Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 23 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 23. vusgestattet mit übernatürlicher Macht, durch den der göttliche Wille gesprochen hat. Doch gerade diese Erhöhung, indem sie ihn über allen Vergleich stellt, verhindert, dass die wirkliche Größe dieses Mannes anerkannt wird. Ausder Mitte seiner Brüder ragt Saul 'um so größer hervor. Andrerseits behauptet die neueste Schule der Bibelsorschung, dass die Moses zugeschriebenen Bücher und Satzungen in Wirklichkeit Produkte eines Zeitalters seien, das weit hinter dem Propheten liegt. Dennoch ist es dieser Moses, unbestimmt aus grauer Vergangenheit ausrngend, und von dem sie uns säst nichts zu sagen wissen, welchem sie die Keime jener Cultur zuschreiben, die nach Jahrhunderten zu der Humanität des jüdischen Gesetzes und zu der erhabenen Auffassung eines einigen und ewig n Gottes, des allmächtigen Vaters, hinführt. Aber, ob wir nun Moses von dieser oder jener Seite! anzusehen gewohnt sind, mag es uns doch der Mühe lohnen, i den Gesichtspunkt auszusuchen, von welchem ans alle Abstufungen j des Glaubens oder Unglaubens gemeinsamen Boden finden j können, indem wir die hauptsächlichsten Grundzüge hebräischer j Duellen und Traditionen anerkennen und sie irr dem Licht der - Geschichte betrachten, wie wir sie kennen, und der menschlichen Natur, wie sie sich noch heute zeigt. Hier ist ein Fall, in > welchem die heilige Geschichte wie die profane behandelt werden ' kann, ohne das religiöse Gefühl zu verletzen. Ebensowenig kann die schärfste Kritik Moses in eine Mythe auflösen. Die j Thatsache des Exodus setzt einen solchen Führer voraus. Wahrlich, es erfordert einen riesenhaften Charakter, einen j Manu, welcher im höchsten Grade die Eigenschaften des Politikers, ’ Patrioten, Philosophen und Staatsmannes in sich vereinigt, um! ein lange durch Tyrannei unterdrücktes Volk zur Freiheit zu; führen, um eine zahlreiche Schaar zu diszipliniren und zu or- : ganisiren, sie zu Kümvfen zu stärken, vor denen kriegerische j Stämme erzitterten und ummauerte Städte sielen; Unzufrieden-! heit, Eifersucht und Aufruhr zurückzudrängen, Reaktion unb j Abfall zu bekämpfen, die rasche, ungestüme Flamme der Begeisterung dauerhaften Ziele,i dienstbar zu machen Solch' einen Charakter zeigt uns die Tradition in groben, aber deutlichen Umrissen — die Vereinigung der Weisheit der Egypter mit der uneigennützigen Hingebung der demüthigsten Menschen. Von Anfang bis zu Ende, in jedem Einblick, den wir gewinnen, ist dieser Charakter übereinstimmend mit sich selbst und mit dem mächtigen Werk, welches sein Denkmal ist. Es ist der Charakter eines erhabenen Geistes, von Verhältnißen und Begrenzungen eingeengt, gezwungen, mit solchen Kräften rmd Mitteln zu arbeiten, die gerade zur Hand waren, sein Werk zu Ende führend, wenn auch strauchelnd — hinter der großen That der größere Gedanke, jenseits des hohen Erreichten -das noch höhere Ideal. Egypten war die Gußform des hebräischen Volkes, so zu sagen, die Matrize, in der eine einzelne Familie, höchstens ein kleiner Stamm sich auswuchs zu einem Volke, so zahlreich wie das amerikanische Volk zur Zeit der Unabhängigkeitserklärnng. Vier Lahrhuuderte hindurch — wenn wir uns an die Daten der hl. Schrift halten — also länger als Amerika den Euro- Zr; Päern bekannt ist — stand dieses wachsende Volk, die Nach- Ä kommen einer patriarchalischen Hirtensamilie, unter der Herrschaft einer hochemwickelten, uralten Cultur, deren Stetigkeit ihren ,jr Ausdruck gesunden hat in Monumenten, die an Dauer mit den ewigen Bergen wetteifern — einer Cultur, so alt, dass die " Pyramiden, wie wir heute wissen, Jahrhunderte alt waren, bevor Abrahams Auge auf ihnen ruhte. Die Nachkommen der ersten Einwanderer, die ans Ein- UlL laduug des zum ersten Minister gewordenen jungen Sclaven nach «Egypten kamen, mögen noch so sehr sich das Bewusstsein ihrer Mt^seuverschiedeuheit und die Traditionen eines freieren Lebens -bewahrt haben, müssen sie doch durch eine solche Cultur beeinflusst Ivordep sein, und gerade wie die Hebräer von heute Polen in Polen, Deutsche in Deutschland und Amerikaner in den vereinigten Staaten sind, ebenso, nur noch