Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 23 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ahfyeit i Redaktion und Administratic i: |s»ien,..n/,. Rovaragasse ’-T. j K. köstrrr. Po.w'rcu'sa Check-Conro Nr. 846.251. Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zelle j Abonnementsunb- JnserationS- I beträte sind in Wien zahlbar j und klagbar. -j eiischrist für jüöifche nüveffm. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Vrrnssprris: { } Ganzjährig . . . ft 12.—! j Halbjährig . ... ft. 8 — j : — i Für Cultusbeamte: . Ganzjährig.... ft. 10.—! : i- Für Ausland.: | I Ganzjährig . . .8 Mark, t 8 Rubel oder 16 FcS!_ _t Nr. Wien, 13. Juni 1902. Anhalt r Moses und die jüdische Gesetzgebung. — Aus der Wiener Cultusgeineinde. — Die Juden und der Talmud. — Die Entwicklung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. — Verschiedene Nachrichten. Die geehrten Herren Abonnentenwelche Sommerfrischen oder Curxtatze aufsuchenwerden behufs regelmäßiger Zusendung des Blattes um rechtzeitige Bekanntgabe der näheren Adresse ersucht. Gleichzeitig bitten wirin allen öffentlichen Loralenin denen Glaubensgenossen verkehren» »Die Wahrheit" zu verlangen. Die Administration. Moses und die Wische Gesetzgebung. Das „Fest der Gesetzgebung", das wir eben gefeiert haben, ist vorzüglich geeignet, mit berechtigtem Stolze unseren Blick der bedeuteildsten Erscheinung, die das jüdische Volk hervorgebracht hat, dem göttlichen Manne und Gesetzgeber Moses, zuzuwenden und mit Bewunderung aus sein Werk zu schauen, dem nicht nur das Judenthum seinen ewigen Bestand, sondern auch die ganze civilisirte Welt Religion und Sitte verdankt. Die geschichtliche Existenz Moses ist von der modernen Forschung wohl vielfach bestritten worden und ebenso wird von feindlicher Seite der Versuch gemacht, ben großen Antheil, den das Judenthum durch sein Gesetz an der Eivilisation der Menschheit genommen, hinwegzuleugnen, daher berührt es uns doppelt angenehm, einem ans ernster Forschung beruhenden, vorurtheilsfreien Urtheil über Möses zu begegnen, mit dem wir im Nachfolgenden unsere Leser vertraut machen wollen.*) Die moderne Denkweise birgt -.die Neigung, die hervorragende» Charaktere der Geschichte mehr als Resultat, denn als Ursache der jeweiligen Zeitströmungen anzusehen. So wie in früheren Zeiten die großen geschichtlichen Ereigniße auf Personen zurückgesührt wurden, so thun wir heute das.Umgekehrte und versuchen die sagenhaften Heroen der grauen Vorzeit in mythologische Vorgänge auszulösen. Dennoch — wenn wir versuchen, die Anfänge zu finden, von Bewegungen, deren ewige : *) »MoseS« von Henry George. S. »Soziale Streitfragen^ Beifüge zu den Kämpfen der Gegenwart, herarrsst von Adolf Damaschke, "erlast von I. Harrwitz Rfg., Berlin. l Ursache bis auf die heutigen Zeiten wirkt — stoßen wir zuletzt auf das Individuum. Es ist richtig, dass Verhältniße Menschen machen, aber es ist ebenso wahr, dass in den Anfängen die -Menschen die Verhältniße machen. In einer bekannten Stelle hat Macaulay den Eindruck beschrieben, den auf seine Einbildungskraft das Alter jener Kirche gemacht hat. die, Dynastie» und Weltreiche überlebend, den Geist zurückträgt zu einer Zeit, in welcher der Opferrauch vom Pantheon aufstieg und Leopard and Tiger im römische» Amphittheater sich zerfleischten. Und doch bestehen unter uns noch Gebräuche, in ununterbrochener Folge vom Vater auf den Sohn überliefert, welche auf eine noch entferntere Vergangenheit j zurückweisen. Jedes Jahr bringt einen Tag, an welchem in j jedem Lande Männer ihre Familien um sich versammeln, und,! angethan wie zur Reise, ein schnell bereitetes festliches Mahl j essen. Bevor die Mauern Roms gebaut waren, vevor Homer j sang, wurde dieses Fest gefeiert, und das Ereignis, auf welches! es hinweist, warschon damals Jahrhunderte alt. Dieses Ereignis bezeichnet den Eintritt eines in vieler- Beziehung merkwürdigen Volkes auf den Schauplatz der Geschichte, eines Volkes, das nie ein großes Reich gegründet, das j nie eine große Weltstadt gebaut hat, und doch auf einen großen i Theil der Menschheit einen mächtigen und beständigen Einfluss ausübte; eines Volkes, das 2000 Jahre ohne Land und ohne organisirte Nationalität, dennoch seine Eigenart und seine» Glauben durch allen Wechsel der Zeit und des Geschickes bewahrt hat. Dieses Volk wurde vernichtet, zermalmt, zerstreut, gleichsam zu Staub zermahle» und den vier Winden des! Himmels preisgegeben, aber, obgleich Throne gefallen und j Reiche vernichtet sind, Religionen untergegangen und lebende j Sprachen zu todten geworden sind, es besteht dennoch mit j scheinbar ungeschwächter Lebenskraft; ein Volk, das die merkwürdigsten Widersprüche vereinigt, dessen Annaten bald in Ruhm erstrahlen und bald die Tiefen der Schande und des Wehes künden. Das Auftreten eines solchen Volkes bezeichnet eine Epoche in der Weltgeschichte. Aber nicht so sehr hierüber beabsichtige ich zu sprechen, als vielmehr über die mächtige Gestalt, welche den Mittelpunkt der Traditionen jenes Volkes bildet. Drei große Religionen stellen den Führer des Exodus, auf die höchste Stufe, die sie Sterblichen einräumen; dem Christenthum, dem Islam, ebenso wie dem Judenthum ist Moses der Dolmetscher und Gesetzgeber des Allerhöchsten : der Mittler.