Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 43 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Kesterr.-ungar. Cantoren-Zeilung. Nr. 43. Aeilage zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 22. Zahrg. . Organisation und Fachblatt. Von M. T i n t n e r—Bunzlau. » ^Verbunden werden auch die SchwacheiM^tig" lautet! ein vielcitirter Ausspruch Schillers. Und getvM/ nur in der Einigkeit, in der Gegenseitigkeit der Hilfe liegt die Kraft. Was! vermag e i n Mensch, und wenn er auch noch so laut seine Stimme! erhebt, um zum Schutze und zur Hilfe für die Beträngten aufj zurufen. Niemand hört ihn, und wenn ihn jemand hört, beachtet! er ihn nicht, jeder denkt zunächst an sich. Und doch mahnt uns : die Schrift so oft und eindringlich, wahre und praktische Nächstenliebe zu üben und zu pflegen. Viele denken über das Gottesgesetz nach, lehren und predigen es, aber wie viele Hörer handeln darnach? Ein Artikel in dieser geschätzten Zeitschrift reicht nicht aus, um die mosaische Lehre der Nächstenliebe ausführlich zu behandeln, darum will ich nur etwas hervorheben. Nach unseren Grundsätzen betrachten wir jeden Menschen, der' an Gott glaubt, Tugend und Nächstenliebe übt, als unseren Bruder, mag er noch so niedrig stehen. Unrecht sollen wir nicht dulden, das Anderen zugefügt wird, aber auch nicht jenes, das uns zugesügt wird. So wird Menschenliebe, Liebe zur Menschheit uns zur Herzenspflicht gemacht. Und doch, hier komme ich zum eigentlichen Thema wieder zurück, — was kann Einer thun? Aber „verbunden werden auch die Schwachen mächtig," sie werden durch Einigkeit nicht blos stark genug. Anderen zu helfen, sondern auch f i ch zu helfen. Eine Vereinigung vieler Mitglieder eines Standes und Berufes zu einem Bunde enthält alles, was nöthig . ist,, um. die. Forderungen deL betreffenden Bundes zur Verwirklichung zu bringen; denn der Eine wirkt durch das Wort, der Andere durch die Schrift, ein Anderer belehrt, ein Anderer leitet die Geschäfte des Bundes, wieder ein Anderer vertritt ihn vor der Außenwelt, vertheidigt ihn, ünrbt ihm Freunde und Gönner. So ist die Verbindung aller Mitglieder eines Berufes das Ideal, dem die Mitgenossen zustreben sollen; was der Eine nicht weiß, weiß der Andere; was der Eine nicht kann, kann der Andere. Die Gaben sind untere den Menschen nicht gleichmäßig vertheilt, der Bund aber ist etwas Vollkommenes, soweit in dieser Welt etwas vollkommen sein kann; denn er umfasst alle Charakter», das Wissen und Können in der Gesammtheit. Ein solcher Bund wirkt aber nicht blos in idealer Hinsicht, er kann auch in materieller Beziehung sehr viel leisten. Wenn jeder nur ein kleines Scherflein beiträgt, so kann schon sehr viel gethan werden. Und wie nothwendig ist oft schnelle und lief eingreifende Hilfe, besonders bei uns, bei den Cantoren und Cultusbeamten. Viel, sehr viel ist bei uns zu thun und zu erreichen, bis wir auch nur mit einigem Recht sagen können: »Jetzt gehl es wenigstens schon". Wenn wir fragen, was haben wir denn zu erreichen, welche Forderungen sind denn aufzustellen, so müssen wir leider antworten : »Alles ist noch zu erreichen, denn Alles fehlt uns noch, sowohl in materieller, als auch in idealer Beziehung". j Um unsere berechtigten Forderungen zu verwirklichen, müssten alle Cantoren einen einzigen Verein bilden, deren Mitglieder mit Treue und in Wahrheit für die Ziele des Cantorenstandes arbeiten-! In einen solchen Verein, in einen solchen Bund gehört keine Gleichgiltigkeit; der Gleichgiltige versündigt sich am ganzen Stande. Diejenigen, welche in fetten Pfründen sitzen, verfolgen leider gar zu oft Sonderinteressen und blicken auf ihre Standesgenossen tu der Provinz mit Geringschätzung herab. Diese Herren College» — keine Regel ohne Ausnahme — sehen nicht, wie mancher tüchtige, brave College alt nnd schwüch, matt und kränkelnd wird, wie er immer weiter arbeiten muß» sonst müsste er hungern — oder den Bettelstab ergreifen. Für die alten Tage hat er sich nichts erspare» können, Pension erhält er nicht — er muss also arbeiten bis zum letzten Athemzuge, Soll