organisation und Fachdlatt. Von M. Tintne r—Bunzlau. V. Wie oft liest man heute noch Annoncen, in denen dem Cultusbeamten 750 Kronen angeboten werden, und was soll der betreffende Beamte alles sein! Cantor, Schächter, Religionslehrer, Mohel, Bal tokea, ein guter Kore, in Böhmen sogar noch Rabbiner!! — und noch andere Aemter soll er für diesen Hungerlohn vei walten. Dazu soll er noch verheiratet sein, das 40. Lebensjahr nicht überschritten haben und nur Reichsangehöriger sein. Und doch haben, nebenbei bemerkt, gerade die Ausländer das Chasonus und die Thora — besonders nach Deutschland — gebracht und das Judenthum aufgegerüttelt. So arg sieht es noch heule auf diesem Gebiete aus. Jeden human denkenden Menschen muß innerste Empörung erfassen, wenn er sieht, wie Cantoren infolge geringfügiger Umstände aus dem Amte entlaffen werden und dieselben sich dann wieder nach Brot und Amt umsehen müssen, ohne dass ihre bisherige, oft vieljährige Dienstzeit in Anrechnung gebracht wird. Und während dieser „Suchereisezeit" sind diese bedauernswerthen armen jüdischen Cultusbeamten dem größten Elend preisgegeben. Ich habe erst neulich einen durchaus tüchtigen und gebildeten Cantor aus Oesterreich kennen gelernt, der ebenfalls aus nichtigen Gründen entlaffen wurde und nun durch die Welt zog, um sich eiu Aemtchen zu ergattern. „Meajin jowo esri P“ Hier muß Wandel geschaffen werden, und wenn alle jüdischen Cultusbeantten einträchtig Zusammenwirken und zielbewusst Vorgehen, kann auch eine Besserung dieser wahrhaft empörenden und für das Judenthum geradezu beschämenden Zustände herbeigeführt werden. Zn diesem Behufe faffe ich die iu den vorangegangenen Artikeln begründeten Forderungen im Nachfolgenden zusammen: Wir verlangen I. in idealer Hinsicht: 1. Einen durchaus gebildeten, sowohl in wissenschaftlicher als auch in musikalischer Beziehung tüchtigen Cantor. 2. Der Cantor soll ein seminaristisch gebildeter Religionslehrer sein; deshalb soll er auch ein Lehrerexamen ablegen. 3. Er soll einige Jahre erst in kleinen Gemeinden amtiren, um sich zunächst tüchtige, praktische Uebung anzueignen. 4. Die Ausbildung muß im Seminar mindestens vier Jahre dauern. Wir verlangen II. in materieller Hinsicht: 1. Definitive Anstellung, Pensionsberechtigung nebst Versorgung der Hinterbliebenen. 2. Ein besseres und sicheres Einkommen- 3. Bessere sociale Stellung und .Anerkennung unserer amtlichen Thätigkeit. Um die Verwirklichung dieser Forderungen zu erlangen, müffen wir uns zu einem großen Bunde vereinigen und diese Forderungen nachdrücklich gegenüber Staat und Gemeinde vertreten und solange vorstellig werden, bis dieselben erfüllt sind. Dass wir Alle, die ehrliches Streben und Standesbewusstsein hegen und pflegen, jene schöne Zeit noch erleben und uns ihrer freuen möchten, ist der Wunsch des Autors dieser Zeilen. Das walte Gott! Vor dem französischen Kriegsgericht. Episode aus dem deutsch-französischen Kriege, nacherzählt von Jos. E p p st e i n. (Fortsetzung.) Nach kurzer Berathung wurde der erste Ein wand als nicht stichhältig verworfen, auf sein zweites Gesuch wurde ihm bedeutet, dass einer der ^anwesenden Officiere, welcher auch der deutschen Sprache mächtig sei, das Amt eines Dolmetschers annehmen würde. Dies geschah denn auch sofort.' Nun bekam den Mvise einen Einblick in die Anklage, die gegen ihn vorlag.Z Bon dem Personal des Bahnhofes in Nemillv, die theiiweise als gardes mobile sich in der Festung befanden, war — durch welche Einstüffe blieb ihm anbekannt — eine Anzeige gegen ihn eingelanfen, wonach er absichtlich Lebensmittel, die er für die französische Armee eingekauft, den deutschen Truppen in die Hände gespielt, sonach ^andesverrath geübt habe. Mit Glück» vertheidigte sich Moise; er wies von Tag zu Tag nach, dass es ihm nicht möglich gewesen, in der kurzen Frist den ganzen Transport zu bergen, dass die Bahnverwaltung es gewesen, die die Fortschaffung verzögerte, ihm also keine Schuld gegeben werden könne, wenn der Rest der Lebensmittel von den sremden Truppen genommen worden sei. „Dass die Lebensmittel von den Preußen genommen worden, daran mögen Sie keine Schuld haben, aber wie uns bekannt gegeben ist, haben Sie von den Preußen Bezahlung für Ihr Getreide verlangt und erhalten; das ist Landesverrath Erregt entgegnete Moise: „Wenn ich das gethan hätte, da hätte ich wohl mein Vaterland hintergangen; es ist dies aber eine falsche und böswillige Verleumdung, jedenfalls nur ausgestreut, um mich zu schädigen und zu ruiniren; für diesen Transport habe ich weder von den Franzosen! noch von den Deutschen Zahlung verlangt oder erhalten und es ist mir auch völlig klar, dass ich niemals dafür entschädigt werde." „Haben Sie Beweise für diese Ihre Behauptung?" „Der Beweis ist die Thatsache, dass der Transport nicht gekauft, j sondern einfach annectirt wurde, und da die Annectirung in aller Oeüent-! lichkeit auf dem Bahnhof Remilly erfolgte, so dürste auch hierüber ein! amtlicher Ausweis auf dem Bureau der Eisenbahn sich befinden." i Kurz war die Berathung, dann begann der Vorsitzende:! „Das Gericht hat Ihre Angaben zu Protokoll genommen und J wird sich durch Anfrage bei der Eisenbahn-Direction erkundigen, ob > dieselben auf Wahrheit beruhen. Wir kommen nunmehr zum zweiten Theil der Anklage. Es wird Ihnen zur Last gelegt, Getreide, welches Sie zur Verpreviantirung unserer Truppen gekauft, am 15. August von Ihrem Magazin aus in St. Arold an die deutschen Truppen geliefert zu haben." Auch hiergegen konnte Moise mit seinen klaren, der Wahrheit entsprechende» Angaben sich leicht vertheidigeu. indem er nachwies, dass er schon um diese Zeit in Metz Wohnung bezogen hatte; wohl gab er zu, dass er in St. Arold bei zseinem Weggang noch bedeutende Vorräthe lagern hatte; was mit diesen Beständen geschehen sei. wisse er bis beute nicht, da er weder, seit dieser Zeit in St. Arold gewesen, noch Nachricht von dorten erhalten Hab«. ( Fortsetzung folgt.)

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