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Die Wahrheit · 1902-09-12 · Heft 36 (12.9.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 36 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Är. 36. f.-uit0nr. Cmiloren-Zkitnng. Meilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Zur Organisation. Da sofort nach den hohen Feiertage«! die Organisatious- Hätigkeit mit erhöhter Energie ausgenommen werden wird, erscheint es uothweudig, dass diejenigen Herren College» in Oesterreich-Ungarn, die das Mandat eines Vertrauensmannes -angenommen haben, schon jetzt eine vorbereitende Action im Kreise der ihnen nahestehenden Amtsbrüder eiuleiten und für t»ie Organisation eifrig Mitglieder werben. Vor allem wäre es höchst erwünscht, dass die Herren Vertrauensmänner dem Präsidium des Oesterr.-ungar. Cautoreu- Vereiues die Namen jener College«» mittheilen, welchen der demnächst zur Aussendung gelangende Aufruf zugesendet werden soll. Der alte Prager Friedhof. Angesichts der nunmehr entschiedenen Demolirung, der «in großer Thcil des alten jüdischen Friedhofes in Prag anheimfällt, erscheinen die nachfolgenden Betrachtungen des berühmten Culturhistorikers Wolsgang Kirchbach von besonderer Actuellität. „Wer jemals auf dem alten Judenkirchhof in Prag verweilt hat," so schreibt Kirchbach in einer der letzten Nummern der „Nation" unter dem Titel „Jüdisches im Osten", „wird nicht ohne ernstes Nachsim.en diese Stätte des Todes und der Geschichte verlassen haben. Auch nachdem das alte Ghetto von Prag weggerisseu ist und neue Stadttheile über diesem Platze sich erheben, wird der alte Friedhof selbst so wie die alte Synagoge in der Nähe erhalten bleiben*), um Zeugnis abzulegen von der Art, wie das Judenthum in» Osten das Mittelalter überdauert hat als eine Cultur für sich, eine Welt für sich, der wir noch sehr viel Aufmerksamkeit werden zuwenden müsien, wenn wir so manches Räthsel der Geschichte, der Entwickelung des Christenthums selbst, der Weiterbildung humanisttscher Ideen und mit ihr des modernen Gerftes werdet» verstehen wollen. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die große Maffe des Volkes von den Juden im Osten eigentlich immer nur daun etwas erfahren, wenn Judcn-Unterdrückungen — Wie augenblicklich in Rumänien — zu berichten waren, oder wenn von antisemitischer Seite irgend welche sogenannten Ritualmorde zur Tagesfrage gemacht wurden. Der Streit, der bei solchen Gelegenheiten entbrennt, zeigt immer wieder, wie dunkel und unklar die Vorstellungen, sind, die man über die Verhältniße jenseits des Böhmerwaldes hat,^ insbesondere aber über die Stellung des Judeuthums in Ländern, wie Böhmen, Galizien, Ungarn. Manche glauben zwar, dass das Judeitthum zur Zeit sich dort eine Machtstellung errungen Habe, die in alle Verhältniße hineiureicht; solche Kenner der Verhältniße wird mau aber meist im antisemitischen Lager finden. . Philosemitismus wie Antisemitismus aber trüben immer dm Einblick in die Realität der Verhältniße, wie alle vorgefassten politischen Kampsmeinungen. Wären nicht durch Karl Emil Frauzos und einige österreichische Schriftsteller so mancherlei treffliche Schilderungen aus diesem Osten verbreitet, so würden wir wohl nur gewiffe allgemein-politische Vor¬ *) Leider ist dies nicht der Fall, vielmehr wird ein ansehnlicher ÄchcL des Friedhofs, trotz des Widerspruchs der jüdischen Gemeinde und der Chewra Kadischa, dem Vandalismus der Stadt-Erweiterung zum Opfer fallen. stellungen von abstrakt-politischem Beigeschmack haben, ohne