Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063122--01801-3068422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 9. Die Wabrbeit. Seite 9. solcher Mann ist unsterblich und sein Vermächtnis ist werthvoller als irgend welche Schätze der Welt. Die Tempelmusik ist das große Capital, das der Verblichene der Nachwelt zurückgelasien hat, und die jüdischen Cantoreu Rußlands sind die geistigen Söhne des kinderlosen Blumenthal. In den Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als die westeuropäische Cultur mit ihren Assimilationsaspirationen auch in die jüdische Tempelmusik,' eingedrungen war, den traditionellen Gesängen, die Jahrhunderte oder vielleicht gar Jahrtausende als Nationaleigenthum gegolten haben,' den Garaus zu machen drohte und dadurch eine Gährung in den russischen Synagogen hervorgerufen wurde, da trat Blumenthal als Versöhnungsengel auf, und es gelang ihm, Ruhe und Ordnung überall herzustellen. Die westeuropäische resormirte Tempelmusik und besonders die dramatische Recitation Sulzers hätte nie in den russischen Synagogen durchdringen können, wenn nicht die Blnmenthal'sche Gesangsweise, die ein Zwischending des westlichen Caleüls und östlichen Sentiments war, als Vorbereiterin gedient hätte. Durch i Blumenthal erfuhren die russischen Gemeinden, dass Orientalismus j und Barbarismus nicht identisch sind. j Sein patriotisches Gefühl, seine Durchdrungenheit von der traurigen Geschichte des Volkes, dessen Vertreter er war, sein gediegenes musikalisches Wissen und sein intelligenter Geschmack haben seinem Vortrage einen eigenthümlichen Nimbus verliehen. Welches Auge konnte trocken bleiben, wenn Blumenthal sein map nns vorgetragen hat?! Wessen Herz blieb unbewegt, wenn Blumenthal seinen berühmten nn .“D*? fjYaö naiP gesungen hat?! Wessen Seele blieb unerschüttert, wenn Blumenthal sein "pD "paS tdp ausgehaucht hat?! j Der Midrasch erzählt, dass der Todesengel zu Moses j kam und ihm sagte: mn ara pSnoa nnsti* "jSss 'yhtp rra'pn j Gott sandte mich zu-Dir, da Du heute [teubeu musst. Da antwortete Moses: n'z'p'n'b obib ti>pao mkip |saa *]b Fort von hier! Ich will Gott lo ben, wie es heißt niö« ab ich darf noch nicht sterben nvi« '2 ich nulß noch leben .1" npyo ^22X1 damit ich erzähle die Thaten Gottes. Dasselbe passirle dem Todesengel mit dem Verblichenen, der ein hohes Alter von 95 Jahren erreicht hat. Wenn der Todesengel mit seiner Todesmission zu ihm kam, da antivortete ihm der Verblichene: Fort von hier! i Ich will Gott loben n'a'p'rrS übpb ppaa 'ist? Ich darf noch! nicht sterben, ich muß noch leben und die Thaten Gottes erzählen. Endlich raubte ihm der böse Engel seine Waffen, er nahm ihm seine Sprache, damit er nicht mehr Gott loben könne, und waffenlos wurde er niedergestreckr. Theuerer Meister und College! Wir wollen Dir hier kein „Libera" singen, wir nehmen blos Abschied von Dir, aber wir befreien Dich nicht. Dein Genie bleibt unter uns, und in den Annalen der Geschichte unseren edlen Gemeinde, die Dich so hoch geschätzt und gewürdigt hat, bis Du den letzten Hauch Deines Odems ausgehaucht hast, wird Dein Namen mit goldenen Lettern für ewig verzeichnet bleiben. Friede Deiner Asche!" Ein Choral auf awn my bai nn» >2*; schloß hierauf die Trauerfeier. Der Tempel bleibt den ganzen Monat schwarz decorirt und wird für den letzten Tag der Schlosehim ein großes Requiem vorbereitet. P. M i n k 0 w s k y, (Obercantor der Brodier Gemeinde zu Odessa. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Verein für jüdische Geschichte und Litte- -ratur.) Der zweite Vortragsabend dieses Vereines fand Sonntag, -en 23. d., in dem großen Festsaal des „Jüd. Volksvereines" statt. Herr stuä. phil. Max Eisler sprach zur Entwicklungsgeschichte der neujüdischen Litteratnr. Mit kundiger Hand leitete der Vortragende in das Gebiet dieser noch ziemlich unbekannten^Litteratur hinüber, aus welcher <r Münchhausens „Juda" herausgriff. Dieses glücklich gewählte Produkt besprach er in klarer, sehr anziehender Weise, gab dessen Entstehungsgeschichte wieder, erwähnte der Beziehungen des Verfassers zu dem Maler Lilien und recirirte endlich mit viel Wärme und Begeisterung «inige der schönsten Stellen aus demselben. Einmüthiger, lauter Beifall ldes zahlreichen Auditoriums lohnte die interessanten Ausführungen. Me«. Der humanitäre Geselligkeits-Verein „Die Szeniczer in Wien" veranstaltet Samstag, den 15. März im Prachtsaale des Hotel Continental 2. Bez., Taborstraße eine geschloffene Masken-Redoute, für welche das emsige Herren- und Damencomitö mannigfache Ueberraschungen und Sensationen vorbereitet hat. Der am 23. d. M. abgehaltene Comits-Abend verlief in überaus animirter Weise. Unter den brillanten Vortragsnummern seien erwähnt: Ein Musik-Ensemble der Musikschule Schild, Gläserspiel vom Photographen Mariett», Lieder-Vorträge des Frl. Julsza Winter und Herrn Max Winkler, Clavier- und Biolin-Duo des Frl. Jda Sinnreich und Herrn Ingenieur Herz, Couplet von den Herren Jul. Schulhof und Jul. Müller. Sämmtliche Vorträge, sowie eine komische Scene, dargestellt von den Herren Allina, Müller uud Schulhof, fanden reichen Beifall. Wien. (Jüdischer Verein jugendlicher Arbeiter XX. T r a u n f el s g ass e 1.) Am 2. März Vortrag des Herrn Dr. Margulies: ,Die Arbeiterfrage im Talmud". Am 9. März »Die Märzgefallenen und der Zionismus.* (Referent Herr Carl Hahns. Am 16. März Concertakademie (Purimfeier), worüber besondere Einladungen ausgegeben werden. Die Mitglieder werden ersucht, zu den Vereinsabenden regelmäßig und pünktlich zu erscheinen. Gäste stets willkommen. Bibliothekstunden: Sonntag von 7—8 und Mittwoch von 8—9 Uhr Abends. Wien. Am 19. d. fand das Leichenbegängnis der Frau Rosa Hildesheimer, geb. Brodsky, statt. Im Hanse erschienen ^zahlreiche Trauergäste, um dieser durch besondere Wohlthätigkeit und Frömmigkeit hervorragenden "rau die letzte Ehre zu erweisen. Ter Schwager der Verstorbenen, Herr Rabbiner Tr. Meier Hildesheimer aus Berlin, sprach, selbst tief bewegt, in erschütternden Worten, dem Leid des Gatten, des Sohnes und der ganzen Familie Ausdruck gebend. Die Leiche wurde sodann, nach dem Wunsche der Verschiedenen, nach Preßburg überführt. Die Familienangehörigen, zahlreiche Freunde des Hauses und Deputationen mehrerer Vereine, unter Anderen der Rabbiner der Schissschule, Herr S. Fürst mit dem Vorstande, der Vorstand der Schönlaternschule mit Herrn Cultusvorsteher Dr. Alfred Berger an der Spitze, Herr Dr. Fialla, Herr Bondi und Sohn, Herr