Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Die Dabrbeil. Seite 0. Wir hätten keinerlei Veranlassung, bei dieser Thatsache Länger zu verweilen, wenn Herr Friedmann nicht mit einer gewissermaßen zielbewussten Zähigkeit an der Bezeichnung „Ahawo rahho-Tonart" festhielte, welche unserer Benennung „llischtahaoh-Tonart" offenkundig gegenüber steht. Nur um Etwaigen Verwirrungen vorzubeugen, erklären wir, dass gegen Eine wie immer Namen habende Benennung der von uns ausgestellten „Synagogen-Tonarten" nichts einzuwenden wäre, Wenn dieser jeweiligen, vielleicht einer tieferen Ueberzeugung entstammenden Benennung irgend eine wissenschaftlich berechtigte Beweisführung zur Seite stünde. Man muß nicht Zimmer ' einen Standpunkt anerkennen, allein man soll ihn Würdigen, und wir würdigen die Anschauung des Herrn Friedmann bezüglich seiner „dischtahach-Recitationsweise" nur bann, wenn wir erwägen, dass er hiebei ausschließlich den Spuren seines Herrn und Meisters Lewandowsky gefolgt ist, Der in seinen Ausschreibungen die llischtahach-Gortragsweise in der reinen Molltonart verzeichnet. Kann dieses eine Argument allein in einer solch wichtigen Angelegenheit maßgebend sein? Möge Herr Friedmann gefälligst in seinem Lebensbuche einige Jahrzehnte zurück- Llättern und sich vergegenwärtigen, wie sein damaliger Chasen .„scheke’n chöwas kol hajzurim“ und das darauf folgende ^ki techo noeh“ recitirte, und er wird uns beipflichten, dass ber verewigte Lewandowsky, bei der möglichst weitgehendsten Anerkennung seiner musikalischen Bedeutung, niemals ein -ausübender Cantor gewesen, daher auch in einer solch' eminenten Frage nicht allein als maßgebend erachtet werden darf. Oder, falls man geneigt sein sollte, den Standpunkt Lewandowskys gelten zu lassen, so möge man doch freundlichst die Ansicht eines Anderen hören, der bezüglich einer rein rantoralen Feststellung, wenn nicht mehr, doch mindestens so viel gilt, als Lewandowsky. Wir meinen den verewigten Kantor Deutsch in Breslau. — Das war ein Cantor, der. Wie man zu sagen pflegt, gleichfalls von Picke auf gedient, demnach alle Phasen des Cantorthums mit durchlebte, wirklich gediegene Musik- und litterarische Kenntnisse besaß, der zudem ber Leiter einer Cantorenschule war, aus welcher die meisten der jetzt wirkenden deutschen Cantoren hervorgegangen — von dem man also sicherlich voraussetzen kann, dass er, bevor er seinen Schülern, die Aposteln gleich, seine Lehre in die Welt hinaustragen sollen, irgend einen fachwissenschaftlichen Gesichtspunkt vorhält oder gar denselben durch den Druck für alle Zeiten festzuhalten gedenkt, dass also ein solcher Mann Don der Bedeutung eines Deutsch zuvörderst mit sich selbst im Meinen gewesen sein muß. Nun, so bitten wir, mit uns Nr. 40 und 41 der Deutsch'schen Vorbeterschule aufschlagen zu wollen. Die .Jntervallensolge dieser beiden winzigen Tonstückchen (2 B Vorzeichnung, ein für das ganze Recitativ wesentliches Fi» und offenkundig auf der V-Basis aufgebaut) erklären den -Gegenstand so eindringlich und widerspruchsunmöglich, dass musikalisch eigentlich nicht weiter zu spekulieren wäre. Wo ist hier das Vorkommen einer Molltonart, wie sie Herr Fried mann für „ki lecho noeh“ Nr 15 L aufstellt? Man versuche nur <wir führen dies lediglich der Curiosität wegen an) bei dieser Friedmann'schen Nr. 151 statt des vorhandenen Textes beispielsweise „Wajechulu haschomajim“ zu singen, Ulld es klingt so Freitag-abend-stimmungsvoll*). dass man sofort einen prächtigen Wajechulu fertig hat. Nun, wo hat man jemals einen llisehtahach nach einer Mögen ovans-Melodie singen gehört? Doch genug der Erklärungen! Der verehrte Autor, dessen Werk ja erst 1901 das Licht der Welt erblickte, hat ja unsere schon im Jahre 1886 erschienene Broschüre gelesen und, wenn er trotzdem sich veranlasst fand, entgegen unserer Aufstellung, die . Skala e, f, gis, a, h, o, d, e Ahawoh, rabbo-Steiger zu nennen, so haben wir wirklich nicht die *) Meyerbeer soll behauptet haben, das bekannte Nachtwächterlied den Hugenotten „Geht