ausgeprägter und stärker, müssen ie Hebräer des Exodus vonrehmlich Egypter gewesen sein. Es ist daher nicht mercwuroig, dass die alten hebräischen Einrichtungen in so vielen Punkten den Einfluss der egyptischen Ideell und Gebräuche zeigen. Merkwürdig /ist eher die Verschiedenheit. Bei oberflächlicher Beuriheilung mag es natürlich erfcheiueu, dass ein Volk, .das dem Laude seiner Knechtschaft den Rücken kehrt/ dessen Ideen und Einrichtungen von sich werfen möchte. Aber der Geschichtsforscher^ der Pölitiker weiß, dass rrichts unnatürlicher wäre. Gewohnheiten dds Denkens sind, sogar noch tyrannischer als ' Gewohnheiten des^ täglichett7 Lebens. Sie bilden für die meisten eine geistige Atmosphäre, über .die sie sich so wenig als über die physische zu erheben vermögen Ein seit tanger Zeit an Despotismus gewöhntes Volk mag gegen einen Tyrannen rebelliren, seine Bildsäulen brechen, seine Gesetze widerrufen, mit Hass verfolgen, was er liebte, und ehren, was er hasste; aber es wird nicht zögern, einen anderen Tyrannen an feine Stelle zu setzen. Ein abergläubisches Volk mag einen anderen,, reineren Glauben annehmen; aber es wird ihn immer durch seine alten Ideen entwürdigen. Ein an Verfolgung gewöhntes Volk mag ihr entfliehen, aber nur um seinerseits zu verfolgen, sobald es zu Macht gelangt. Denn „Veihältniße machen Menschen". Und wenn wir bei einem Volke, welches Einrichtungen einer gewissen Art besaß, plötzlich solche ganz entgegengesetzter Art erstehen sehen, wissen wir, dass hinter ihnen jene lebendige ursprüngliche Kraft stehen muß — die Männer, welche im Anfänge der Dinge die Verhält niße machen. Dies ist es, tvas uns im Exodus begegnet. Die auffallenden Unterschiede zwischen dem egyptischen und hebräischen Staatsweseu sind nicht formelle, sondern wesentliche. Die Tendenz des Einen ist Unterordnung und Bedrückung, die des anderen persönliche Freiheit. Merkwürdigste aller geschichtlichen Neugestaltungen! Aus dem stärksten und glänzendsten Despotismus des Alterthums entsteht die freieste Republik. Zwischen den Klauen der aus Fels gehauenen Sphinx erhebt sich der Genius der menschlichen Freiheit, und die Trompeten des Exodus ertönen bei der trotzigen Verkündigung der Menschenrechte. Man bedenke, was Egypten war. Gerade die Großartigkeit seiner Monumente, die nach dem Verlauf nicht von Jahr-! Hunderten, sondern von Jahrtausenden zu uns, wie einst die! egyptischen Priester zu den prahlerischen Griechen, zu sagen! scheinen: „Ihr seid Kinder!" gerade diese legen Zeugnis ab j von der Unterdrückung des Volkes; sie sind die dauernden! Zeugen einer Gesellschaftsordnung, welche auf den Massen wie! ein erdrückendes Gewicht lastete. Dieses enge Nilthal, die Wiege! der Künste und Wissenschaften, der Schauplatz der vielleicht - größten Triumphe des menschlichen Geistes, ist auch der Schau-! platz seiner entwürdigendsten Sclaverei. Sicher im Besitz nn-! widerstehlicher zeitlicher Macht und noch sicherer in der furchtbaren Sanction einer mystischen Religion, war.der Pharo wie! ein Gott auf Erden, für dessen Leichnam ein würdiges Grab zu i errichten, Huuderttauseude sich zu Tode arbeiteten. Den Classeu, j die ihm zunächst standen, wurden all' die sinitlicheu Fretlden einer I glänzenden Civilisation und die hohen geistigen Genüsse zutheil, j welche die Mysterien des Tempels vor der Profanation durch - den Pöbel verbargen. Aber für die Millionen, die die Basis der sozialen Pyramide bildeten, gab es nur die Geißel, um ihre Arbeit aüzuseuern und die Anbetung der Thiere, um die Sehnsucht ihrer Seele zu stillen. Seit undenklicher Zeit bis auf den heutigen Tag lvar das Schicksal der egyptischen Bauern die Arbeit und der Hunger, damit die über ihm Sehenden herrlich und i n Freuden leben könnten. Er hat nie rebellirt. In ihm war schon lange der Muth dazu unterdrückt durch Gesetze, welche ihn zu de m gemacht haben, was er ist. Er weiß nur zu leiden und zu sterben.! Welche begünstigenden Umstände man sich auch vorstellen mag — die Organisation und Durchführung der Befreiung eines große«! Volkes von einer solchen körperlichen und seelische» ] Tyrannei — gegen eine Armee von xft Million geschulter Krieger — erfordert eine gewaltige und geniale Führerschaft