Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 35 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Die Wahrheit. Seite A. Das Hauptquartier des unter dem Befehl des Divisions- General Frossard stehenden zweiten Corps befand sich seit der e tzten Woche des Monats Juli in dem lothringischen Städtchen St. Arold und es war wohl begreiflich, dass ungeheure Erregung und Bewegung in dem sonst so stillen Städtchen herrschte; man war nur mehr gewöhnt, Himmel und Soldaten zu sehen. Jeder Geschäftsverkehr hatte aufgehört, nur die Bäcker, Metzger und namentlich die marollands äs via, denen die Vorräthe unter den Händen verschwanden, machten glänzende Geschäfte. Selbstverständlich waren auch die Cafes zu jeder Stunde überfüllt, wo die Soldateska sich über die Führer ereiferte, dass man sie hier unthätig liegen ließ, während man schon längst — nach ihrem Gutdünken — über der so nahen Grenze sein könnte, um den vermaledeiten „Prufsiens" 511 zeigen, was französische Soldaten sind; ja dass es gar nicht unmöglich sein dürfte, das Nationalfest am 15. August in Berlin zu feiern. Der Held unserer Erzählung, der Präses der jüdischen Gemeinde in St. Arold, ein prächtiger Sechziger mit schneeweißem Haar, berieth sich mit feinen Familiena..gehörigen, was unter den veränderten Verhältnißen zu thun sei. und es wurde beschlossen, sich mit den Führern der Armee in Verbindung zu setzen, um dem Truppenlheil ihre weiteren Bedürfniße zu . liefern. Am anderen Tage schon ließ sich C. Moise — dies der Name unseres Freundes — in Begleitung seines Sohnes, eines perfecten Franzosen, er selbst war nur schwach der französischen Sprache mächtig, bei dem General-Commando melden. Als demselben bekannt war, um was es sich handle, wurde den Beiden bedeutet, sich zu dem Chef der Intendantur zu begeben, der diese Verhandlungen zu führen und für die Bedürfniße der Truppen zu sorgen habe. Kaum hatte Moise hier sein Anliegen vorgebracht, als ihm folgende Antwort zu Theil wurde: . „Sie thun sehr wohl; Sie können für uns allerhand Sachen kaufen; wir brauchen Weizen, Hafer, Zucker, Kaffee und Schlachtvieh; kaufen Sie also von heute an ein, bringen Sie es mir für unser Corps — gute Waare — ich nehme sie an und bezahle auch." Hocherfreut eilte Moise in die Stadt und in die nächstgelegenen Ortschaften, kaufte zusammen, was sich bei den Besitzern vorfand und lieferte der Intendantur seine marchandise ab. Zu beiderseitiger Zufriedenheit wurde das Geschäft erledigt, und Moise verließ seinen Gönner mit dem Versprechen, sich auf die Suche zu begeben, um weitere Vorräthe zu beschaffen. „Sehr gut", antwortete der Commandant, „aber Sie müssen sich nunmehr in den Stand setzen, uns unsere Bedürfniße in Feindesland nachzuführen, denn von Morgen an werden wir weiter marschieren und auch wahrscheinlich die Grenze überschreiten." „Ausgezeichnet, mein Herr Hauptmann." Mit diesen Worten empfahl sich der Lieferant. II. „En avant!“ lautete die Parole der Franzosen; als aber am 6. August des Jahres 1870 die tapferen Preußen nicht allein siegreich dem Ansturm des Feindes widerstanden, sondern ihn auch nach hartnäckiger Gegenwehr aus seiner gesicherten Position von den „Spicherer Höhen" zurückdrängten, da verwandelte sich das so pomphaft ausgesprochene „En avant!“ in ein immer beschleunigtes „En arridrs!“ Schon nach wenig Tagen.war kein französischer Soldat mehr diesseits Metz zu sehen; am 10. und 11. August befand sich das große Hauptquartier mit dem siegreichen Kaiser Wilhelm an der Spitze in St. Arold, während die flinken Truppen dem fliehenden Feinde nacheilten, ihn auf's Neue bei St. Privat und Gravelotte erreichten, um ihn alsdann nach mehrtägigem mörderischem Ringen in die Festung Metz zu drängen und ihn dortselbs! einzuschließen. Unserem Freunde Moise war es nicht sehr geheuer; er war in der Gegend von Renvilly, hatte daselbst einen großen Transport von Lebensmitteln eingekauft, sie nach Bahnhof Remilly beordert, um dieselben, wie ihm bedeutet wurde, von hier aus per Balm dem weiter marschierenden Corps zuzu» führen. Schon am Abend des 6. August) hörte sr von der Niederlage, die die französischen Truppen