Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 25 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Die Wahrheit. Seite 9. und Passantenverkehr vollkommen Rechnung getragen erscheint. Die sehenswürdigen Parkanlagen, die Marienbad wie nicht gleich ein zweiter Curort aufzuweisen hat, haben eine vollständige Umgestaltung erfahren, so dass der Eindruck, den man hier gewinnt, ein noch großartigerer ist. Der lebhafte Verkehr, der naturgemäß vom Bahnhofe in die Stadt herrscht, wird zum großen Theil durch die neu errichtete elektrische Straßenbahn vermittelt. Die modern ausgestatteten Motorwagen erregen die Bewunderung der Fahrgäste. — Unter den Curgästen befinden sich, wie alljährlich, zahlreiche Aristokraten und sonstige Fürstlichkeiten. Wie verlautet, soll der Schah von Persien, der bekanntlich gegenwärtig in Karlsbad weilt,seine längere Nachcur in Marienbad gebrauchen. Hroppau. Im hiesigen Tempel fand am 19. d. Trauung des Herrn Kiesler, k. u. k. Hauptmann im Jnf.-Regiment Nr. 1, mit dem Frl. Clara Baron aus Lemberg statt. Der Regimentsoberst v. Fischer war mit fast dem ganzen Officierscorps zur Trauung erschienen und auf der Frauengallerie hatte die vollständige Regimentsmusik Aufstellung ge»; nommen und spielte beim Einzug des Brautpaares Mendelssohn's „Hoch-? zeitsmarsch" und zum Schluffe den „Einzugsmarsch" aus dem „Proz pheten" von Meyerbeer. Herr Rabbiner Dr. Blüh nahm den Trauungsact! mit einer trefflichen Ansprache vor und Obercantor Singermann versah i mit feinem ausgezeichnet geschulten Damen- und Herrenchor die cantoralen! Functionen. Ein von diesem mit' seinem sympathischen Bariton borge- > tragenes deutsches Begrüßungslied an das Brautpaar hatte besonderen Beifall gefunden und wurde hiefür dem Herrn Obercantor allseitige j Anerkennung ausgesprochen. ' ZSeutheu. Am 16. Juli findet hier die Trauung des Herrn Ober-! cantor Simon Singer aus Kattowitz, Sohn des Obercantor Josef Singer! in Wien, mit Fräulein Else Gräupner statt.; Uudapest. Der Nachricht gegenüber, als hätte die Pester israelitische Cultusgemeinde zwei Abgesandte der auswandernden rumänischen .Juden abgewiesen, theilt „Egyenlösög" mit. die Pester israelitische 'Cultusgemeinde sei gar nicht in der Lage gewesen, dies zu thun, da sie! erst in ihrer am 24. d. abzuhaltenden Sitzung in der Auswanderungs- ■ frage wird Stellung nehmen können. Uebrigens handle es sich hier nicht! um die Pester israelitische Cultusgemeinde, sondern um ein Comitv, das! sich unter dem Vorsitz des Gemeindepräsidenten zur Unterstützung der > auswandernden rumänischen Juden gebildet hatte. Dieses Comitä überj nahm vom ehemaligen russischen Hilfscomito 8000 Kronen und verwendete j den Betrag zur Unterstützung der rumänischen Auswanderer. Dann übernahm das Comite einen vom Abgeordnete» Paul Sändor gesammelten! Betrag in der Höhe von 55.000 Kronen zum selben Zwecke. Es entj spreche demnach auch jene Nachricht nicht der Wahrheit, dass Paul! Sändor die in Rede stehende Summe der israelitischen Landeskanzlei einj geliefert hätte. Diese Gelder werden ausschließlich von der Cnltusj gemeinde verwaltet. j ZSöstng. Dienstag, den 17. Juni fand die Trauung des Fräulein! Gisa Treuhaft, Tochter des hiesigen langjährigen und beliebten Cantors I Moriz Treuhaft, mit Herrn Moriz Hiller, Cantor-Candidat. statt. Es > fanden sich der Gesammtvorstand, zahlreiche Gemeinde-Mitglieder und! mehrere Cantoren aus der Umgebung ein. Den Trauungsact vollzog j der hiesige Rabbiner Rosenberg. Obercantor Rosenblatt aus Preßburg; fungirte mit seinem gut geschulte» Chor und besorgte den gesanglichen , Theil in ausgezeichneter Weise. Den zweiten Theil der Broches recitrrre der als Gast anwesende Obercantor Wittmann aus Wien. Beim Mahl! fanden sich der Vorstand und viele Gemeinde-Mitglieder ein, um selbst i Augenzeugen an der Freude ihres beliebten Functionärs zu sein. Der - Rabbiner würzte das Mahl mit einer Ansprache, während Herr Oberj cantor Rosenblatt durch Vortrag mehrerer Piecen sämmtliche Zuhörer; entzückte. Das Tischgebet trug Herr Obercantor Wittman in äußerst ge-'? lungener Weife vor. j Alsö-Kuöin. Der achtbare Bürger Jonas Salzberger in Knyazsa j beging am 16. d. M. seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlasse ver- > sammelten sich Gönner und Freunde aus Alsö-Kubin und Umgebung zu; einem Festessen, bei welchem der Jubilar in mehreren Reden