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Die Wahrheit · 1902-01-03 · Heft 1 (3.1.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 1 (3.1.1902)
Date
1902-01-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die lvahryeu. Nr. 1. Lehrpläne des israelitischen Religionsunterrichts dürste sich nun auch nicht eine einzige Stimme mehr erheben. Dass sich diese Einsicht in so weiten Kreisen Bahn gebrochen hat, verdanken wir sowohl einem bessern Urtheil über unsere gegenwärtigen Zustände, wie nicht minder der Vertiefung unserer geschichtlichen Erfahrungen. Welche Zeichen des bedrohlichen Verfalles sind nicht in jenen Gemeinden zu Tage getreten, in welchen man seit Jahr und Tag kein Hebräisch mehr in den Schulen gelehrt hat. Das Judenthum ist dort geradezu in den Zustand einer galoppirenden inneren und äußeren Zersetzung eingetretcn. Bei besserer Verwerthung unserer geschichtlichen Kenutniße hätten wir uns diese derbe Züchtigung, die der Lauf der Zeiten uns gegeben, eigentlich ersparen können. Das alexandrinische Judenthum der alten Zeit hätte uns da als warnendes Beispiel dienen sollen. Es war damals, als das alte Rom seine eiserne Hand auch auf unser Volk legte, also 100 Jahre vor Beginn der bürgerlichen Zeitrechnung, sowohl an Zahl wie au Wohlstand, fachmännischer' Bildung und allgemeiner Cultur der Judenheit des Mutterlandes weit weit überlegen. Es beherrschte die zahlreichen Gemeinden des vorderen Asiens wie die in den Ländern des Mittelmeerbeckeus. Von den furchtbaren Heimsuchungen, die von Rom über unser Volk ausgiengen, wurde es meist gänzlich verschont. Wie ist es dennoch, einmal in den Wirbel der Ereigniße hiueivgeriffen, spurlos in demselben untergegangeu! Das war bis zu dem Maße der Fall, dass sin den weitesten Schichten des jüdischen Volkes bis an die Schwelle der modernen Zeit nicht einmal eine Erinnerung von seinem ehemaligen Bestände und seiner herrlichen Blüthe sich erhalten hat. Erst die moderne Geschichtsforschung hat die Kunde davon aus dem Schutte alter Dokumente hervorgeholt und mit Entsetzen uns erkennen lassen, wie unerbittlich die Geschichte an denjenigen sich rächt, die sich an ihrem Geiste versündigen. Das alexandrinische Judenthum suchte diesen Fehler womöglich noch zu überbieten. Nicht damü zustieden, dass es dem Judenthum den Geist ausgetrieben und ihm an dessen Stelle einen griechischen eingepßümzt, es ging in seiner Verblendung noch weiter, indem es ihm den urwüchsigen Leib, die hebräische Sprache, abgestreist und an dessen Stelle einen zierlichen, griechischen gegeben hat. Nachdem man solcher Maßen Leib und Geist dem Judenthum geraubt, blieb nicht viel mehr als eine formlose todte Masse zurück. Die aufstrebende Kirche hat das auch ganz richtig anerkannt und dieselben als Dünger benutzt, um in der wetten heidnischen Welt ihre Felder damit zu bestellen. Der Beweis ist augenscheinlich. In der hebräischen Judenheit konnte sich das Christenthum nicht behaupten, daher denn auch die in hebräischer Sprache abgefassten Urschriften der Evangelien sich nicht erhalten haben. In der griechischen Judenheit konnte sich wiederum das Judenthum nicht behaupten, daher denn diesem auch die Erhaltung der griechischen Ueberfetzungen jener Evangelien zu danken ist. So hatte denn das Judenthum wieder einmal den Dünger abgegeben, mit welchem andere ihre Aecker zu einem üppigen Gedeihen brachten. Nur hierauf ist das noch heute wie ein unlösbares Räthsel vielfach erscheinende Wachsthum der Kirche in den beiden ersten Jahrhunderten nach ihrem Entstehen zu erklären. Sie konnte an keinem Orte, wo es nicht zuvor alexandrinische Judengemeinden gab, Wurzel fassen*). Welchen Dank dieselbe dem Judenthum für seine Liebesdienste erwiesen hat, mag hier unerörtert bleiben. Wollten wir uns nicht zum zweitenmale der Zukunft und der Geschichte gegenüber an den Pranger stellen, so war es gerade noch an der Zeit, dass wir in andere Bahnen einlenkten. (Fortsetzung folgt.) *) Bergleiche hiezu noch die geistreichen Auseinandersetzungen, die