bei Saarbrücken erlitten, und wenn auch auf französischer Seite diese verlorene Schlacht nur als kleine Schlappe und Bagatelle bezeichnet wurde, so war es ihm doch sofort klar, dass es jetzt nicht rathsam sei, den Transport vorwärts zu dirigiren. Er errichtete daher ein vorläufiges Depot in Remilly, ließ einen bewährten Mann dabei zurück und eilte nach Hause. Von seinen Unterhändlern erhielt er dann die angenehme Kunde, dass das meiste Getreide, das sie noch gekauft, bis auf weitere Ordre, bei den Besitzern lagere, ein anderer Theil in seinem Magazin in der Sradt uutergebracht sei, und nur zwei Wagen Hafer, Zdie an demselben Tage nach St. Arold unterwegs waren, seien von einem preußischen Regimentssührer angehalten und gegen Ausstellung eines „von“ angewiesen worden, dem Regimente zu folgen, was auch geschehen sei. _(Fortsetzung folgt.)_ War Warrnorosch-Ktiftung sürKaudetsakademiker. Am 5. Kislew (5. December 1902), als dem Sterbetage des Herrn Max Marmorosch, gelangen aus obiger Stiftung zwei Plätze n K. 350 an arme, israelitische Schüler der Wiener Handelsakademie zur Verleihung. Unter den Competenten genießen bei gleicher Würdigkeit solche Bewerber, welche mit dem Stifter Herrn Jakob Marmorosch, mit dessen Gattin Frau Rachel, geb. Löbl, oder mit deren Schwiegersöhnen, Herrn Herrmann Lemberger und Herrn Carl Piesling verwandt sind, in zweiter Linie solche, welche in Bukarest geboren oder dort ihre Erziehung ganz oder zum Theile genossen haben. Die mit einem Geburts-, Armuths- und den bisherigen Schulzeugnißen, sowie eventuell mit den im Sinne des vorhergehenden Absatzes ein Vorzugsrecht begründenden Nachweisen belegten Gesuche sind iin Einreichungsprotokolle der iirael. Cultusgemeinde Wien. I., Seitenstettengaffe 4, 1. Stock, woselbst auch Gesuchsblanquette unentgeltlich zu beheben sind, bis 30. September 1902 zu überreichen. Auszüge aus den Geburts-, Trauungs- und Sterbematriken der israel. Cultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich, sondern genügt die genaue Angabe der betreffenden Daten. Nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche werden nicht berücksichtigt. Wien, 1. September 1802. _ Der Vorstand der israel. Cultusgemeinde Ilea. S W Ktinger'fche ZSibmrmg für jüdische mittellose Wöchnerinnen — Am 10. November d. I. gelangen die Erträgniße der von Herrn Samuel Klinger zum Andenken an seine Gattin Frau Pauline Klinger errichteten Siftung an vier arme israelitische Wöchnerinnen im Betrage von je K. 94. zur Verleihung Die Bewerberinnen haben die mit ihrem Geburts- und Trauungsscheine und dem Armuthszeugniße versehenen Gesuche bis längstens 30. September 1902 im Einreichungsprotokoll der jsrael. Cultusgemeinde I,, 4, I. Stock während der Amtsstunden von 9—12 Uhr Vrrmittags woselbst auch Gesuchsblanquette unentgeltlich zn beheben find, zu überreichen. Auszüge aus den Geburts-Trauungs- und Sterbematriken der isr. Cultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich, sondern genügt die genaue Angabe der bezüglichen Daten. Auf, mit den oben geforderten Beilagen nicht versehene Gesuche wird keine Rücksicht genommen. Wien, 1. September 1902 Der Vorstand der israel. Cultusgemeinde Wien. Alora Arich geborene Landesmnn» Wochnerinnen- Widmnng. Aus der von zHerrn Alois Reich zum Andenken an seine am 25 Octorer 1899 verschiedene Gattin, Frau Flora, geb. Landesmann begründete Widmung gelangen am 25. October a. c. die Jahreszinsen per K. 84. an eine arme, israelitische Wöchnerin zur Verleihung. Gesuche um Verleihung dieser Widmungserträgniße sind) mit dem GeburtS-Trauungs- und Armuthszeugniße belegt bis 30. September 1902 im Einreichungsprotokolle der israel. Kultusgemeinde I, Seitenstettengaffe 4. I. Stock, woselbst auch Gesuchsblanquette unentgeltlich verabfolgt werden, zu überreichen. Auszüge aus den Geburts-.Trauungs und Sterbematriken der israel. Cultusgemeinde Wien sind als Gesuchsblanquette nicht erforderlich sondern genügt die genaue Angabe der bezüglichen Daten. Nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche werden nicht berücksichtigt. Wien, 1. September 1902 Der Vorstand der israel. Cultusgemeinde Wien.