Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 24 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 2. Oie IDaferbeit. Seite 9. eines und die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre sprechen offenbar gegen den vom Obercantor Heller entworfenen Organisationsplan. Derselbe bernhe aber auch in seinem innersten Wesen aus einem Jrrthum, der darin besteht, dass Obercantor Heller annimmt, der große Verband beabsichtige mir die sociale moralische und ethische Forderung der Berussgenossenichast zu pflegen und die materielle Unterstützung vollkommen außer Acht zu lassen. Das sei nicht richtig. Wohl hat der letzte Eautorentag die sociale Hebung in erste Reihe gestellt, aber ausdrücklich die Anstrebnng besserer materieller Verhältnisse, unter Heranziehung der Gemeinden zur Beitragsleistung, als Ausgabe des Verbandes erklärt. Die gegenwärtige Tendenz der socialen Gesetzgebung stellt wohl für derartiges Streben sicheren Erfolg in Aussicht, aber da bis zur Erreichung dieses Zieles immer noch geraume Zeit verstreichen wird, rvurden in den Statuten des Verbandes Bestimmungen bezüglich der dringendsten Fälle der Unterstützungen, im Juvalididäts- und Ablebeugsfalle, ausgenommen. Wenn nun, abgesehen von der socialen Interessenvertretung, die doch unbestrittener Weise ein großer Verein wirksamer wahren kann, der letztere auch ans die uöthigste materielle Unterstützung Bedacht nimmt und außerdem für die alten Mitglieder der bisherrgeu Vereine durch Festlegung des Vereinsvermögens zu ihrer alleinigen Nutznießung reioudere materielle Vortheile in Aussicht stehen, dann müsse jedes Bej denken, die bestehenden Vereine in dem zu gründenden großen Verband ansgehen zu lassen, schwinden. Arrch der collegiale Verkehr, der sich in kleineren Kreisen immer reger gestaltet, wird durch einen großen Verein keineswegs beeinträchtigt werden; beim je weiter die Ausdehnung des Verbandes, desto dringender wird die Nothwendigkeit erscheinen, die Organisation in kleinere oder größere Bezirke zu theilen und in gewissem Sinne auch Zweigvereine in den einzelnen Krön ländern ztl etabliren. Niehl aber als selbstständige,-nach außen abgeschlossene Vereine, sondern als organische Glieder und natürliche Theile der großen Organisation. Ans diese Weise wird collegiates Streben und Wirken auch in kleineren Eemren ermöglicht und gefördert, ohne dass jedoch, wie es bei der vom Obercantor Heller vorschlageneu Organisation unbedingt der Fall wäre, der Begriff der Zusammengehörigkeit und Einigkeit der gesamimen Beiussgenossenschast gestört würde. Der Wirkungskreis der Leitung einer derartigen Zweigorganisaliou, die nicht von der Gesammtheit der Verbandsmitglieder, sondern nur von den Mitgliedern des Bezirkes oder Kronlandes gewählt würde, wäre immerhin noch ein bedeutungsvoller, und speciell in Mähren müsste ihm auch die Verwaltung des bis heute erworbenen Vermögens des Vereines zu Gunsten der bisherigen Mitglieder übertragen werden. Nach Hinweis aus die weiteren Vortheile einer einheitlichen Organisation und Vorbiingung gewichtiger Bedenken gegen die Theilnug des Mitgliedsbeilrages in einen Beitrag für den Zweigverein und eine Beitragsleistung für die Administration des Centralverbandes gelangte der Vereiusecretär zu dem Schlüsse, dass er das Ausgehen der bestehenden Vereine in dem großen Verbailde — von Auflösung der Vereine