heim" nach dieser ihn so traulich abendlich ^klingenden ^Vassodulu-Mtlodie componirt zu haben. ' Absicht, sein -diesbezügliches Glaubensbekenntnis anzutasten- Es erfüllt uns mit einem Gefühle wahrhafter Beruhigung, den Gedanken, den wir durch Aufstellung unserer Tonarten vor Jahren gleichsam als Saatkorn in den Boden des Synagogengesanges versenkte», üppig in die Halme schießen z« sehen. Wie das Product genannt wird, ist uns wahrlich gleichgiltig; nicht der Name, sondern die Materie, der Staff entscheidet darüber, ob irgend etwas lebensfähig sei, oder nicht. Möge Herr Friedmann seine Aufstellung der Ahaworabbo-Tonart nur ruhig behalten, möge er gleichfalls seine llischtahach-Recitation in der Moll-Tonart verzeichnen, wahrscheinlich entspricht dieses Programm seinen in der Jugend empfangenen Eindrücken — nach dieser Voraussetzung würdigen wir sein Vorgehen; doch verlangen wir von ihm, dass er einsichtsvoll auch die Ansicht eines Anderen höre, und von diesem Gesichtspunkte geleitet, können wir seine Aufstellung der Ahawoh-rabbojiatt der Jischfcabaeh -Tonart nicht acceptiren. Noch ein zweites, nicht tonliches Argument leitete uns bei Aufstellung der Bezeichnung llischtadach-Tonart. Es ist ia mäuniglich bekannt, dass die ganze Necitationsgruppe von Schochen ad, uwmakhallos, jischtabbach, el odoa tisborach, ahawoh rabbo, os bekol, mimkomcho, jismach mosche usw. Versuchsstationen für die Necitations-Weise phanlasiereicher Cantoren bildete, allwo sie nicht allein ihre umfassenden Kenntniße der üblichen Steiger sondern auch ihre Vertrautheit mit den sogenannten Mischsteigern darlegeu konnten. Um nun durch Aufstellung vieler Benennungen nicht zu verwirren, wählten wir das älteste Gebet der ganzen Gruppe, den Jischtabach**). Das sei hiemit auch für spätere Eventualitäten kundgegebeu. Einem Zerwürfniße obenangefübrter Art begegnen wir gleichfalls in Stummer 151 Ln ke’erkecho. Der geehrte Autor verzeichnet keine synagogale Tonart, folglich müsste angenommen werden, dass das Stück modern gearbeitet erscheint; der dem Stückchen innewohnende Ton-Gedanke entspricht jedoch dieser Annahme keineswegs. Abgesehen davon, dass der Quartenschritt D-G gleich zu Beginn ans eine andere, als durch das vorzezeichnete B (F-dur oder D-moll) fixirte Tonart (G) hinweist, löst der Autor gleich im ersten Takte das wesentliche B in H auf und erhärtet hiedurcv seine beabsichtigte Hinleitung nach G-dur; außerdem lässt der erste melodische Ruhepunkt bei umi daurae loch eine Septaccord-Harmonie erwarten (v, Fis, A, C), die um so berechtigter erscheint, als durch die hierauf erfolgte Auflösung des B in H eine eclatante G-dnr-Harmonie zum Ansdrucke gelangt, die dominirend bleibt, bis der Vortragrnde sich doch veranlasst sieht, in etwas gewaltsamer Weise bei den Textworten „ween dome loch“ nach der B-Basis zurückmodulieren zu müffen. Unseres Erachtens wäre es stimmungsvoller, das ganze Tonstückchen nach der Tonart, B, Es, Fis, G, A, B, C, B mit Eliminirung aller anderen Versetzungszeichen, vorzutragen. Aehnlichen VorLommnißen begegnen wir allenthalben bei weiterer Durchsicht des Friedmann'schen Buches, und wir glauben nicht sehlzugreisen, wenn wir die Abnormitäten auf Rechnung der Jugendeindrücke stellen, die der verehrte Herausgeber von feinen einstigen Lehrmeistern (Chasanim) empfing. Diese etwas italienisch-glühenden und sarbeuprächtigea Modulationen zwingen den Autor, zu einer Legion von Versetzungs- und Auslösungszeichen seine Zuflucht zu nehmen, welche Thatsache dem Gesamnttbilde das Gepräge des Unruhigen verleiht und namentlich den minder eingeweihten Schüler nicht zur Ueberzeugung gelangen laffen, was hier hauptsächlich und nebensächlich sei. Wenn das vorliegende Buch seinen didaktischen Zweck erfüllen soll, so dürste keine der angeführten Synagogentonarten alteriri erscheinen; erst dann, wenn die Fähigkeit der leitereignen Behandlung des Schülers bis zur Selbständigkeit heraugereift. dürste, nuferes Erachtens, an leitersremde Versuche geschritten w.-rden. **) Zunz, synagogale Poesie. -