und muß da nicht Wandel geschaffen werden, besonders in der heutigen vielbewegten Zeit für Israel? Muß nicht das Ansehen unserer Glaubensgemeinschaft leiden, wenn der Cultusbeamte als „Freiwild" behandelt und betrachtet wird? Wo bleibt der viel gepriesene Ausspruch der Alten: „B’ne jisroel gomle ehassodim.?" Jedoch möchte ich denselben nicht im philantrophischen, sonder» im praktischen, zeitgemäßen Sinne angewendet wissen. Bevor wir Cantoren aber energisch und mit Einmüthigkeit unserer Forderungen vertreten wollen, müssen wir uns erst recht klar werden, welcher Art dieselben sein sollen; gerade hierein ist Einigkeit die Hauptsache. Zunächst ist es erforderlich, dass der Cantorenbund seine gerechten Ansprüche den Regierungen und den Gemeinden unterbreite und auch beweiskräftig und energisch vertrete. Welches sind nun unsere Forderungen? Wir theileu diese zunächst in zwei Hauptgruppen ein,, nämlich in die Forderungen idealer und in diejenigen m a t er i e^l l e r Natur ein. Beide Arten sind gleichwichtig, die Erfüllung beider Arten gleich nothwendig. (Fortsetzung folgt.) Litteratur. Aphrodite «ud Athenvon Dr. Adolf Kohut. (Verlag von Max Schreck i. Fa. W. Malende Nachf. Max Schreck. Leipzig. Preis drosch. M. '4. elegant ged. M. 5.—.) Der bekannte Verfasset, ein bewährter Kenner der Frauenfeele, bietet uns hier ebenso unterhaltende, wie lehr» reiche pshchologitche, litterar- und kulturgeschichtliche Plaudereien und Federzeichnungen, welche für die Naturgeschichte des WeibeS von hohem. Werth sind. WaS Dr. Adolf Kohut von den strategischen Hilfsmitteln Aphrodites und Athenes, von gekrönten und gefürsteten Damen, von Poesie und Musik und das „Ewig Weibliche", von den Divas der Bühnenwelt, von berühmten schönen Seelen u. s. w. zu erzählen weiß, hat einen ganz eigenen, intimen Reiz. „Aphrodite und Athene" wird daher gewiss das Lieblingsbuch der Damenwelt werden; aber nicht allein im Boudoir des zarten Geschlechts, sondern auch auf dem Büchertisch jedes Gebildeten, welcher sich nach anregender und genußreicher Lectüre sehnt» wird das Werk einen bevorzugten Platz einnehmen. Aus dem reich, haltigen Jnhaltsverzeichniße sei für die Leser dieses Buches besonders auf zwei „schöne Seelen" verwiesen: Rahel Barnhagen v Ense, geb. Levin Markus, und Dorothea Schlegel, geb. Mendelssohn. Berühmte israelitische Männer nnd Krane». Das glänzend ausgestattete Prachtwerk „Berühmte israelitische Männer und Frauen" von Dr. Ad. Kohut liegt nun vollendet da. Ein Gefühl des freudigen Stolzes überkommt uns beim Anblick dieser Sammlung jüdischer Geistesgrößen, da wir uns bewusst werden, wie viel die Menschheit dem kleinen, gehassten und verfolgten Judenvolke zu verdanken hat! Biele jüdische Größen mussten allerdings dem Taufbecken ihre Reverenz machen. Aber was thut das? Schmach über diejenigen, die sie da,u gezwungen haben! Auf den Adel und den Geist des jüdischen Volkes wirft es keinen Schatten ... Es wäre gut, wenn dit Getauften als solche in einer zweiten Auflage gekennzeichnet würden. Aber auch so kann dieses Pantheon des jüdischen Geistes nicht warm genug empfohlen werden. ntup vnr'vi rvmtop MaSSiner Ar Mnüns Mengadt, Ritter des königlichen Kronenordens. ErinnerungS-Blätter seinem Andenken gewidmet, von seinem Sohne Dr. Louis Neustadt. Breslau. 1902. 72 S. Gr. 8«. Den Inhalt der Schrift bilden: l. Aus den letzten Tagen: Ein 60jährigeS Lehrer-Jubiläum (Biographie, Schriften, Feier), Nekrolog an der Bahre, Grabreden von Dr. L. Neustadt und Dr. F. Rosenthal, die Gedächtnisfeier in der „Synagoge für den Jugendgottesdienst", Gedächtnisreden von I. Neustadt und Dr. Krakauer» eine Gedächtnisfeier in Schweden. 2. Aus der Jugendzeit: Drei Predigte» aus Mecklemburg (Pessach in Tessin 1847, Antrittspredigt in Stavenhagen 1845 und Sch'buot das' 1851), Sfira-Gebet, eine Auto-Biographie. Herr Stadtschulrath Dr. Pfundtner hat dem Herausgeber der Gedächtnisfchrist, Herrn Dr. Louis Neustadt, ein Dankschreiben zukommen lassen, das ebensosehr den Schreiber als den von ihm verehrten^ heimgegangentzst Lehrer der Jugend ehrt.