mein Vater y'jjy in seinem Werke milT 71212/1 8U Joma Fol. 31 giebt. Äudenthunr und jüdische Religion. Von B. Felsenthal. II. 1. — Der Jude wird als Jude geboren. Nicht erst durch irgend eine Aufnahmsceremonie wird ein jüdisches Kind Mitglied der Gemeinschaft der Juden, und nicht durch einen Act seinerseits vermag der Jude aus dieser Gemeinschaft heraus» zutreten. Er ist und bleibt ein Jude bis an sein Lebensende infolge seiner Geburt. — Wie oft schon wurde dieser Satz in neuerer Zeit nachgesprochen, ohne dass man dessen eigentlichen Sinn begriffen und dessen Tragweite verstanden hat! Wenn Aub, Einhorn und andere in ihren Katechismen, wenn Jellinek, Stein und andere in ihren Kanzelvorträgen, wenn eine ganze Anzahl hervorragender jüdischer Theologen in zahlreichen wissenschaftlichen Gutachten und sonstigen Artikeln diesen Satz mit entschiedener Billigung und mit scharfer Emphase betonten, so waren sie — und sie waren sich dessen bewusst — vollkommen im Einklang mit einer von der Wissenschaft der Ethnologie anerkannten Thatsache und mit dem Lehrinhalt des Judenthums aller Zeiten. Diese Thatsache und die ihr entsprechende Lehre ist: Die Judenheit ist ein besonderer Stamm, und jeder Jude (selbstverständlich mit Ausnahme der Proselyten) wird in diesen Stamm hineingeboren. 2. — Was zunächst die Wissenschaften der Ethnologie und der Anthropologie betrifft, so lehren sie es als Grundwahrheiten, die fast axiomatische Geltung haben, dass jeder Mensch als eine individuelle Persönlichkeit in die Welt eintritt. Zugleich ist er aber infolge seiner Abstammung ein Kind seiner Eltern — ein Glied des weiteren Verwandtschaftskreises — ein Angehöriger der Familie — der Sippe — des Stammes — und zuletzt der Gesammtmenschheit. Das ist Naturordnung, und daran ändert unser persönliches Meinen oder Behaupten auch nicht das Allergeringste. 3. — Nun zum Lehrinhalr des Judenthums in früheren Zeiten! Nach der Bibel waren die Juden, oder richtiger: die Nachkommen des Patriarchen Jacob, ganz gewiss ein besonderer Stamm. Die Völkertafel im elften Capitel des ersten Buches unserer Thora enthält den Stammbaum des Patriarchen, und sie und ihre Nachkommen sind darin als Bene Schern, als Semiten bezeichnet. Andere daselbst ausgezeichnete Völkerstämme, oder deren angebliche Urstammväter, galten als Chamiten oder Japhetiten. Da in dieser biblischen Ethnologie die ganze Menschheit als von Noah abftammend anfgefasst wird, so werden auch alle Menschen Bene Noach, Noachiden genannt. Und insofern diese die sieben noachidischen Gebote beobachten, sind sie in einigen Punkten von der Halachah höher gestellt worden, als jene anderen Noachiden, welche dem groben Götzendienst fröhnen. 4. — Die Eintheilung der Menschheit in Semiten, Chamiten und Japhetiten galt während des ganzen Mittelalters und bis in's achtzehnte Jahrhundert herunter als sachlich richtig. Wie die scholastischen Philosophie-Systeme, die der Juden sowohl die der Christen, so konnten sich auch die Realwiffenschaften nicht frei machen von der erdrückenden Herrschaft der „Königin aller Wissenschaften", der Theologie, und so blieb diese biblischethnologische Eintheilnng der Menschheit fest und unangetastet bis in die Mitte des vorvorigen Jahrhunderts. 5. — Wenn nun auch, wie von namhafter Seite gesagt worden ist, in der Litteratur das Wart „Semiten" vor dem achtzehnten Jahrhundert wirklich nicht auffindbar sein sollte, so waren jedenfalls Aequivalente dafür in Gebrauch, da ja der Begriff und die dem Begriff zu Grunde liegende Sache seit dreitausend Jahren vorhanden waren. Ln pasoant, auch Antisemitismus, Begriff und Sache ist uralt. An dieser feststehenden Thatsache wird nichts geändert, falls es vielleicht auch richtig sein sollte, dass das Wort Antisemitismus erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts von Renan gemünzt und in Umlauf gesetzt worden sei. Gewiss, der edle, echt humane, mildgesinnte Renan war nicht der Vater des realen Antisemitismus,

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