Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 45 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 45. darauf eingegangen werden muß. Die unerhörten Leiden, die über diesen reinen und edlen Frommen, dessen Namen unser Buch tragt, und an dessen Wandel selbst der Ankläger nichts zu mäkeln fand, sich so urplötzlich gehäuft haben, bilden das > in Verhandlung gestellte Problem. Mit dessen Auftreten scheint > die Ueberzeugung einer gerechten Weltordnung vollständig über j den Haufen geworfen. — Hier ist also mit mathematischer! Sicherheit der Punkt gesunden, wo die Interessen der Neligion j mit den allerpersönlichsten Interessen jedes einzelnen Menschen! zusammensallen. Diese Frage einer sachgemäßen Lösung zuzuführen. mutz daher von beiden Gesichtspunkten als die drin-! gendste Angelegenheit betrachtet werden. Hier setzen die um Jjob versammelten drei Freunde ein. Es wird aller menschliche Scharfsinn aufgeboten, alle nur denkbaren Möglichkeiten werden herangezogen, um eine Aussöhnung zwischen der unerhört brutalen Wirklichkeit und der Ueberzeugung einer überall waltenden göttlichen Gerechtigkeit herbeizuführen. Doch alles scheint vergeblich. — Der Angriff, der letzterer widerfahren, war ein zu verwegener, als dass er sich einfach durch das Aufgebot von nur rednerischen Künsten hin wegdisputiren ließe. So wogt denn das Wortgefecht zwischen den Freunden und Jjob durch volle 26 Kapitel hin und her, ohne dass es gelungen wäre, das ihm vorliegende Problem auch nur um Haaresbreite gefördert zu haben. Jjob, des unfruchtbaren Beginnens überdrüffig, reißt unvermittelt den Faden des müßigen Hin- und Herredens ab und überlässt sich dem ruhelosen Spiel der eigenen, in ihm fortwährend gährenden und schäumenden Gefühle und Stimmung Diesäben kommen vom 27. Kapitel an in den ergreifendsten Monologen zum Ausdrucke. Aus der trübseligen Verdüsterung seines unermesslichen Elends führt ihn sein Geist gauz unvermerkt.zu Anfang des 28. Kapitels hinaus aus die Betrachtung dieses Welt und der Reichthümer und Kostbarkeiten, die sie in sich birgt. — Doch einen Schatz gibt es immerhin, der in ihrem Schoße nimmer entdeckt werden kann — das ist die Weisheit. So ist ihr denn das Theuerste, an welches alles andere gar nicht hinanzureichen vermag, das ihm gegenüber gar nicht in ein Verhältnis irgendwie gesetzt werden kann — versagt. Der Schmerz, den Jjob durch den Verlust alles dessen, das ihm an's Herz gewachserr und theuer ward, er. fahren, hat auf einmal einem noch tiefer greifendem und brennenderem Platz gemacht. Dass ein Menschenkind so viel Leid über sich ergehen lassen müffe, bedeutet an sich noch gar nichts. Was aber die Verzweiflung in's Unermessliche zu steigern vermag, ist das Unerhörte, dass seine finsteren Geschicke ihm noch dazu die Binde um die Augen legen, so dass er ihnen gegenüher weder aus noch ein weiß. Ueber diesen verzweifelten Punkt kann aber auch kein Neichthum der , Weift hinweghellfett. Vor den grausamsten Wendungen der Geschicke vermögen auch diese nicht zu feien. Es ergibt sich ihm daraus die Erkenntnis, dass demnach auch das höchste Glück, mit welchem die Welt ihre Günstlinge auszeichnet, im Grunde doch nichtig ist. Es kann daher gar nicht die Frage sein, dass die Großen der Erde all' ihr Gold, ihre erlesensten Edelsteine und alle sonstigen Kostbarkeiten freudig hergäben, könmen sie die Weisheit um deren Preis eintauschen. (V. 18. 19.) Ja, wäre deren Sitz nur erst aus Erden bekannt, dem dkeichihum stünden schon genug der Mittel und Wege zu Gebote/ uni sich ihrer zu bemächtigen. Allein, wo die Weisheit hernehmen, da doch weder ein lebendes Wesen, noch selbst die Vögel, vor deren Fluge die Fernen schwinden, sie je erreicht haben?! (V. 20—21.) Hier nuu blitzt dem Jjob der wahrhaft erlösende Gedanke plötzlich durch die Seele und das undurchdringliche Dunkel wird von himmlischer Klarheit erfüllt. Das Problem, um welches so viel menschlicher Scharfsinn unnütz verschwendet worden, brichtwie auf einen Schlag in ein Nichts zusammen. 