könne man ja nicht sprechen — für unbedingt nothwendig halte, und er findet auch keilten einzigen plausiblen Grund dafür, dass man, nachdem das „getrennt marschireu" bisher zu keinem Erfolg geführt hat, das Werk der Einigung, das heute schon höchst actuell ist, erst in einigen Jahren unternehmen soll. Die mährischen Deputirteir erklärten, nach den vom Vereiussecretär gegebenen Aufschlüssen sich eher einer Verschmelzung zuzuueige», doch müsse die eudgilrige Beschlussfassung in dieser Angelegenheit unbedingt einer Generalversammlung des mähr. Cautoreu-Vereines Vorbehalten bleiben. Für ihre eigene Person stehen sie dem Gedanken einer einheitlichen großen Organisation sympathisch gegenüber und werden zur Verwirklichung desselben ihr Möglichstes beitragen. In seinem Schlussworte coustatirte der Vorsitzende Obercantor Singer eine erfreuliche Uebereiustimmung in den -wesentlichen Punkten und dankte nochmals den erschienenen Kollegen für die großen Dienste, die sie durch die heutigen Berathungen der gemeinsamen Sache geleistet habe». Verschiedene Nachrichten. Wie». Sonntag den 15. d M. ist Herr Salomon G. Maranz, Schwiegervater des ersten Secretärs der Wiener Cultusgemeinde, kais. Rath Dr. Lieben, unter zahlreicher Betheilignng zu Grabe getragen worden. Unter den Tranergästen bemerkte man den l. Vicepräsidenten Dr. Stern mir den Culrusvorstehern Bailrath Stiaßuy und Bezirksschulrath Dr. Spitzer, eine Deputation der Beamtenschaft unter Führung des Secretärs Dr. Adler. Herrn Dr. Schnabel von der Bne-Brith-Loge, die Rabbiner Dr. Bach. Dr. Gelbhaus und Dr. Taglicht u. 0. A. Im Hause sungirte I. Eantor Don Fuchs, a»l Centralfriedhose Obercantor Singer unter Assistenz des l. Canrors Blatt und des Chores. Anlässlich des schmerzlichen Trauerfalles wendete sich Heren kais. Rath Dr. Lieben und dessen Gattin allgemeine Tbeilnahme zu. Wien. Am 18. Mai fand die l. ordentliche Generalversammlung des Vereines Thorath Cheßed, zur Unterstützung armer Talinndlchüler, statt. Obmann Herr Salomon Schreiber (ll, Ob. Donaustraße 77, wo auch der Sitz des Vereines in» verlas den Jahresbericht, coustatirte dass der Verein circa 20 Talmadjü iger. deren Eltern in Wien wohnen, regelmäßig nnlerstützt. und forderte zur Förderung des Vereines ans. Besonders hervorznheben sind die Verdienste des Herrn Professor S. .Hofmann, der de»l Vereine viele Gönner gewann und einen Sammelcurs für englische Sprache abhalr. dessen Honorare dem Vereine zusallen. Rach Genehmigung des I »hresberichtes wurden die Wahlen zur Ergänzung des Vorstandes voracno innen, wobei Herr Klein als O b mann - Stellvertreter und Herr I. Schiss als Coiurollor gewählt erschienen. Wien, lJüdischer Schulverein für den IX. Bezirk) Die durch den jüdischen Schuloerein für den IX. Bezirk ins Leben gerufene Schule veranstaltete am lö. d. M. die erste öffentliche Prüfung. Außer den zahlreich crichienenen Eltern der Schüler waren aucb viele Freunde und Gönner Vieler jungen Anstalt anwesend. Von fremden Corporativiien und Vereinen waren vertreten: Der Lnltnsvorstand durch die Herren Hermann Eltbogen und Dr. Markus Spitzer; der jüdische Volksverein lür den ll. Bezirk durch den Vicepräsidenten, Herrn Hermann Plalcbkes lind Vorstandsmitglied Herrn Markus Herrnfeld; der jüdische Volksverein für den IX. Bezirk durch den Vicepräsidenten Herrn Joses Steiner und Vorstandsmitglied Herrn