Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 40 (22.10.1902)
- Date
- 1902-10-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3062972-3063113-3063153--02146-3068798- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
[ Redactloi; und AdministraÜon: jWien, Il/t.’Novarägaffr^27. St. ln üstirr. PostSvLreLsia Lheck-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller yer Nonparrille-Zrile. Abonnements» und JnferationS» betrüge stttd in Wien zahlbar > ' und klagbar. . ^abhängige Heitfchrist für jüöische jttfmfett. Erscheint jeden Freitng. Giotto: „Das Siege) Gottes ist Wahrheit!" Sanzjährlg. Halbjährig . . » 12.- . St. Für Cultusbramte: Ganzjährig.... St. 10.— Für Auslands Ganzjährig . . . 8 Mark. 6 Rubel oSer 16 FcS tlr. 4V. tvien, 22. Oltober 1902. Jizftalt r Silkkoh und Lulaw in. ihrer Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft des Judenthums. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Baurath Wilhelm Stiaßny. — Samuel Goldmann. — Jüdische Mädchen und Frauen. ~ Verschiedene Nachrichten. — Ausweis. — , Danksagung. Wir ersuchen die Kreunde und Kann -r unseres Mtattes dassetöe durch möglichste Aervreiturrg zu fördern und bitten den Wrärrumerationsöetrag für das am 1. Hctoöer begonnene IV. Quartal umgehend einznsenden. Die Redaction. Siikkoh und Lulaw in ihrer Lebeutung für die Gegenwart und Zukunft des Äudrnthnm«. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wieik Aus den Tagen, in welchen es mit dem ersten jüdischen Staate zu Ende ging. wird uns im 35. Capitel des Propheten Jeremijahu eine höchst merkwürdige Begebenheit berichtet. Der Prophet erhielt von Gott den Befehl, in das Haus der Familie Rechab zu gehen, mit dessen Bewohnernein Gespräch änzuknüpsen, sie alsdann in eine derTemp.'lhallen zu führen, um ihnen dort schließlich Wein anznbieten. Der Prophet Ihat, wie ihm geboten ward. Nachdem er seine Gäste in jene Halle geführt hatte, die unmittelbar neben dem Fürste'ngemach gelegen, ließ er ihnen Wein in Gläsern und Kelchen austragen und forderte sie zum Trinken auf. Aber auch nicht einer war dahin zu bringen, dass er den Wein auch nur an die Lippen führte. Sie verwiesen vielmehr auf die letztwillige Verfügung ihres Vorfahren Jonadab, der ein für allemal für seine Nachkommen angeordnet,, hatte, dass sie weder Wein trinken, weder Weinbau oder Ackerbau betreiben, noch Häuser als. Wohnstätte bauten, sondern ganz unabhängig von, dem Verlaufe der Jahreszeiten sollten sie stets in Hütten wohtM». Dieses seltsame Testament haben die Angehörigen der Familie Rechab Jahrhunderte lang durch strenge Beobachtung in Ehren gehalten. Dadurch wurden sie der hohen Anerkennung M yWdig befunden, dass ihre Treue im Namen Gottes dem ganzen Volke als leuchtendes Beispiel vorgehalten ward. Mit Bezug auf ihre an den Tag gelegte Treue sollte der Prophet zum Volke sprechen: Die Nachkommen des Jonadab b Rechab halten den Willen ihres Vorfahren noch immer hoch; — wie oft jedoch habe ich Euch durch meine Propheten meinen Willen kmAgethan und Ihr mochtet ihn nicht befolgen. WWn Mir auch unsererseits. der Hharaktergröße dieses GeschleWs mit Recht unsere ungetheilte Bewunderung zollen, so drängt sich uns nichtsdestoweniger die Frage ans: Was hat denn eigentlich ihr Anherr mit seinem eigenthümlicheu Testament bezweckt? Wir können unmöglich weder von dem Gründer noch von den Trägern dieses Hans s gut annehmen, dass sie einfach einer unberechenbaren Laune Alles hingeopfert haben, was uns für die Fristung eines menschwürdigen Lebens ganz unerlässlich scheint. Recht besehen scheinen hier ganz andere Absichten maßgebend gewesen zu sein. Jonadab b. Rechab lebte zu einer Z:it der tiefsten Gährungen. Der große Staat der 10 Stämme hatte sich aus denselben überhaupt nicht mehr zu dauerndem Bestände zu erheben vermocht. Wenn auch das kleinere Davidische Reich jene Eceigniße noch Jahrhunderte überdauerte, soviel stand für jeden Einsichtigen fest, dass es auch mit diesem über kurz o)er lang zu Ende gehen werde. Ein von Liebe geschärftes Auge hat stets noch am weitesten in die Zukunft zu blicken vermocht. Jonadab aber wollte seine Nachkommen gegenüber allen Gefahren, welche diese Zukunft Heraufbeschören werde, so weit es Menschen vermögen, sicher stellen. Dazu erwiesen sich allerdings die von ihm verordneten Maßregeln als vorzüglich geeignet. Sie sollten nicht blos von der fest'» Scholle, sondern auch von der gemauerten WZHnstätte sich unabhängig machen. Das letzte, was die von der Zeit heranfbeschworeuen Berhängniße ihnen allenfalls noch rauben könnten, sollten sie freiwillig im vorhinein preisgeben. Was werden sie ihnen nun noch anhaben könne»? Bon diesen Erwägungen aus fällt ein besonders Helles Schlaglicht aus unser gegenwärtiges Fest, das in unserem Haus', wäre es auch mit allem Luxus der Neuzeit ausgestattet, seine Stätte nicht finden mag und ausschließlich in leichtbeweglichen Hütten begangen sein will. Haben wir in der letzwilligen Verfügung des Jonadab b. Rechab den Fernblick, mit dem er die Zukunft zu durchdringen vermochte, bewundert, so bildet unsere. Festeshütte eine Stiftung unseres Gottes, dessen liebendes Auge über die Zeiten und ihre» Wechsel überhaupt erhabeü ist. Mehr als irgend ein Volk sind wir von einem Ende der Welt zum anderen umheraeworfea worden: Was wäre unter her Last solcher Schicksale aus uns geworden, wenn wir es Men anderen gleich gethan und an die Scholle unser Herz gefestO hätten r —Die Snkkoh hat uns vor all«'de» Unbilden der Zeiten gefeit. Sie ist an keinen bestimmten Flecken der Erde gebunden. Ebenso schnell, wie sie hier abgebrochen, ist sie bork wieder aufgerichtet. Es