1ZP2V» 132TX3 nun 7121 pi3X. Tod und Verdammnis — im Gegensätze zu allen Lebenden, die bisher um Auskunft angegangen worden — melden sich zu Worte und melden: „Wir haben der Weisheit Kunde vernommen." Dieselbe lautet: ron pan dmSx .121,72 71X .11' X1.11 v'3' p'ixn niüp*? xin 's .1X1' D'2itM *?3 nnn bpvo. rrrb. nwvb .1123 pTl D'21 pn 122*7 1WJI3 mSip nn*? -pn illöD’l .1X1 TX mpn D3i ii3'3.i .123.1 XM H 1X1' sl : D1X*7 12X1 : .13*3 yia lim „Gott nur kennt ihre (der Weisheit) Art und weiß, wo ihre Stätte sich befindet. Denn nur er überschaut den ganzen Umkreis der Erde, überblickt alles, was unter dem ' Himmel lebt: Da Er den Wind nach Gewicht bestimmt, das Wasser mit Maß abgrenzt, dem Regen Gesetze weist, und den Weg für den feurig zuckenden Donner! Damals sah der Tod sie und erzählte von ihr, ergründete und erforschte sie und kündete dem Menschen: „Siehe Gottesfurcht, — das ist Weisheit; das Böse meiden, — das ist Einsicht." (V. 22—28.) Jjob will also sagen: die Weisheit, die in aller Welt vergebens gesucht worden und die hier auf Erden um keinen Preis zu haben ist, — sie hat er im Bereiche des Todes und der Verdammnis entdeckt. Denn an sich selbst haben die, welche in seine Pforten eingegangen, es in Erfahrung gebracht, wie einerseits alle Welträume für die Vorsehung Gottes keine Schranke bilden, wie aber andererseits alle Gewalten dieser Welt Seiner Botmäßigkeit unterstehen, um an dem Menschen im Dieseits wie im Jenseits Vergeltung zu üben. Unter Eindrücke dieser Erleuchtung sendet der Tod in den Bereich der Lebenden die aller menschlichen Einsicht ewig als überlegen sich erweisende Kunde hinaus: Gottesfurcht ist die Summe aller Weisheit. Unter dem Lichte dieser Botschaft kommen die furchtbaren i Wallungen des Schmerzes, die in Hiob's Seele bisher io; furchtbar getobt hatten, allmählich zur Beschwichtigung. Es geht ihm unter dem Strahl dieses Gedankens eine neue Welt auf! Er genießt unter dessen verklärendem Schimmer noch einmal die Wonnen vergangener Tage des Glückes, in einer ' neuen, bisher noch nie gekannten Lust. (Kap. 29.) Aber auch! seine gegenwärtigen Leiden bilden für ihn nicht minder ein | Meer beseeligender Gefühle, aus denen er neue Hoffnung! schöpft. — l So also weiß unfer einziges Jndenthum mit dem Problem! der Unsterblichkeit zugleich das Problem des Lebens zur j höchsten und vollendetsten Lösung zu bringen. Welche Religion i wäre im Stande, ein Gleiches oder Aehnliches zu bieten?! , Ja, kann denn das, was andere über diese Fragen bieten, mit! der wahrhaft befreieuben und beglückenden Erhabenheit unserer ' Lehre nur einen Vergleich dulden? - Wie elend und wie erbärmlich nimmt sich demgegenübe. das moderne Reformjudenthum aus, das in seiner geistigen Verarmung im Ernste glauben machen will, es hätte derartige Probleme der Lösung dadurch zugeführt, dass es die Behauptung in die Welt setzt: „Der Glaube an die Unsterblichkeit bilde ehe nicht abzuweisenve Consequen; des Judenlhums." ' Wahrlich, eine grandiose Leistung, mit welcher die Welt ganz einfach aus den Angeln gehoben erscheint. Wer weiß, ob Herr Dr. Jakob dies allein nicht schon für hinreichend erachtet, um daraufhin für sich die Wiss nschast des Judenthums in Anspruch zu nehmen und sich auf Grund oessen für befugt erachtet, Alle, die es drhin noch nicht gebracht haben, auf die niedere Stufe der Gelehrsamkeit zu verweisen. — Am Ende müssten wir alle unsere Großen, von