Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 21 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien, II/i- Novaragafse 27. K. k. osterr. Postkvarcaffa Check-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements» und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitfchrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Freitag. Klotto: „Das Siegel Gottes ist 'Wahrheit!"! Berugsprei«: 1 Ganzjährig. . K. 12.— Halbjährig . ... ff. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... ff. 10.— Für Ausland: j „ m i Ganzjährig . . .8 Mark. > 6 Rubel oder 16 Fc»! Ar. 21. Wien, 30, Mai 1902. Inhalt: Unsere Jugend im Zeichen der Emancipation. — Altrabbinische Ansichten über Barhaupt. — Förderung der Handwerke und des Ackerbaues bei den ungarischen Juden. — Die Entwicklung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Auf zur Organisation. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. Unsere Lugend im Zeichen der Emancipation. Was noch vor einigen Decennien als widernatürliches Gelüste eines kleinen Häufleins weiblicher Chauvinisten allgemein verpönt und befehdet wurde, nämlich der Frau den Eintritt in die verschiedenartigen Bernfssphären, in die höheren Studien der Wissenschaft und in die soziale Werkthätigkeit des öffentlichen Lebens zu gewähren, das hat in letzterer Zeit immer weitere Ausdehnung genommen und Wirkungen hervorgerufen, deren ernsthafte Bedeutung von niemand mehr verkannt und geleugnet werden kann. Die Frauenemancipation hat sich merkwürdigerweise rascher, als man je geahnt, zu einer gewaltigen Culturerscheinung ausgebildei, die trotz aller von gegnerischer Seite gegen sie ins Treffen geführten' Argumente nicht mehr rückgängig gemacht und aus der Welt geschafft werden kann. Dass nun auch die jüdische Frau dieser Aufwärtsbewegung sich angeschlossen und sich von allem Anfang an in die vordersten Reihen der Vorkämpfer für diese Idee gestellt hat, kann bei ihrer hohen Veranlagung und bei ihrer bekannten Begeisterung für ideale und geistige Bestrebungen nicht Wunder nehmen, allein befremden muss es, dass sie, wenn sie auch schon von dieser Errungenschaft draußen im Leben, im öffentlichen Verkehre ergiebigen Gebrauch macht, ihre jugendlichen Familienangehörigen, ihre zarten Sprößlinge zur Theilnahme an derselben heranzieht. Betritt man beispielsweise zu gewissen Tages- oder Abendstunden eines jener frequenten Cafehäuser oder Varietö-Etablissemenls, deren die Reichsmetropole, das aufstrebende Wien, so viele aufznweisen hat, so kann man die Wahrnehmung machen, dass daselbst an der Seite der Mütter jugendliche Kinder, zarte Sprößlinge oder sonstige Angehörige der Familie sich befinden, die, anstatt daheim in der Kinderstube oder draußen am Spielplätze, aller Wahrscheinlichkeit nach hier Erholung und Zerstreuung finden, und solcherart schon frühzeitig mit den verlockenden Lichtseiten des praktischen Lebens vertraut gemacht werden. Wer das empfängliche Seelenleben des Kindes und dessen Phantasiereichen Geist auch nur halbwegs kennt, der wird erfahrungsgemäß der Ansicht beistimmen, dass bei den meisten Kindern die Lebensanschauungen und Charaktereigenschaften sich denjenigen Dingen anpassen, die sie in ihrer Umgebung sehen, und dass dann, vermöge der Eindrücke, die sie gewonnen haben, die mannigfachsten Entschlüsse in ihren jugendlichen Köpfen reifen. Fragen wir uns nun: Welche Eindrücke soll sich das jugendlich unreife Gemüth des Kindes ans dem bunten, geräuschvollem Verkehre des Cafeharslebeus holen? Soll es etwa durch die Theilnahme au den von der Tischgesellschaft nicht selten in schrankenloser Weise gesührten Gesprächsthemen seinen Gedankenkreis nützlich erweitern? Soll es durch den Anblick ominöser Carrikaturen, mit welchen gewisse Zeitungen reichlich aus gestattet sind, ästhetische Vorstudien für Schule, Haus und Leben machen? Oder aber an dem von den Gäste» häufig mit ungestümer Leidenschast und begleitet von den rohesten Kraftausdrückeu forcirten Kartenspiele ein Vorbild mustergiltiger, geselliger Zerstreuung erblicken? Welche Eindrücke kann ferner das für Alles so empfängliche Kinderher; wählend eines mehrstündigen Aufenthalts in den bewegten, den profanen Genüssen geweihten Räumen eines Volksvarietes empfangen? Soll es etwa an. den daselbst in Szene gesetzten Bühnenfragmenten, die ja doch zumeist nur grelle und abgeschmackte Schattenbilder aus dem Familienleben enthalten. Erbauung und Erhebung finden und sich daraus Urtheile und Schlüsse für die Zukunft formen? Heißt es nicht, sich schwer verfündigen, wenn mau solch zarte Geschöpfe, solch unschuldvolle Kinderseeleu jenen Stätten zuführt, wo zügellose Heiterkeit, toller Lebeushumor seine Orgien feiert, und den zarten Pflanzen die Gefahr droht, schon in ihrem ersten Entwicklungsstadium von rauhen Einflüssen in ihrem gedeihlichen Wachsthum geschädigt zu werden? Gewiss, die Antwort auf diese Frage wird keinem vernüuftigeu und einsichtsvollen Menschenschwer fallen. Und darum, will die jüdische Frau, die jüdische Mutter von den Rechten, die ihr die Emancipation eingeräumt hat, draußen im öffentlichen Leben würdigen Gebrauch machen, dann bewerkstellige sie dies dadurch, dass sie ihre erweiterte Thätigkeit nur auf jene Gebiete ausdehne, wo sie zu Nutz und Frommen ihrer Familienangehörigen heilsam wirken und ^diesen ein leuchtendes Vorbild sein kann. Und wenn sie zutoeileu aus ihrer stillen Häuslichkeit heraustritt, um, gefolgt von ihren Sprößlinge», draußen im Leben sich geistige Zerstreuung uni» und Erhebung zu holen, datm suche sie sie dort, wo sie auch für die Jugend zu finden und nicht zu verlieren ist, dort, wo auch sie in ihrer Jugendzeit sie empfangen hat: im Gotteshause, im Gottesdienste, in den heiligen Gesänge», in der lehrreichen Verkündigung des Gotteswortes, in stiller tiefer Andacht, oder an Stätten, wo Bildung gepflegt und der geistige Gesichts-