Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 21 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. L Die wahrheil. Seite 9. haben Sie die Familie Eisenberg darum brotlos gemacht, weil Sie Ihre eigene Haut schützen wollten?" Soweit der Bericht aus Homonua. Wir wollen auf die Details desselben nicht näher eingehen, wir wollen nicht untersuchen, ob das au dem Cantor Eisenberg begangene Unrecht religiösem Fanatismus oder privater Gehässigkeit entsprungen, und die Schuld dem durchreisenden Rabbi, dem Ortsrabbiner, dem Vorstande oder sonst wem zuzumeffen ist — für uns steht nur das Eine fest, dass wieder einmal ganz ungerechtfertigter Weise die Existenz eines Collegen vernichtet wurde. Diese Thatsache spricht lauter, als die fulminantesten Artikel es vermögen, und sie sollte durch ihre Consequenzen die Berufsgenossenschaft aus ihrer Lethargie aufrüttelu und zu dem Bei ufssein bringen, dass es endlich an der Zeit ist, das drückende Joch abzuwerfen. Und wenn die Cantnren Oestorreich-Ungarns wirklich wollen und einig zusammenstehen, daun können sie auch ihre Lage verbessern. Derartige Gemeinden müssen boycottirt und jene Collegen, die in ihren Dienst treten, vou der Gemeinschaft ausgesloßen werden — mit einem Worte, die Cantoren müssen sich organisiren und zu einem die gesammte Monarchie umfassenden Bunde zusammeuschließen, um jenes Programm zu verwirklichen, das der letzte Wiener Cantorentag aufgestellt hat. Dieses Ziel ist aber nur daun zu erreichen, wenn die Berussgeuosscnschaft in großen Massen geschlossen und geeint ihre Forderungen geltend macht. Vielleicht wird dieser traurige Vorfall in Homonua den ungarischen College« die Nothweudigkeit unserer gemeinsamen Organisation eindringlicher vor Augen führen. Die vorbereitenden Schritte sind bereits eingeleitet, und wie uns aus Budapest soeben gemeldet wird, hat daselbst am 26. Mai unter dem Vorsitze des Obercantor Lazarus eine Besprechung der hauptstädtischen Cantoren stattgefnndeu, in wücher beschlossen wurde, behufs Anschluss an die Organisation einen Aufruf an die ungarische Collegenschaft 51t erlassen und zu diesem Vehuse noch im heurigen Sommer einen Cantorentag nach Budapest eiuzuberufen. Hoffen wir, dass diese B.strebungeu vou Erfolg gekrönt sein werden. Verschiedene Nachrichten. MSSiett. (Verein zur Unterstützung israel. Handwerker nnd Kleingewerbetreibender, I., Krugerstraße 8.) Donnerstag, den 5. Junr, 7 Uhr! abends präcise, findet im Sitzungssaals der israel. Cultusgemeinde. I., j Seitenstertengasse 4, 2. Stock, die 13. ordentl. Generalversammlung der Vereines mit folgender Tagesordnung statt: 1. Begrüßung der Mitgliedes und der Gäste durch den Vereinsvorstand. 2. Vorlage des Jahresberichtes Mr das Vereinsjahr 1901 und Verlesung desselben durch den Schriftführer. 3 Bericht der Censoren und Beschlussfassung über denselben. 4. Vortrag des Herrn kaif. Rathes Johann Lichtenstadt: „Jüdische Bauerncolonien in Russland^. 5. Neuwahl von Vorstandsmitgliedern. 6. Wahl der Censoren. 7. Eventuelle Anträge von Mitgliedern. Die geehrten Herren Mitglieder werden höflichst ersucht, an der Generalversammlung zuverlässig theilzunehmen. Für den Vereinsvorstand: Der Präsident W. Stiaßny, k. k. Baurath. Der Schriftführer Dr. B. Tauffig. Wien Umer ungewöhn.ich großer Theilnahme der offiziellen und vornehmen Kreise Wiens wurde der plötzlich verstorbene Direktor der Oesterr. Creditanstalt, Herr Gustav Ritter v. Mauthner, am 22. d. M. Nachmittags zu Grabe getragen. Außer der Witwe, den Kindern und den übrigen Verwandten, darunter dem Vetter des Verblichenen, dem Präsidenten der Handels- und Gewerbekammer Max Freiherrn von Mauthner, der Baroneffe Jella und dem Baron Max Oppenheimer hatten -sich zu früher Stunde im Trauerhause I., Kärntnerstraße 51, eingefunden: Unterricktsminister Ritter v. Härtel, der zweite Präsident des Obersten Gerichtshofes Dr. Steinbach, der Gouverneur der Oesterr.