Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 45 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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©eite 4. Die IDahrheit. Nr. 45. i 1 *1- |- i f.l ti r-! i!• } ■! ’1 2 '1 In der öffentlichen Sitzung des Vertreter-Collegiums vom 25. November d. I. wurde im Sinne des Statutes das Ergebnis der am 23. d. M. vorgenommenen Wahlen in den Cul tusvorstrnd und der Vertrauensmänner ermittelt und öffentlich veikündet. Bon dem Wahlrechte haben 4735 .Wähler Gebrauch gemacht. Meurvahk von acht Worstandsmitgtiederu mit sechsjähriger Wandaisdauer. Abgegeben wurden 4671 giltige Stimmen. Als gewählt erscheinen die Herren: War Kkeischer, Architekt, VH., Neustiftgasse 64; mit 4464 Stimmen; Satomon Nosner, Fruchthändler, XVI., Veronikag. 38 mit 4410 Stimmen; Sato ßoh«, Privatier, 1., Schottenring 32 mit 4352 Stimmen; Ar. Adotf Stein. Hofu. Gerichtsadvokat, 1., Hohenstausengaffe 10 mit 3398 Stimmen. j Ar. Weuzamiu Wappaport, k. k. Ober Finanz-Rath.! 1., Mölkerbastei 12, mit 3387 Stimmen;! Ar. Satomon Hhrmann, k. k. Univ. Prof., IX., Kolinj gaffe 9, mit 3339 Stimmen; Hotttiev Uaussig, Fabrikant, XII., Schönbrunnerstr. 217,! mit 3339 Stimmen; Keinrich Kettscher, Fabrikant, I., Zelinkagasse 14, mit! 3221 Stimmen; ' > In der Minorität blieben die Herren: j Ar. Leopold Kahn- Hof- und Gerichts-Advokat, VII.,! Lindengasse 11. 1414 Stimmen; Hskar Warmorek, Architekt, 1, Maximilianplatz 4-5,! 1400 Stimmen; Ar Hrnst Kranz Weist, Hof- und Gerichts Advokat, VII., ^'-'ariabilferstraße 48. 1313 Stimmen; Wichard Hlappaport, Privatier, 1, Opernrittg 10, 1269, Stimmen; Adolf Wrecher, Banqnier, XVIII., Pötzleinsdorferstr. 33, 1174 Stimmen. Ersatzwahl eines Korstandsmitgliedes mit zweijähriger Waudatsdauer. Abgegeben wurden 4492 giltige Stimmen. Gewählt wurde Herr Sigmund Kauders, Weingroßhändler, XI, Hauptstr. 80 mit 4369 Stimmen; Religiöse Erziehung in -er Gegenwart. Von Dr. L. H i r s ch -Krmnau. „Stets sei der Mensch weich und biegsam wie Rohr, nie hart wie eine Ceder." Diese herrlichen Worte des Rabbi Elasar bcn Rabbi Simon, die durch eine hübsche Erzählung in Taanith belegt sind, zeigen uns beu Weg, welchen eine vom modernen Geiste getragene religiöse Erziehung einzuschlageu hat. Während wir auf Schritt ltiib Tritt der größten Lauigkeit und sogar Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen begegnen, muffen wir endlich uns darüber klar werden, wie wir die Jugend, die ja unsere Hoffnung und Zukunft ist, für den wahrhaft erhabenen Glauben unserer Väter gewinnen können. Und der einzig richtige Weg hiezu ist wohl die ständige Belehrung, die gutes Beispiel im Leben am besten erzielt. Unser religiöses Lebert krankt einmal tut dem Uebel des Mechanischen, Empfindungslosen, bei dem das Herz schweigt, welches doch im religiösert Leben das Meiste mitzureden hat. Im Gebete mangelt die Andacht, das Verständnis des Gebetes, des Ritus und der wichtigsten religiösen Bräuche. Wenn unsere Alten, die das Leben in seinen verschiedensten Erscheinungen, seinen Wechselfällen, seinen Bedürsnißen so genau kannten, stets darauf hiuwiesen, dass ein Gebet ohne Andacht nichts bedeute, gleich einem Leibe ohne Seele, so wiesen sie uns den richtigen Weg der Andacht. Wie erhebt sich doch, das Gemüth des Menschen zu Gott, wertn er in der Sprache seiner Väter zum Vater im Himmel betet, wenn er in dieser heiligen Sprache sein Herz vor Gott ausschüttet, wie gestärkt und hoffnungsfreudig geht er von Neuem an die Arbeit, die nach dem Ausspruche unserer Weisen groß ist, da sie den Mann groß macht und für alles Ideale erwärmt. Wahrlich eine herrlichere