Sigmund Singer. Es erschienen außer dein Vertreter des Vereines „Adiiss Jisroel- (Schisflchule). die Herren Rabbiner Tr. Josef Gelbhaus, Rabbiner Wilhelm Soor, Religionslehrer Vogl n. in. a Rach den gehaltvollen B.grüßungsworten des Vereins- Präsidenten Herrn Dr. Sigmund Kornfeld und einer mit großem Beilall ausgenommenen Rede des Herrn Rabbiner Dr. H. B. Chajes wurde die Prüfung vorgenommen. Je weiter die Prüfung vorgeschritten war. desto osfenknudiger und lauter wurden die Beifallskundgebungen für die erzielten Erfolge, welche um so höher anznichlagen sind, als die Schule blos auf kurze Thärigkeit von 5 Monaten zurü lblicken kann und auch während dieser Zeit mit vielen Schwierigkeiten zu kämplen hatte. Linz. (Amtsjnbilänm.) Bei der alljährlich statrnndenden Reuwahl der hiesigen Ohewra-Kadischa-Reprälentanz ging jüngst Herr Mar Bruder zum süniundzwanzigst^nmale als Vereinsobmann hervor, und selten hat ein Mann die wiederholte Auszeichnung seiner Gemeindegenossen lo sehr verdient, wie dieser. Mar Bruder, ein umsichtiger und vielbeschäftigter Kaufmann, huldigt ehrlich und treu der altji'rdrlchen Värerülte und ist immer an Ort und Stelle, wo die heilige Pflicht es hei'cht. 'Als ausgezeichneter Kenner des heiligen BrnderschastsWesens kommandirt er nicht nur gut und richtig, sondern legt auch leibst hilfreiche Hand an. wo es bei der rationellen Pflege Schwerkranker, oder bei der würdigen Bestattung eines entseelten Menschenleibes an werkthätigen Händen gebricht. An der Bahre eines Glaubensgenossen hört bei ihm jeglicher Rang und Vermögensunterschied ans; mit gleicher Pietät und gleichem Pflichteifer walret er da seines Amtes. In Anbetracht dieses Umstandes, wohl auch zur Bekundung der Volksthümlichkeit und Belebtheit, deren sich unser Jubelfreund in allen Schichten der Linzer Judenlchast erseut, hat der Cultnsansschuss beschlossen, Herrn Max Bruder, der auch feit Decennien Sitz und Stimme im Cnltnsrath hat und das Referat in der Bau- und Wirthschaftssectivn mit großem Sachverständnis versieht, eine Dank- und Glückwunsch-Adresse zu seinem fünsundzwanzigjährigen Vorstands-Jubiläum zu überreichen. Diele Adresse, ein kleines Cabinetstück der Kalligraphie und ornamentalen Zeichnung, wurde dem Jubilar durch ein Dreiercomitö unter Führung des Cnltnsvorstehers Herrn Jgn. Hahn mit einer sinnigen Ansprache in der Rüstwoche des Offenbarungsfestes übergeben. Auch die Leitung der Chewra-Kadischa hat sich mit einem werthvollen Silberpokal bei ihrem jubilirenden Oberhaupte würdig eingestellt. Zur vollständigen Krönung dieser Jnbelfeierlichkeit hat Herr Rabbiner Friedmann in einem Epilog zur Haskara das verdienstliche Wirken Max Bruders in schwungvoller Rede gewürdigt und Obercantor Schwarz zu dem gleichen Zwecke einen Mischeberach verfasst, den er stimmungsvoll vertont, schon am ersten Schewuohtag. als Herr Bruder zur Thora gerufen wurde, wirksam vortrug. Möge es dem allverehrten Jubilar, der auch die Cnltusbeamten niemals zu Schaden kommen lässt, beschieden sein, noch lange, lange in rüstiger Schaffenskraft hienieden zu walten als würdiges Haupt der würdigen Linzer Chewra-Kadischa! Sch ... z. Austerlitz Nach einem mit großem Beifall aufgenommenen Probevortrage ist Herr Moritz Lamberg aus Wien als I. Contor der h iefigen Cultusgemeinde einstimmig gewählt worden und wird derselbe am 1. September sein Amt antreten.