-Ungar. Bank Dr. Ritter v. Bilinski mit dem Vice-Gouverneur Freiherrn v. Winter- Pein, Freiher Albert von Rothschild, die Herrenhausmitglieder Freiherr v. Sochor, die Hofräthe Grünhut und Czyhlarz, Krupp, Lobmeyr und Millanich, die Abgeordneten Auspitz, Fournier, Kick und Rapoport, die Sections-Chefs Dr. v. Roza, v. Jnama-Sternegg, Ritter v. Kniaziolucki. Dr. Gruber, Dr. Franz, Dr. Liharzik, die Ministerialräthe Dr. Spltzinüller, R. v. Kamler, Kahn. Pöschl, FML. R. v. Hauptmann, der Präsident der Börsekammer Miller v. Aichholz, Graf Philipp Boos-Waldeck, David Ritter v. Gutmann, der Präsident der Wiener Cultusgemeinde, ikais. Rath Klinger mit zahlreichen Vorstandsmitgliedern, die Procuristen des Hauses Rothschild Stiedrh, Horner u. Langbein, zahlreiche Financiers und Industrielle, die Directionen und VerwaltungSräthe der bedeutendsten Banken, Verkehrs- und Versicherungs-Institute, viele Künstler und Vertreter Wiener Blätter u. A. Um 4 Uhr brachte Obercantor Singer, affistirt von den erste» Cantoren Schiller und Blatt und dem verstärkte» Tempelchor, einen Trauerpsalnr zum Vorträge. Unterdessen hob man den Sarg und trug ihn zum vierspännigen Leichenwagen, der vor dem Thor harrte. Der Zug setzte sich nach dem Centralfriedhofe in Bewegung, woselbst er gegen 5 Uhr anlangte.' Nach Absingung eines Trauerliedes trat Oberrabbiner Dr. Güdemann an das Kopfende des Sarges und hielt einen Nachruf, in welchem er ausführte, dem Leben Gustav v. Mauthner's hat nur noch dieses sanfte, schmerzlose, bei ungeschwächktzr Geistes- und Arbeitskraft erfolgte Ende gefehlt, um es zu einem vollkommen glücklichen abzurunden. Das Leben Mauthner's war reich an Ehren und Auszeichnungen, uni» er genoß in weiten Kreisen neidlose, aufrichtige Anerkennung und Hoch» achtung. Der Tod hat von ihm nicht fo viel zerstören können, als er Unzerstörbares, Erhabenes und Tröstliches zurückgelaffen hat. Sodann wurde der Sarg gehoben und zur Familiengruft gebracht. Dem Sarge folgten die Verwandten, sodann Freiherr von Rothschild, Ritter v. Tauffig. General-Director Kornfeld. Geheimer Rath Schoeller von der Disconto-Gesellschaft, General-Cousul Schwabach von der Firma Bleichröder,'und Arthur Fischel von der Firma Mendelssohn. Am Grabe nahm Director Dr. Mikosch von dem Verblichenen namens des Verwaltungskörpers, der Beamten und der Dienerschaft der Creditanstalt ergreifenden Abschied Wien. (Verein „Jüdische Toynbee-Halle".) Mittwoch, den 4. Juni, abends 7 Uhr findet im Lokale der Toynbee-Halle XX.» Karajangaffe 20. eine Gesammrsitzung des Vorstandes und dersämmtlichen Ausschüsse statt, in der Herr Professor Dr. Leon Heller über die seitens des Vorstandes im Hinblick auf den nächsten Winter gefassten Beschlüsse referieren wird. Die Sitzung ist eine öffentliche, und find zu derselben alle Freunde der Toynbee-Halle freundlichst eingeladen. ZSien. Sonntag, den 25. d. fand im Leopoldstädter Tempel, der in allen seinen Räumen von Hochzeitsgästen dicht gefüllt war, dir Trauung des Fräulein Gisela Back, Tochter des im 2. Bezirke bestbekannten Herrn Michael Back, mit Herrn