Darstellung der Arbeit kann sich in der ntodernsten Ethik nicht finden, als dieses Lob der Arbeit in Gittin. Wie anders wirkt ein solches. Gebet, bei dem Herz und Geist mitsprechen, als ein mechanisches Sprechen von Formeln! Also vorerst sorge man in Schule und Haus für das Verständnis unserer Gebete, unserer Satzungen, dann wird die Jugend besser davon denken und mehr Lust zu den herrlichen Lehren unserer Thora bekunden. Hauptaufgabe unserer Schnle muß es werden, neben der Kenntnis btr Liturgie auch den Geist derselben der Jugend klar zu machen. Denn nur durch einen das lebendige Interesse weckenden Unterricht, durch „Bestimmung und Vertiefung" (Ziller). ist hier Wandel zu schaffen. Welch' herrlicher Schatz edler Lehren liegt in unserer Agada verborgen! Warum soll dieser neben der Bibel nicht Gemeingut Aller werden? Wie anders würde man vom Judenthum in den gleichgiltigen höheren jüdischen Kreisen denken, wenn das Verständnis für diese herrliche Sprache vorhanden wäre! Da gilt das Wort unserer Alten: „Der Mann ehrt seinen Platz, nicht der Platz den Mann." Der hochgestellte Jude verleiht seiner Stelle erst den rechten Glanz, .wenn er sich seines Glaubens nicht schämt, sondern ihn offen bekennt; nicht durch Selbstverläugnung, durch ängstliche Unterdrückung jeder Aeußerung seines Glaubens kann der Mann die Achtung erzwingen, sondern vielmehr durch treue Bewahrung seines väterlichen Erbes, durch offene Bekundung seiner Ueberzeugung. Wenn die Jugend das gute Beispiel der Väter nachahmt,, wenn sie zur Einsicht kommt, dass die menschliche Werthschätzung unmöglich von heuchlerischer Nachahmung unverständlicher Formeln und Anschauungen abhängen kann, so ist damit ein Schritt zur Besserung gethan. Bei aller Freiheit der Bewegung, aller Hochschätzung und Würdigung jed.r Ueberzeugung ist doch die Selbstachtung, die Bethätigung seines eigenen „Ich" unerlässlich. Wird hiermit das Selbstbewusstsein gestärkt, so gewinnt damit auch der Character. Der gewöhnliche Mensch muß einsehen, dass nicht Fasten und Klagen, nicht trübe Reflexionen helfen können, sondern die Untkehr vom Unrechten Wege, die Rückkehr zu Gott, zur Lehre der Väter und wackere Mitarbeit an sich und anderen. Denn jeder kann und muß dem anderen helfen, wenn anders er seiner Menschenpflicht genügen will. Doch diese Hilfe soll nicht etwa blos materiell, sondern vielmehr noch moralisch sein. Der Betrübte solle vom Heiteren, der Böse vom Guten geleitet werden, das ist nach Samuel das Wohl der Menschheit, die Lösung der socialen Fragen, indem dieser Amaräer noch sinnig hinzufügt, der bereits dem Gefüge des Thurmes eingereihte Balkeit muß dem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden. Jawohl, zurück mit den fremden Balken, fremden Anschauungen, selbst wenn dabei die erträumte Höhe unseres Gebäudes nicht erreicht werden kann! Wir wollen lieber ein einfaches Haus voll eigener Einrichtungen als einen Palast, zusamengefügt aus fremdem Materiale! Hätten wir dies früher bedacht, so wäre uns der Vorwurf des Raubens, Ausbcutens, Unterdrückend wenigstens von unseren aufrichtigen Gegnern unmöglich gewesen. So aber haben wir uns oft von unberuieiten Verführern verleiten lassen. Von Leuten, die sich als Vertreter, Abgesandte Israels anfsp.ielten wide: alles Recht und Herkommen, wurde unsere Sache nicht ver-, sondern zertreten. Wir wollen über abgeschlossene Thatsachen keine Klage führen, sondern nur aus den Fehlern der Vergangenheit das Richtige für Gegenwart und Zukunft lernen. Soll es besser werden, soll unser Volksthum neu üufleben, so muß Schule und Haus zusammenwirken, alle Gegensätze in Wort; und