Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 45 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Die Wahrheit. Seite S. That vermeidend. Unsere Lehre ist fürs Leben, das Leben ' mutz aber auch für unsere Lehre sein. Es muß für uns die; Mahnung gelten, die eine schlichte Erzählung im Traktate! Ta amt (18) uns gibt: Einmal war das Thorastudium und die Beschneidung von den Römern verboten worden, dafür sollten die Israeliten den Sabbat entweihen! Da holte Juda; ben Schammua bei einer hochangesehenen Matrone, in deren Hanse die ersten Männer Roms verkehrten, mit seinen Genossen'! sich Rathes. In stiller Nacht konnten sie ohne Gefahr ihr Anliegen Vorbringen. „Sind wir nicht alle Brüder, Kinder eines Vaters, einer Mutter? Sind wir etwa von anderen Völkern verschieden, dass Ihr uns unter Ausnahmsgesetze stellt, unsere Menschenrechte uns raubt?" Wahrlich eine so einfache Sprache eines gequälten Herzens kann nicht ohne Eindruck sein, und die Wirkung war in der Aufhebung der Ausnahmsgesetze zu sehen. Israel feierte einen Festtag. Wir müssen uns laut au Jene wenden, die noch einerbesseren Einsicht fähig sind, ihnen in Wort und Schrift klar; machen, dass wir nichts mehr und nichts weniger sein wollen, : als ruhige, arbeitsame Bürger, die mit ihren nichtjüdischeu Brüdern in Frieden und Freundlichkeit leben wollen; nicht; Herrschaft und Glanz, sondern ein einfaches Leben der Gottes-; furcht und Menschenliebe ist unser Ziel, womit wir aber auch - unsere Jugend vertraut machen müssen. Wie überzeugt von! seiner gerechten Sache trat Juda ben Schammua vor die Matrone, deren Haus ein Sammelort aller Großen, Gebildeten und Einflussreichen war. Offen für seinen Glauben selbst in den höchsten Kreisen der Gesellschaft einzutreten, das müssen wir durch gutes Beispiel unsere Jugend lehren. Nicht dadurch glänzt man, dass man sein ureigen Wesen beschämt verhüllt, sondern dass man es in angenehmer, nicht lästiger Weise bekundet und dann von selbst jene Schranken fallen , sieht, die bis heute trotz aller Assimilation fortbeftehen. Je mehr man seine Ueberzeugung innerhalb berechtigter Grenzen i bethätigt, desto weniger Anstoß, Anfeindung hat mau zu befürchten, das muß man der Jugend immer wieder ein« schärfen und auf ihr Selbstbewusstsein einwirken. Sehen wir! ja, dass die kräftig, stolz empfindende Jugend von selbst darauf verfällt, dass es mit dem ständigen Anb'ederu nicht geht, sondern eine innige Vereinigung von Gesinnungsgenossen sich am besten bewährt. „Getrennt marschieren, vereint schlagen/ das ist der richtige Grundsatz für den Frieden.; Denn über all' die en Streitfragen der verschiedensten Art! fleht ja doch stets das reine Menschenthum, die ewig gleichen,! unvermeidlichen Beziehungen der Menschen zu einander. Zweck jüdischer Erziehung ist die Weckung jüdischen Gefühles, jedoch I nicht mit den Fehlern jener nationalen Engherfigkeit, die nicht veredelt, sondern verroht und verthiert. Nie hat in * Israel, Gott Lob, nationaler Fanatismus über jene Besonnen j heit gesiegt, der im Leben die meisten Erfolge znzuschreibeu sind. Unser ganzes großes Schriftthum verkörpert btc Idee der Duldsamkeit und selbst gegeiltheilige Tendenzen deren ja jede Litteratur genug aufweist, vermögen die Stärke der Friedensidee unseres Schriftthums kaum abzuschwächen. Während nationaler Chauvinismus bei den anderen Völkern so viel Unheil anrichtet, ist eine gesunde nationale Bethätigung bei uns stets nur von Vortheil gewesen. Die goldene Mittelstraße ist immer zu empfehlen. Je weniger unsere Jugend rein religiös denkt, je mehr das religiöse Wesen zurückgeht,; , desto mehr muß das nationale Leben sich regen, desto mehr; müssen wir zur nationalen Wiedergeburt uns rüsten, sonst geht alles verloren, was Jahrtausende uns erhielt. Unsere Geschichte muß Eigenthum der breiten Schichten; werden, die Begeisterung für unser Volksthum muß uns verjüngen. Und „Volksthum" ist unsere Geschichte, die religiös