Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 45 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Oie XDabrbeil. Seite 9. treten, um so bald als möglich die Wiener Beschlüsse in die That zu übersetzen; dann wird vielleicht die Frage anzuschneiden sein, welche Maßnahmen zu ergreifen sind,um dem particularistischen Unwesen innerhalb des jüdischen Gottesdienstes stach und nach, aber ein für alle Male ein Ende zu bereiten. - Bei dieser Gelegenheit möchte ich insbesondere betone», dass der Deutsch-Israelitische Gemeindebund zu dem Punkte einheitlicher Gesänge im Gottesdienst bereits*vadurch Stellung genommen hat, dass er in überaus munificenter Weise das Werk „8obir Lischlomo“ von Obercantor Friedman n-Berlin protegirt hat. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat damit in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben, 'dass er willens ist, der Träger cultureller Bestrebungen zu sein, und er hat bewiesen, dass er es im hohen Maße verdient, den Dank der gesammten Cantorenwelt in Empfang, zu nehmen. Herr Obercanlor Friedman» aber hat sich mit seinerumfangreichen Schöpfung den Kranz eines hervorragenden Verdienstes gewunden, und es wäre zu wünschen, dass die Anerkennung seines Werkes durch eine möglichst große Verbreitung desselben ihren praktischen Ausdruck fände. Um aber wieder zu meinem Ausgangspunkt zurnc^ntehren, möchte ich in Bezug auf den Universalismus in Gestalt der Solidarität innerhalb des Cantorenstanres noch auf eines aufmerksam machen. Wir haben in der „Allgemeine n Ca nto r en-Zeit un g" ein Fachblatt, wie es gar nicht besser gedacht werden kann und um das wir von anderen Bernfs- Genossenschasten thatsächlich beneidet werden. Seine Leitung ist ganz vorzüglich, und die Gewähr für ein richtiges Verständnis aller camoialen Fragen ist schon dadurch geboten, dass neben dem verdienstvollen Chefredakteur Dr. L ö w y auch Herr Obercantor Bauer als Fachmann mit an der Spitze des ausgezeichneten Blattes steht Wenn nun die geplante Organisation in ihrem vollen Um'ang zustande kommen soll, so ist nndedingl nötyig, dass wir fammr und sonders Abonnenten und Leser unseres Fachblattes sind, damit wir in die Lage versetzt werden, immer auf dem Laufenden zu sein, um mitznverarhen und mitzuhalten, namentlich wenn es sich darum handelt, die ersehnte Zeit des cantoralen Universalismus herbeizuführen. (Fortsetzung folgt.) Zum dritte« und jnm letzten Male: „Religion und Kunst " Beim Erscheinen der jüngsten Nummer dieses Blattes war mein vorstehender „Brief aus Deutschland" bereits in Wien. Ich wäre indessen auf „die Stellung des Rabbiners und des Cantors zum Gottesdienste" nicht noch einmal zurückgekommen, wenn nicht in den Ausführungen des Herrn Collegeit M i nko w s ky-Odessa ein unberechtigter Angriff auf den Rabbinerstand überhaupt enthalten wäre; meine Darlegungen gaben gewiss keine Veranlassung, einen solchenhe rvorzurufen. Dass der Ausdruck „religiöse Färbung", für den vielleicht beffer „religiöser Charakter" hätte gewählt werden können, dazu benutzt würde, um dem Rabbinerstand überhaupt Farblosigkeit vorzu werfen und gar einzelne Rabbiner in diesem Sinne namhaft zu machen, konnte ich wahrlich nicht ahnen. Desgleichen, dass zur Widerlegung meiner Worte wiederholt hervorgehoben würde, dass ein jüdischer Gottesdienst auch „ohne Predigt" des Rabbiners stattfinden könne. Ich hatte in meinem Aufsatze von der Predigt überhaupt nicht gesprochen, sondern nur davon, dass die Aufgabe des Cantors ausschließlich darin bestehe, den Gottesdienst, wie er in religiöser Weise durch die Rabbinen gestaltet ist, würdig und möglichst künstlerisch auszuführen. Ob ein Rabbiner bei einem solchen Gottesdienst persönlich mitwirkt aber nicht, ist vollständig belanglos, und dies führt ja Herr Minkowsky selbst aus, indem er z. B. sagt, dass die Rabbinen, welche die „Jeschiba" oder das „Bethamivrasch" als Ort ihrer resigiösen Thätigkeit wählten, dort alle Details der Tephila ordneten. Was anderes ist damit gesagt, als dass von den Rabbinen der Gottesdienst feineftellt lauroe, dessen AusführunK allein demnach dem Cantor obliegt! — Auf die Bemerkungen betreffs meiner Anführung Baumeister des HeiligrhumS fei daran erinnert, dass ich dieselben erwähnt babe, nur um darauf hinzuweise», ' dassbei dem jüdischen Gottesdienste der Kunst immer Rechnurrg getragen wurde. Die Aufgabe derseknen mit der des Cantors zu vergleichen, lag lrer, wie ans meinem Aussatze hervorgeht, fern. Weit» sich aber . Herr Minkowsky veranlasst fühlt, außerdem noch den Phönizier Hi'.am auzumhren, so will ich dem hinzufügen, dass auch