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Die Wahrheit · 1902-04-18 · Heft 16 (18.4.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Vie lVahrhett. Nr. 16. die Gesammtheir des Volkes einzuwirkeu, es mit sich fortzureißen, Wie Moses. Sonst waren es immer nur anserwählte Kreise innerhalb desselben, die der Botschaft des Propheten Sinn und Verständnis entgegenbrachten. Schon unter Josua zeigen sich für ein tiefer blickendes Auge die sich vorbereitenden Risse. Eine Thatsache, der man sonst eine recht harmlose Bedeutmig nur beimisst, beweist dies bei richtiger Erkenntnis auf's unzweideutigste. Es ist die Errichtung eines Schaualtars am jenseitigen Ufer des Jordans. Das Schaustück ward zwar dem Zwecke gewidmet, ein Wahrzeichen zu bilden, dass die im jenseitigen Gebiete angesiedelten Stämme sich zu Gott und zu dessen Heiligthume bekannten. Allein, dass mau dazu sofort eine Nothwendigkeit verspürte, war schon ein höchst bedenkliches Zeichen. Wenn die Lehre, wie sie Moses uns gegeben, in ihnen recht lebendig gewesen wäre, wer in aller Welt hätte ihnen ihre Zugehörigkeit zu Israel je streitig machen können, noch wollen? Ein Mann wie Moses werde wieder auftreten müssen, um seinen geistige» Einsiuss über das gesammte Israel wirksam zu machen. Nicht wird es demselben Vorbehalten bleiben, eine neue Religion zu stiften, etwa weil die alte ihren Zweck verfehlt, oder im Laufe der Zeit unbrauchbar geworden sei. Ganz im Gegentheile! Ihm wird die Aufgabe zufallen, das in Verfall gerathene Werk Moses herzustellen und dies in dessen ganzen UmfangeZu diesem Zwecke redet hier der Prophet von D'öStPtt und man Die ersten sind die Bestimmungen, welche das Verhalten der Menschen untereinander und zur Gesammtheit regeln. Ihr Inhalt - ist ethischer Natur, ihr Sinn ohne weiteres einleuchtend; daher es von ihnen kurzweg heißt: „sie werden in ihnen wandeln", d. h. sie werden die thatsächlichen Grundsätze des menschlichen Thuns und Handels bilden, mpn dagegen sind jene Satzungen, die das Verhalten des Menschen Gott gegenüber bestimmen. Ihr Sinn leuchtet dem oberflächlichen Blick nicht ohne weiters ein, daher ist es denn vielfach üblich geworden, sie als „Ceremonialgesetz" zu dem unbrauchbaren Ballast zu werfen. Der Prophet hat diese Meinung keineswegs getheilt. Ebensowenig hat er das Heil darin erkannt, dass diese Satzungen blindlings geübt werden. Ihre Bestimmung ist erst dann als erreicht anzusehen, wenn sie beobachtet und bethatigt werden. Erst wenn ihr Sinn recht ergründet worden, daun können sie recht gehalten werden. Der Prophet hatte also keineswegs die Meinung, dass die Lehre Moses je könnte überholt und durch eine bessere ersetzt werden. Das Geschlecht der Zukunft wird nichts an dessen Gesetzen ändern, vielmehr damit bei sich einzusetzen haben, um demselben voll und ganz gerecht zu werden. (Fortsetzung folgt.) Neisebriese aus Holland. Von Jan van Düren. X. Unser heutiger Besuch gilt zunächst einer großen „Mazzoth- Bäckerei". Obzwar wir im Zeichen der „Menorah" stehen, wird in den Fabriken unabläffig gearbeitet. In Amsterdam steht überhaupt die Mazzoth-Bäckerei niemals stille. Im Lande der größten Freiheit effen viele Juden jahraus jahrein ,,das Brot des Elends". Ein merkwürdiges Symbol. Sie, die unter der Sonne ungetrübtester Gleichheit leben, werden unaufhörlich an das Land der Sclaverei erinnert. Würde cs nicht viel besser für die Wiener Juden paffen, wenn sie das Jahr über „Mazzoth" effen wollten? Es hat aber in Amsterdam seinen besonderen Grund. Die Mazzoth sind billig. Wie viele solche Bäckereien es dort gibt, wissen wir nicht; es sind aber deren eine Menge; alle stehen natürlich zur Peffachzeit unter peinlicher Controlle. Es wird kein Ofterbrot verkauft, das nicht verlässlich „koscher" wäre. Nun aber kann man den seltenen Anblick geniesten, in den Fabriken die Arbeiter mit dem Brote in Händen, .Mazzoth Herstellen zu scheu. . In einem abgelegenen, versteckten Winkel einer Seilengaffe des Ghetto liegt die von uns aufgesuchte