Heinrich Deixner statt. Die cantorale Function versah in ausgezeichneter Weise Obercantor Guttmann, und der Chor, der die Hochzeitsgesänge mit Orgel- und Harfenbegleitung höchst exact vortrug, stand unter der bewährten Leitung des Professors I Sulzer. Den Trauungsact vollzog der greise Rabbiner Dr. Schmiedl, der eine herzliche Ansprache an das Brautpaar richtete. In der Wohnung der Brauteltern fanden sich viele freunde und Vertreter zahlreicher Vereine zur Gratulation ein, und u. A. überreichte eine Deputation der humanitären Tischgesellschaft zur Bekleidung armer alter Männer, zn deren Ehrenmitgliedern Herr und Frau Michael Back gehören, unter Führung des Obmannes Herrn Isidor Schwarz ein prachtvolles Hochzeitsgesltenk.. Srauenkerg. Unser allverehrter Cultusvorsteher, Herr Philipp Stein, leierte am 25. d. die Verkvbung seiner Tochter, Fräulein Tini Stein, mit Herrn Jur. Dr. Kann aus Brüx. Areßvurg. Anlässlich seines am 27. d. stattgehabten 20. Geburtstages wurde dem Obercantor Josef Rosenblatt durch den Chordirigenten Samuel K. Stark im Namen des Chores ein silberner Becher überreicht. Litteralur. Per Kampf des Rabbiners gegen den Hrkmnd im 1?. Jahrhundert. Vorher geht: Religion des Volkes und Religion des Individuums. Wo» Pr. Simon Stern. (344 S. Lex. 8°.) Preis geheftet M. 5.—; geb. M 6.50. (Breslau, Schlesische Verlags-Anstalt von S. Schottländer.) Eines der interessantesten jüdisch-theologischen Werke ist „Die Stimme des Thoren", in dem der Rabbiner Leon da Modena alle Schwächen des Talmud in geistvoller und gelehrter Weise auseinandersetzt. „Die Stimme des Thoren" wurde dadurchdie Rüstkammer aller Talmudgegner im Judenthum. Dieses Werk erscheint hier nebst der erschöpfenden Biographie Leons das erste Mal vollständig in deutscher llebersetzung, versehen mit Anmerkungen von Dr. Simon Stern, in denen die Angriffspunkte ins rechte Licht gerückt und Licht und Schatten gerecht vertheilt werden, denn Leon ist zumeist ein ungerechter Beurtheiler des Talmud. Vorher geht die Abhandlung: „Religion des Volkes und Religion des Individuums", in der Dr. Stern darstellt, was aus der Religion wird, und welche Function sie im socialen Leben har, wenn sie nicht allein als Religion des Individuums, sondern auch als Religio» einer socialen Gemeinschaft betrachtet wird. Da bildet sie ein Mittel im Kampfe ums Dasein des Volkes, während sie als Religion des Individuums de» Zweck hat, das Individuum in die ideale Sphäre zu erheben. Der Verfasser behandelt in drei Abschnitten das talmudische Judenthum von diesem Standpunkte aus und gibt damit eine gründliche Abhandlung über das Wesen des Talmud und des talmudischen Judenthums. Im ersten Abschnitt werden die Glaubenssätze, die Religion des Individuums, behandelt. Im zweiten, Bibel und Tradition, wird gezeigt, wie die Religion des Individuums Religion des Volkes wird, und im dritten, das Gesetz, wird der Geist der einzelnen religiöse» Vorschriften des talmudischen Judenthums klargelegt. Die Behandlung des JudenlhumS ist gleichsam nur ein Erempel, zeigt aber, wie alle Religionen von eurer neuen Seite, die bis jetzt ganz unberücksichtigt blieb, betrachtet werden. Keine Religionsphilosophie und Religionsgeschichte wird fortan den grundlegenden Unterschied zwischen Religion des Individuums und Religion des Volkes außeracht lassen dürfen. Die Aufmerksamkeit Aller, die sich mit Religionswissenschaft beschäftigen, auf diesen Unterschied hinzu» lenken, ist eines der Hauptverdienste des vorliegenden Werkes.