heute noch Nichtjuden als Baumeister u. s. w. zur würdigen und kunstvollen Ausführung des Gotteshauses Mitwirken können. Elberfeld, den 17. November. Hermann Zi v i. Verschiede«» Nachrichten. Wie». Vorige Woche wurde uns aus SikloS berichtet, dass der dortige Obercantor Klein an einer Lungenentzündung gestorben sei. Wie wir nun erfahren, beruhte diese Mtirbeilung aas einem Jrrthrzm und der Todtgesagte erfreut sich der besten Gesundheit, die ihm bis ins höchste Alter erhalten bleiben möge. ZSie». Der Fabrikant Carl Langsam feierte mit seiner Gattin Fanni, geb. Adler, am 15. d. M. das Fest der silbernen Hochzeit, aus welchem Anlässe dem Jubelpaare, das in allen Kreisen des S. u. 7. Bezirkes sehr beliebt ist und allgemein verehrt wird, viele Sympathiekundgebungen zutheil wurden. Herr Langsam gab auch in der Kulmbacher Bierhalle ein Festmahl für die Beamten und Arbeiter seiner Fabrik. Wie«. Frl. Jda Bresnitz-Freiberg. Tochter des Realitätenbefitzers Herrn Wilhelm Freiberg, hat sich mit Herrn Robert Politzer, Sohn des k. k. Hof-Juweliers Ludwig Politzer, verlobt. Wie». Freitag, den 13. d. M. fand in Baden das Leichenbegängnis des Herrn Oberlieutenant a. D. Moritz Levy statt, welcher im Alter von «8 Jahren nach längerer Krankheit verschieden ist. Der Verblichene war eine in Baden lehr beliebte Persönlichkeit unv auch in der Residenz sehr bekannt. Er zeichnete sich durch besonderen Kunst-sowie durch vielqe übten Wehlthärigkeitssinn aus. Sein ausdrücklicher Wunsch war es. dass die Stunde seines Leichenbegängnißes nicht öffeirtlich bekannt gegeben werde, damit keinerlei Betheiligung bei demselben stattfinoen solle; ebenso wünschte er, in streng ritueller Weise beerdigt zu werden. Trotzoem also nur die nächsten Freunde und Verwandten an dem Leichenbegängnis dieses edlen Mannes theilnahmen, hat Se. Hoheit, der Fürst Fervina nd von Bulgarien, es sich dennoch nicht nehmen lassen, «inen Vertreter zu entsenden. — Die Trauerfunct ionen versahen Rabbiner Reich und Cantor Schäfer. Oberlieutenant Moriz Levy entstammt einer sehr frommen Familie. Sein Vater war viele Jahre R bbiner und Chacham in Temesvar. Dessen Bruder, Herr Julius Levy, ist ein hochgeachtetes Mitglied der Wiener Türkischen Gemeinde und hält ebenfalls an allen traditionellen Gebräuchen fest. Herr Julius Levy erhielt anlässlich des Ablebens seines Bruders nahezu 200V Trauerkundg<bungen von Rah und Fern. Lemberg. Nach etwa sechzehnjähriger provisorischer Function wurde Herrn Obercantor Heilpern das lebenslängliche definitive Deere t zugestellt. Wir gratuliren den Anstellern wie dem Angestellten aufs herzlichste. — Noch sind zwei Bacanzen zu besehen, jedoch nicht mit Cantoren, sondern mit Chasanim, für die zwei große n Synagogen Lembergs. Als Bewerber für die Stadtsynagoge erscheint der 72jährige Sänger und Componist Herr Schorr, welcher bald 4 Dezennien an der städtisch. S ynagogen fungirte, dann wegen des schlechten Honorars nach Amerika auswanderte. nun wieder in seine Heimat zurückgekehrt in und noch immer Unglaubliches an den hohen Feiertagen geleistet hat. Die zweite Besetzung stößt auf ähnliche finanzielle Schwierigkeiten. Der einzige geschulte Chasan, Herr Jakob Weinwurm, ist aber auch der Einzige, welcher über gewaltige Stimmmittel verfügt und mit seinem Vortrag« Alles entzückt. Kein anderer als der Genannte kann dieses Beihaus mit seiner Stimme beherrschen. Achenhanfe«. <Baierni Frau Pauline Steinem in Toledo, Ohio Amerika, Tochter des hiestgen Canto rs H. Perlmutter, ist am 14. October von der dortigen städtischen Club-Bereinigung, zu der 23 Vereine mit 500 Mitgliedern gehören, als Präsidentin gewählt worden. Eine solche Auszeichnung ist dort bis jetzt noch keiner Jüdin zutheil geworden. Diese vortreffliche, geistig hochbeg abte Frau ist bereits jeit mehrere» Jahren Präsidentin des dortigen Frauenvereines, der den Zweck hat, für Unterricht, Ferien-Colonien und Bekleidung der armen Kinder zu sorgen. Im Februar vorigen Jahres folgte sie einer Einl adung nach Rew-OrleanS (ungefähr 100 Meilen von Toledo) von der Sektion des dortigen Frauenvereines zur Abhaltung eines Vortrages, welcher derart beifällig ausgenommen wurde, dass man ihr zu Ehren ein Bankett mit Musik veranstaltete. Auch gründete sie in Toledo einen jüdischen Litteraturverein, der schon die schönsten Blüthen gezeitiz: hat und. welchem fie ebenfalls vorsteht. Das Bestreben dieser edlen Frau ziele hauptsächlich darauf hin, die Principien der jüdischen Religion als Norm und Gesetz für die ganze Menschheit hinzustellen, welche so» den Bekennern aller Religionen beachtet werden sollten.