ist, wie denn unser Volksthnm durch die Religion Form und Inhalt erhielt. Mögen unsere Ansichten noch so weit auseinander gehen, iu wichtigen Fragen müssen alle geeint sein, , da darf keine Meinungsverschiedenheit den Erfolg fraglich! machen. Getviss ist eine gesunde Opposition heilsam und anregend, allein wenn man blos der Oppofitiou wegen das Ziel bekämpft, so ist dies thöricht. So ist es auch in der Erziehung. Nicht „blinder", sondern „williger" Gehorsam sei das Ziel des erziehenden Unterrichtes in der obersten Stufe. Man unterdrücke nicht jede freiere Frage, sondern suche vielmehr durch offene Aussprache die Jugend zu gewinnen. Man leistet der Glaubensapologie mehr Dienste, wenn man schwere Zweifel des jugendlichen Geistes entfernt, als wenn man ängstlich solchen Fragen aus dem Wege geht, in reiferen Menschen ein gewisses Unbehagen, ja eine Abneigung gegen den Glauben weckend. Man thut nie daran gut, der Jugend ausweichend zu antworten, sondern gelangt weit eher durch Eingehen auf die Sache und Zurückfähren auf einfache Erklärung zu Erfolg _ (Schluß folgt.) Wilhelm Hauff. Am 29. November werden es 100 Jahre, seit der im jugendlichen Alter von 25 Jahren verstorbene Verfasser von „Lichtenstein" ulld „Jud Süß" in Stuttgart geboren wurde. Es sollte uns nicht Wunder nehmen, wenn gelegentlich dieses Gedenktages von jenen Leuten, denen der Judenhass ein Gewerbe geworden ist, Hauff zum Antisemiten gestempelt werden 'ollte. In seinen „Memoiren des Satans" verspottet er die jüdischen Mädchen, die durchaus Christen heiraten wollen, und in einem „Märchen" nennt er die Juden verschlagen, und „desto verschlagener, je mehr sie mißhandelt werden." Meiner Anschauullg nach wäre es aber entschieden falsch, auf Grund, seiner Bemerkungen in den „Memoiren des Satan" Hauff zum Judenfeinde stempeln zll wollen; denn Hauff gießt in diesen Erzählungen auch über Goethe die Lauge seines Spottes aus, ohne ein Feind Goethes zu sein. Der sprechendste Gegenbeweis aber ist seine Novelle „Jud Süß", die er wenige Jahre vor seinem Tode und später als die „Memoiren des Satan"und „Märchen" abgesassl hat. Mit besonderer Vorliebe wird hier die Schwester des Ministers Lea als eine Gestalt gezeichnet, die auf den Christen Lanbek durch ihre Schönheit wie durch ihren Charakter einen faszinierenden Eindruck macht, und die er zur Gattin wählen nröchte, wenn er sich von den Vorilrtheilen frei machen könnte, die in seiner Familie gegen die Inden herrschen. Selbst die Schwester des Lanbek, Käthe, ist von Lea so entzückt, dass sie ausrust: «Wahr ist es doch, Gustav (Lanbek) hat zwar gefehlt, aber an seiner Stelle hätte jeder andere auch gefehlt. Ich habe sie einmal am Fenster und einmal im Garten gesehen; so schön und anmuthig sah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was sind alle Gesichter in Stuttgart, was ist selbst die schöne Marie, von der man soviel Wunder macht, gegen dieses herrliche Gesicht! Nein, Hedwig, ich hätte mich ganz in sie verlieben können". Hauff zeigt das dumme Vorurtheil, indem er die andere Schwester Hedwig daraus erwidern lässt : „Mag sie sein, wie sie will, sie ist und bleibt doch nur eine Jüdin". Dass Hauff thatsächlich frei von Vorurteilen war, zeigt der Schluss der Novelle: „Er (Jud Süß) musste nicht sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen, als für die Schändlichen und Pläne mächtiger Männer am Galgen sterben". „Verwandschaften, Ansehen, heimliche Versprechungen retteten die anderen, den Inden konnte und mochte niemand retten, und so schrieb inan, wie sich der alte Landschaftsconsulent Lanbek ausdrückte, was die übrigen verzehrt hatten, auf seine Zeche". vr. 8. Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wien. XX. (Schluss.) Was aber noch viel bedeutsamer, ist die Thatsache, dass in dem Gedanken an ein ewiges Leben das Buch Jjob seinen erhabenen Culminationspunkt findet. Die Sache ist so sehr von grundsätzlicher Bedeutung, dass hier des Näheren