beglück-! wünscht wurde. Die Rabbiner Dr. Maybaum aus Berlin, Dr. Salzj burger aus Erfurt, die ihre rabbinische Laufbahn in Als6-Kubin begonnen haben, sowie Proffeffor Dr. Wilhelm Bacher, Budapest, richteten an den Jubilar sehr warm gehaltene Begrüßungsschreiben. Der wackere Greis wurde auch sonst in zahlreichen Briefen und Telegrammen gefeiert. Der katholische Pfarrer des Ortes ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, dem j Jubilar seine Wünsche persönlich zu übermitteln. Königsverg. Der hiesige II. Cantor, Herr Leopold Wolf, welcher, wie jüngst in diesem Blatte berichtet war, als I. Cantor in Leipzig gewählt wurde, hat sich bestimmt gefunden, die aus ihn gefallene ehrende .Wahl dankend abzulehnen._ Das Laddischgebet. Von Bernhard ZLoeweuthal. (26. Fortsetzung.) Der Hausball, anlässlich des 50jährigeu Bestehens des ^Bankhauses S. Gutkind sen., nahm einen glänzenden Verlauf. Manche Größe der Residenz war erschienen, manche Uniform blitzte und mancher Orden wurde heute auf seine Wirkung geprüft. Eine italienische Capelle ließ ab und zu ihre einschmeichelnden Weisen ertönen, es wurde getanzt, gescherzt und gelacht. Die Damen zeigten übermüthig, mit freudeglänzenden Auge» ihre prachtvollen Toiletten und ließen die entblößten runden Schultern stumm bewundern. War das ein Gesurr' und Gesumme. — Plötzlich drängte Alles in den kleinen Saal. „Die Munk wird singen!" hieß es. Nach einer geraumen Weile erst hatte sich Alles placirt. Jetzt ein Getuschel — Kleiderranschen — Räuspern. Der Vorhang hebt sich, ein leises „Ah!" Leon Wild führte die Künstlerin, sie verbeugt sich leicht, er setzt sich ans Clavier. Leise intoniert er eine Allen unbekannte Melodie. Else singt. Perlengleich entströmen die Töne, liebeathmeude weiche Töne, ihren Lippen und schleichen sich schmeichelnd in das Ohr der Lauschenden. Es ist eine Romanze, von einem jugendschönen Kind mit einem gebrochenen Herzen. Die Töne werden wilder — die Herzen der Zuhörer schlagen fast ängstlich — dann — mit einem fast an den letzten Aufschrei einer ersterbenden, gequälten Seele erinnernden Ton schließt das Lied — die Musik verhallt. Tiefe Stille. Wieder ein Räuspern, dann ein Geräusch und nun ei» langanhaltender, brausender Beifall. Else verbeugt sich, lächelt, reicht Leon die Hand — auch er tritt an die Rampe. Ach so, — seine Composition hatte sie vorgetragen. Ein neuer Beifallssturm durchbraust den Saal, dann fällt der Vorhang. Hinter der ersten Coulisse erfasst Leon die Hände der Künstlerin. „Ich danke Ihnen, Else, ich danke Ihnen!" „Herr Wild!" „Ich weiß Alles, was Sie mir sagen wollen, Else — aber es ist zu spät — wir hätten uns answeichen sollen, so aber — Sie wissen es genau — seit jenem Abend schon wissen Sie, dass ich Sie liebe, dass ich Sie anbete, und auch ich bin Ihnen nicht gleichgiltig — ich weiß es — in Ihren Blicken lese ich, es und jetzt — mag kommen, was will — Sie müssen mein werden!" Else schien zu träumen — er zog sie an den Händen zu sich herüber und zwei heiße Lippen brannten auf den ihre». „Willst Du mein werden, Else, willst Du?" Sie hob den Kops — sie hatte ihre Ueberlegung wiedergewounen. „Herr Wild!" kam es bebend von ihren Lippen, „das war nicht Recht von Ihnen", ihre Augen füllten sich mit Thräne», „ich habe Ihnen mein Herz gezeigt — ich würde einen solche» Sturm zum zweiten Mal nicht ertragen — ich liebe Sie — aber eben deshalb darf ich Sie nicht anhören — denken sie an Ihre Verwandten — ich bin arm — ich habe nichts als meinen ehrlichen Namen — der aber soll steckenlos bleiben — und dann unsere verschiedenen Religionsbekenntniße, — meine Mutter ist streng — lassen Sie mich — es darf nicht sein!" „Du mußt mein werden!" „Ich darf nicht!" „Und wenn ich meinen Glauben" — er kam nicht weiter, David Regun stand hinter ihm, die Hand leise auf Leons Schulter legend, sagte er mit ruhiger Stimme. „Leon, Du wirst von Deiner Frau Tante verlangt, geh doch hinüber," dann zu Else gewandt, „gestatten Sie, ^meine Gnädige, dass ich Sie führe." Leon war zur Besinnung gekommen, und mit einer betroffen klingenden „Entschuldigung!" verließ er die Bühnen während David mit einer leichten Berbeugung der Sängerin ve» Arm reichte. „Sie haben eine phänomenale Stimme, gllädiges Fräulein!" begann der Doctor im leichten Couverfntionston das Gespräch, „wie Leon mir erzählte, singen Sie auch in seiner Oper die Bera". (Fortsetzung folgt.) .