Fabrik. Durch ein schmales Gäßchen, das von mehreren Mauerbögen überwölbt ist, gelangen wir in den großen Hof. Kaum erblickt uns ein Arbeiter und schon rennt er uns unter überhöflichen Begrüßungen entgegen. Er ist mit Besen und Schaufel bewaffnet. So stürzt er auf uns los, kniet vor uns nieder und bearbeitet unsere Schuhe, um sie von dem Staub zu reinigen, der gar nicht darauf ist. Dafür muß er sein „Dubbelche" haben. Kaum aber sieht ein zweiter die kleine Nickelmünze, da kommt auch er heran. Eine Kleiderbürste ist sein Geschoß. Nun bearbeitet er uns aus Leibeskräften; vergeblich ist unser rasches Vorwärtsschreiten; er läuft bürstend hinterdrein. Der arme Tropf will auch ein Dubbelchen; er soll es haben. So gesäubert und entstaubt kommen wir in den Arbeitsraum, wo fleißig geschafft wird. Maschinen neuester Eoustrnction liefern ausgezeichnete Mazzoth in verschiedener Gestalt, eckig und rund, groß und klein; in so kleinem Format haben wir sie noch nie gesehen Wir versuchen das Brot „in beiderlei Gestalten" und finden es vortrefflich. Nachdem wir dem Treiben eine Weile zugeschaut, schicken wir uns an, zu gehen. Aber nun haben die Leute ein N.'cht, uns abzustauben. Ein ganzer Schwarm stürzt mit Besen und Bürsten heran, als gälte es einen Mohren reinznfegen. Die Aermsten, sie kehren zum Staub zurück für ein Dubbelchen. Nach diesem ziemlich nüchternen Vergnügen war es uns ein Genuß, die Bildergallerie aufzusuchen, der wir schon einige Tage gewidmet hatten. Wer vcrnmg die tiefen Eindrücke alle aufzunehmen und zu verarbeiten? Heute wollten wir, da wir von Amsterdam bald Abschied zu nehmen gedachten, noch einmal die wenigen Gemälde Rembrandt's, des Unvergleichlichen, Größten, satt genießen, die sich auf jüdisches Leben beziehen. Rembrandt hat ja in der Judenstadt Amsterdams lange genug gehaust. Und in der llooäe-Lreestraat hatte er Gelegenheit genug, Typen zu studieren. Er scheute es ja auch nicht, zu jüdischen Druckwerken, welche in Amsterdam erschienen, zierliche, kunstvollendete Miniaturschnitte zu liefern. — Die bekanntesten Bilder nun sind das: llooäselis Lruitsobe (Jüdisches Bräutchen) und Lau Kabbjn. Das erstere stellt ein freundliches Judenmädchen im Brautschmuck, letzteres Llanasse dau I8ras1 dar. Die edlen Züge dieses genialen Mannes hat also dieser Meister aller Meister der Malerei verewigt; wir sind ihm dankbar dafür. Wie wenige authentische Porträts unserer Geistesgrößen sind uns doch überliefert! Das völlige Zurücktreten der Schöpfer vor ihrem Werk drückt sich auch hierin aus; das Unpersönliche, Ideale, Selbstlose gegenüber dem Personencult und Bilderstürme anderer Völker Und doch würde es uns lebhaft interessieren, in den Mienen jener Geisteshelden lesen zu können, an deren Werken wir uns ergötzen, die uns unnachahmliche Vorbilder sind. Es ist selbstverständlich, dass zahlreiche Kunstwerke des holländischen Meister „Israels" unsere Bewunderung erregen. Dieser geistreiche, feinsinnige, naturwahre, lebenswarme, weitschauende jüdische Künstler holt seine Vorwürfe leider nie aus aus. spezifisch jüdischem Kreise. Sein Gebiet sind Meer, und Fischerleben, echte holländische Typen; Freuden und Leiden der Niederländer.—: Die lang zurückgehaltene Sehnsucht nach dem Meere wurde im Anblicke seiner überwältigenden Gemälde stetig.gesteigert. Und rasch entschlossen begeben wir uns zum Bahnhofe, um einen lange geplanten Ausflug nach Scheveuingen zu unternehmen. Zunächst ging's nach Haag, der lieblichen Residenzstadt, die immer Feiertag hat. Alles blitzt und glitzert, blinkt und blankt in sonniglicher Helle. Nur wenige Straßen weisen das traditionelle Vlaii-tz-Odseurs derholländischenStraßenscenerien auf; die Grachten sind fast ganz verschwunden. Statt dessen bietet sich, uns ein modernes Städtebild; aber mit deutlicher Charakteristik. So sauber, kann es nur in Holland sein. Es duftet ordentlich. Wir nehmen uns zunächst, keine Zeit, die Stadt näher zu besichtigen,' es ' treibt uns zum

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