Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 37 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion und Administrativ r: Wien, II/i. Novaragaffe 27. ff. I. österr. Po^ivarcisia . Eheck-Conto Sir. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und JuserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Serugspreis: Ganzjährig. . . ff, 12 — Halbjährig .... ff.. 8.— Mkhängige Heitfchrift für jüöifche Mtere^eü. Erscheint jeden Freitag. Für Ansland.: Uatto: „Vas 8i«x«k 6ottvs ist ^akrdsit!" Für CultuSbeamts: l Ganzjährig. ... ff. 10.— Gauzjäürig . . . 8 Mark. 6 Rubel oder 18 FcS Nr. 37. Wien, 19. Zepiember ML Inhalt r Zum Capitel der Probepredigten. — Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. — Die Juden und der Talmud. — Verschiedene Nachrichten. — Neu erschienene Bücher. — Zur Organisationsfrage. — Beitrag zur Geschichte der Judenverfolgungen in Oesterreich-Ungarn. — Vor dem französischen Kriegsgericht. Mit Rücksicht auf die bevorstehenden hohen Festtage erscheint die nächste Nummer unseres Mattes nicht Lreitag, den 26. sondern Dienstag, den 80. d. M. in verstärkter Ausgabe. Die Redartion. Imn Capitel der Probepredigten. Einem Briefe Zacharias Frankels, der im „Hamagid" erschienen ist und aus dem Jahre 604 (1844) von Dresden datirt, entnehmen wir eine höchst bemerkenswerthe Aeußerung, die auf die gegenwärtigen Verhältniße ausgezeichnet passt und uns gerade jetzt um so aktueller erscheint, als vor Kurzem tu der Brünner Eultusgemeinde eine Reihe von Probepredigten absolvirt wurde und in nicht allzu ferner Zeit auch in der Metropole Wien die Besetzung der Rabbinervacauz auf diese Weise herbeigeführt werden soll. Rabbi Zacharias Frankel, diese Leuchte des Judenthums, schreibt an erwähnter Stelle Folgendes: „Gestern erhielt ich aus Mähren ein Schreiben, wo mir mitgetheilt wird, dass die N i k o l s b u r g e r Gemeinde mich zu ihrem Nabbü.er und zum Landesrabbiner von Mähren wählen wolle. Aber ich habe längst den Entschluss gefasst, nach Oesterreich nicht mehr zurückzukehren. Die Lage unserer Brüder ist dort schrecklich, die Regierung bedrückt sie mit eiserner Gewalt, so dass ihre Existenz in der. Lust schwebt. Man müsste verzweifeln, wenn nicht die Hoffnung auf Gott wäre, der uns immer in der Noth geholfen hat. Aber nicht nur das allein. Der Zustand unserer Brüder in Deutschland überhaupt bereitet mir viel Kummer. Im Inneren der Gemeinden herrscht Zwietracht und Parteiung. Abfall, Schlech- ' tigkeit und Angeberei sind an der Tagesordnung, dass es eine . Schande ist für die Außenwelt. Diese steht uns feindselig - gegenüber und möchte uns am liebsten gänzlich vernichten. Es ist eine schreckliche Zeit, und unsere Hoffnung, mit unserer Umgebung in Frieden zu leben, ist zu Wasser geworden. Ich : habe überhaupt den Entschluss gefasst, mich niemals um eine Rabbiner stelle zu bewerben. Wenn mich die betressende Gemeinde kennt uud ich ihr gefalle — warum soll sie mich nicht aussuchen? Wenn man etwas haben will, muß man doch nachten, in dessen Besitz zu kommen, so ist es doch immer — nicht umgekehrt!" Solche Grundsätze wären unseren jetzigen Rabbinern sehr zu wünschen, jedoch müssten sie sich auch alle bestreben in Amts¬ und Lebensführung dem leuchtenden Beispiele Zacharias Frankens nachzueifern, daun würden für sie und das gefammte Judenthum bessere Zeiten anbrechen. Bei Besprechung des gleichen Themas geißelt die „Jüd, Volksstimmedie vor Kurzem abgehaltenen Brünner Probepredigten in gewohnter scharfer Tonart mit folgenden Glossen: „Seit vielen Moneten bietet sich den Brünner Juden in der großen Synagoge ein interessantes Schauspiel dar. Rabbiner von Nah und Fern, Oesterreichs, Reichsdeutsche, Oestler, absolvieren ihre Gast- und Probepredigt und tragen dazu bei, dass am Freitag Abend ein zahlreiches, neugieriges Auditorium den sonst halbleehren Tempel füllt. Die Brünner Blätter kündigen die Vorstellung, pardon Predigt, pünktlich an und ein „volles Haus" ist jedesmal dem gastierenden Prediger sicher. Der Eultusvorstand erscheint bei solchen Anlässen vollzählig. Es geht sehr feierlich und furchtbar ernst zu. Gravitätisch schreiten die Gemeindegewaltigen der ersten Bank zu, wo sie, jeder Zoll ein Eultusvorstand, ihres Kritiker-Amtes walten und würdevoll der ihnen gehaltenen Predigt Lauschen. Orgeklang und Chorgesang erhöhen den peinlichen Eindruck, den jede solche Schaustellung, jedes an das Theater erinnernde Gastspiel erweckt. Das Wettpredigen, das hier seit Monaten entbrannt ist, flößt kaum jenen Respekt vor dem zu besetzenden Posten ein, den die Bewerber in ihren weitschweifigen Programmreden gerne fordern. Es ist eine demoralistrende Thätigkeit, des Rabbinerstandes unwürdig. Ist er wirklich so arm an Talenten, dass man durch direkte Berufung dem Theaterspicle in der Synagoge kein Ende machen kann? Das Refus, welches berufsstolze, selbstbewusste Rabbiner dem Brünner Vorstande gaben, weil sie sich zu einem „Engagement auf Gastspiel" nicht hergeben wollten, verdiente wahrlich Nachahmung. Aus Rabbiuerkreiseu dringen immer häufiger Klagen über schwindende Autorität und zu abhängige Stellung in die Außenwelt. Jst's ein Wunder? Wo ist ein westlicher Rabbiner wirklich „Seelsorger", geistiger Leiter der Gemeinde, Führer der Gläubigen? Seine rechtliche und upd materielle Stelluu