Back jun., Herr Hirschlerjun. u. A. begaben sich mittelst Separatzug nach Preßburg, allmo in Vertretung der orth. Cultusgemeinde die Vorsteher Lazar Gestettner, M. Herzfeld, David Nass und Lippmann Mauer, und in Vertretung der Chewra- Kadischa die Herren Michael und David Kann, ferner die Rabbinatsassessoren Leopold Friedmann und Samuel Donath den Fug erwarteten. Trotz schlechter Wirterung folgte eine große Menge dem Leich enbegängniße. Trauerreden hielten Herr Rabbiner Fürst-Wien, Herr Assessor Friedmann- Pressburg und als Letzter Herr Rabbiner Tr. Feuchtwang-Rikolsburg. Rabbiner Fürst würdigte in meisterhafter Rede die tiefe Frömmigkeit und die unbegrenzte Wohlthätigkeit der Verblichenen, deren gütiges Wesen ihren Gaben hohen Werth verlieh. Die treffend angewandten Schriftstellen und die vom Herzen zum Herzen gehenden Worte machten tiefen Eindruck. Rabbinats-Affessor Friedmann sprach im Namen der Pressburger Gemeinde und rühmte die Tugenden der Verblichenen, die weit und breit geschätzt wurden. Rabbiner Dr. Feuchtwang musste der vorgeschrittenen Zeit halber sich kurz fassen und nahm in rührenden Worten Abschied von der Verblichenen, die der gute Engel ihres Hauses, die Vorsehung der Armen und ihm selbst eine mütterliche Freundin gewesen. Herr Obercantor Wittmann-Wien ergriff die Herzen der Anwesenden mit seinem El Mole Kachamim.'imb wehimlthsvoll gestimmt verließen die Tranergäfte den Friedhof. St. sötten. Vor kurzem hat sich der in 2t. Pölten allgemein beliebte Cantor Wilhelm Philipp Rabbinowitz mit Fräulein Amalie Neumann, Tochter des vor einigen Jahren verstorbenen hiesigen Cantors Neumann, verlobt. ZSerkin. Von Vorstand und Repräsentanz der Berliner Gemeinde wurde einstimmig Obercantor Magnus Davidsohn aus Gleiwitz zum Hauptcantor gewählt. Es ist bekannt, dass Herr ^Magnus Davidsohn neben seinem berühmten Bruder Max Davidsohn als erster seriöser Baß am königlichen Landestheater in Prag wirkte, dort Marcel, Bertram, Sarastro, König Heinrich u. a. Rollen des ersten Baßfaches sang. Trotz glänzender Anerbietungen von Bühnen ersten Ranges beharrte Herr Davidsohn dabei, das Erbe seines Vaters, der noch zu den Cbasanim der guten, alten Zeit gehörte, im Gotteshause anzutretrn. Es kann unserem Berufe nur nützen, wenn Männer, die im öffentlichen Kunstlebe« bereits zu Ruf gelangt sind, im gebildeten modernen Judenthnm die herrliche Tradition des Chasonus vertreten. Es ist eine gar schwere Sache, bei moderner Zuhörerschaft, die hohe Ansprüche an geregeltes Singen stellt, die Stylarten unserer Nigunim eindrucksvoll zur Geltung zu bringen. Eine gewisse Voreingenommenheit gegen den Cantor ist nicht zu läugnen- Man liebt es sogar, sein Können zu Gunsten der Sänger im öffentlichen Kunstleben zu verkleinern. Deshalb sollten Söhne von Cantoreiß die stimmbegabt sind und die Tradition geerbt haben, für die Würde des Sangesberuses an heiliger Stätte eintreten und beweisen, dass die Ethik des Kunstgesanges sehr wohl mit den nigunischen Eigenthümlichkeiten unserer chasonischen Ueberlieferungen in harmonische Verbindung zu bringen ist. Mit gutem Können und einmüthigem Wollen werden wir eingewurzelte Vorurtheile beseitigen. —n.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.