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Die Wahrheit · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Allgemeine Canloren-Zeitung. Ar. 9. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Hilfscasse für israelitische Canloren und Cultusbeamte in Deutschland. Am 17. d. fand in Berlin im Gemeindehaus, Oranienburgerstraße 29. die Generalversammlung der „Hilfscasse für israelitische Cantoren und Cultusbeainte" statt. Der Vorsitzende, Herr Zustizrath Dr. Stern, eröstnete die Versammlung und begrüßte die erschienenen Gäste. Zn seiner Ansprache bedauerte er den Rückgang der Mitglieder. Dieselben sind auf nur 75 zusammengeschmolzcn. Viele sind in Folge der rückständige»! Beiträge ausgestoßeu worden. Dies musste im Interesse der Casse und der zahlenden Mitglieder geschehen. Es bleibt dennoch dem neuen Vorstand überlassen, die gestrichenen Mitglieder, sobald sie ihren Verpflichtungen Nachkommen, »vieder in den Verein aufzunehmen. Die „Hilfscasse" verfügt über ein Verrnögen von über 40,000 Mark. Durch die Beiträge der außerordentlichen Mitglieder und durch mehrere Schenkungen ist die »Hilfscasse" zu diesem beträchlichen Capital gelangt. Nach diesen Auseinandersetzungen des Herrn Vorsitzenden »vurde alsdann den Revisoren einstiminig Decharge ertheilt.' Den vierten Punkt der Tagesordnung bildeten die eingegangenen Anträge auf Statutenänderung. Eine besonders erregte Debatte rief § 2 hervor, dem die Worte hinzugefügt werden sollen: „Der Verein solle auch die Standesinteressen der Mitglieder fördern." Mit Recht wurde vom Herrn Vorsitzenden bemerkt, dass die „Hilfscasse" als solche keine Aufgabe habe, die Standesinteressen der Mitglieder zu fördern. Dieses kann nur von Standesgenossen selber geschehen. Demnach müsste die „Hilfscasse" in einen Cantoren-Verein umgestaltet »verden. Mehrere Herren Cantoren, »vie Schönberger-Potsdam, Dubowskh-Berlin, Friedmann-Berlin, Letvit-Berlin, ebenso Herr- Siegfried Brünn vom Vorstande traten mit großer Wärme für den Zusatz des § 2 „die Standesinteressen zu fördern" ein. Die Canloren wiesen auf die Anregung, die von Wien ans dem „Allgemeinen Cantorentag" ansgezangen ist, hin und appellirten an die Ehre der deutschen Cantoren für die Annahme des erwähnten Zusatzes. Derselbe wurde von der Versanunlung einstimmig angenommen. Der Name des Vereines bleibt jedoch derselbe. Mit der Annahme dieses Zusatzes beginnt für die Cantoren Deutschlands eine neue Aera. Es rvird nun an den Cantoren liegen, sich der „Hilfscasse" auzuschließen, um nicht allein die materiellen, sondern auch die Standesinteressen zu fördern. Bei der nun vorgenommenen Vorstandswahl gingen als gelvählt hervor die Herren Cantoren: Friedmann-, Rosenthal-, Epstein-, Dubowsky-, Lewit-Berlin, Schöriberger-Potsdam, Sarasohn-Stettin. Als Rendant und Schriftführer wlirden Herr Emil Benjamin und Lehrer Flanter, und als Revisoren die Herren Göttinger und Braun gewählt. Nach der Wahl richtete Herr Dr. Stern einige beherzigenswerthe Worte an den neuen Vorstand und wünschte der „Hilfscasse" unter der neuen Leitnng ein gutes Gedeihen. Alsdann »vurde auf Antrag des Herrn Brünn eine Coinmission, bestehend aus den Herren Zustizrath Dr. Stern, S. Brünn, Zulius Cohn, Friedmann, Schönberger, gewählt, welche die angebahnten Verhandlungen mit dem Gemeiildebund an de»n „Gemeindetag" fortsetzen sollen. Herr Obcrcantor Sarasohn dankte zum Schlüsse in schwungvollen Worten dem alten Vorstand für sein überaus »varmes Interesse, »velches er viele Jahre dem Verein entgegenbracht hat, und schloss mit