die Möglichkeit durch anschauliche Bilder vom Thun und Treiben der Juden ein objektives Bild zu gewinnen. Kommen gar zu den politischen noch religiöse Vorurtheile, so ist vollends die Unkenntnis über dieses Volk fast so groß, wie mau im heutigen Deuschland die wechselseitige Unkenntnis der Classen von einander findet, denn das ist richtig: ein Staatsbürger im heutigen Deutschland weiß vom Leben des Landjunkers kaum mehr, als von einem polnischen Juden; der Adel, das Wohlhabendere Bürgerthum aber ist ohne alle Vorstellung, wie mau et va in» Arbeiterstande lebt, welcher Umsatz von geistigen Kräften da herrscht, welche Gemüthssprache man da spricht oder nicht spricht. Es sind eigentlich nur einige realistische Schriftsteller, die im humanen Interesse in alle Sphären tauchen und über die Scheidewände der Stände weg ein aufklärendes Wort sagen. Wie sehr gab es uns zu denken, als wir unter solchen allgemeinen Erfahrungen die Abertausende yon Grabsteinen des alten Prager Judenfriedhofs betrachteten, die nämlich ein Culturbild besonderer Art darstellen. Dicht aneinander gedrängt, wie die Stauden auf einem Maisfelde, sind die viereckigen Grabsteine in die Erde gepflanzt; an manchen Stellen, ist kaum ein Zoll Entfernung zwischen den Steinen mit ihren hebräischen Inschriften. Da liegt ein berühmter Rabbiner aus dem zwölften oder dreizehnten. Jahrhundert, um ihn herum seine Schüler. Aber alles ist zusammengedrängt' auf den kleinsten Raum, denn -mehr Boden zum Begräbnis der Ihrigen gab mau den Juden nicht her. So sind hier über zwölftausend historisch gewordene Grabsteine wie ein wogendes Haferfeld, denn die Steine spicken auch da den Boden, wo er hügelförmig gewölbt ist. Man mag sich nicht vorstellen, wie ans diesem kleinen Raume die rauhen Todtenkisten, in denen bekanntlich der Tobte nur in einem Linnen eingeschlagen ruht nach dem alten Ritus, auf einander, übereinander, quer durcheinander aufgestapelt worden sind in der Erde und was für ein Durcheinander von Gebeinen zum Vorschein kommen würde, wenn inan unter den Grabsteinen ausgegraben würde. Mau denkt an das alte Wort des Kohelet: «Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen wie er gewesen ist", des Ezechiel: „Ihre Gräber sind tief in der Grube, und sein Volk liegt allenthalben umher begraben,,. Auf den Grabsteinen aber sind noch überall die symbolischen Zeichen der Stände und Familien oben eiugemeißelt zu sehen. Eme Traube in den Stein geschnitten zeigt den Stand des Rabbiners an. Auf mehreren Steinen sieht man einen Karpfen dargestellt, das ist die Familie Karpeles, die uow bis zum heutigen Tage gerade von Prag aus manche angesehene Vertreter in^die Welt gesendet hat. An anderen. Steinen sind mit nothdürftiger Kunst zwei erhobene Hände: das ist der Stamm und die Familie Aaron. Andere wie Fisch, Löwe. Bär, ein Hirsch oder Hirschgeweih charakterisireu die entsprechenden auch sonst üblichen Namen jüdischer Familien; die Lewy sind dagegen durch einen Krug charakterisirt. Kenner der Bibel und altjüdischer Poesie werden die symbolisch bildliche-Beziehung dieser Zeichen sich leicht auslegen. Die Traube als Symbol der Rabbiner ist jedenfalls sehr sinnig. Wir sehen hier, dass übrigens, eine Reihe charakteristischer Judeunameu keineswegs auf mittelalterlicher oder neuzeitlich absolutistischer Oktroyiruug beruhe», sondern Erben aus uralien Zeite n sind, schon im Althebrälschen als Namen gebräuchlich und daun nur später in's Deutsche übersetzt. So

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