einem kräftigen Hoch auf den Vorstand, in das die Versanimlnng einstimmte. Nachher fand ein gemüthliches Beisammensein statt. Bei der Constituirung des Vorstandes wurden Friedrnann als erster Vorsitzender, Schönberger als zweiter Vorsitzender, Benjamin als Rendant, Flanter als erster, Dubowsky als zweiter Schriftführer gewählt. Zum Ehrenpräsidenten wurde in Anbetracht seiner großen Verdienste u,n die „Hilfscasse" Herr Zustizrath Dr. Feodor Stern ernannt. Nisssm Älumentha». Am vorletzten Freitag durchlief ganz Odessa wie ein Blitz die Nachlicht von dem Ableben des populärsten Cantors seiner Zeit, Nissim Blurnenthal, welcher ain Abend vorher iin hohen Alter gestorben war. Alles »var niedergeschinettert und überrascht, da nie»na>»d inehr an dem Tode Methusaleins glauben wollte. Ein Menschenstrom ergoss sich zur Wohnung Blumenthal's, wo der Stolz der Ge»nei»»de schon tm Sarge ausgebahrt lag. Der Vorstand halte beschlossen, das Leichenbegängnis bis Sonntag den 27. Jänner, 1 Uhr Nachmittags, aufzufchieben. Sainstag, der auch u>-nn twn ml? »var, »vurde alle Gesänge Blumenthal's aufgeführt. Viele Thränen der Pietät »vurden »vährend des Gottesdienstes vergossen, und als Schreiber dieser Zeilen das berührnte Blumenthnl'sche wn ri'ao 1'ddS '•yny nrm mit besonderem Pathos betonte, da schluchzte die ganze Gelneiude.. Sonntag um 12 Uhr verwandelten sich einige Hauptstraßen, durch welche der Leichenzug passireu musste, in einen förmlichen Belagerungszustand. Meileulveit bildete sich ein tausendköpfiges Spalier, außer der unzähligen Menge, die dem Leichenzug sich augeschlosfeu hatte. Vergebens bemühte sich ein ganzes Regiment von Polizisten und Gendarmen, das Publikum zurückzuhalten, jeder »vollte dem berühinten Manne die letzte Ehre beweisen. In den Brodier Ten»pel, wo Blurnenthal »nehr als 52 Jahre fungirt hat, »vurde der Sarg von den Notabeln der Gemeinde hineingetragen, »voselbst Schreiber dieser Zeilen samnil dem Chorpersonale einen Trauerchoral execntirte. Bon hier aus bewegte sich der Leicheirzug begleitet von allen Cantoren und Chören der Haupttempelu unserer Stadt unv einer zahllosen Trauergemeinde unter Absingung der üblichen Liturgien schritttveise nach den» Friedhose. Am Gottesacker angelangt, ergriff Rabbiner Dr. Pomeranz das Wort, uin die hervorragende Persönlichkeit des Dahingeschiedenen, des '22, wie er ihn nannte, nach allen Richtungen als Menschen, Gelehrten, Philanthropen zu schildern, ohne auch feine musikalische Bedeutung zu lvürdigen, die zu beurtheilen, der Redner sich nicht genug cornpetenl fühlte. Nach Absingung der Psalinen »vurde der Sarg, zu Grabe getragen, »voselbst Schreiber dieser Zeilen im Namen der Cantoren und als Aintsnachsolger des verblichenen Meisters ungefähr folgende Abschiedsrede hielt: „Wenn Leute ohne Güter und kinderlos, wie Blulnenthal, die Welt verlassen, pflegt inan sie gewöhnlich zu fragen r 12p na •p nawr »3 ,na 'S» na p no Dieser schreckliche Vorwurf kann hier unter keinen Umständen anzewendet »verden. Jeder gewöhnliche Mensch, der ein so gerechtes Leben wie der Verblichene geführt hätte, würde schon nicht mehr kinderlos sterben, da d'3® d'PJWö D'p'isr bu> a-TirnW» Es sind aber noch geistige Kinder des Verblichenen da, deren Zahl Legion ist. Ein Mann, der der Vater der jüdischen Liturgie in Rußland ist ein Mann, der so viel Poesie und heilige Aesthetik in den jüdischen Synagogen gepflanzt hat, ein Mann, der in seinem. Munde die Schlüssel von Freuden und Leiden geführt hat, ein.

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