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Die Wahrheit · 1901-11-22 · Heft 45 (22.11.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 45 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion.11. Administration Wirn, H/I. Novaragaffe 27 Jt. k östrrr. Postsparcassa : Th«0»Eontö - Nr. 846-251. ^' > » s» r a t » : 20 HrUrr vrr No»p»rrillr-.^«tlk. M»onn«mr,it»- »nd Insertion«» . . firlrägr find in Wien zahlbar. rttjügspr«»: «. 12. »an,Mr,g HalbjShrtg Für Lultns beamte »anzjilhrig ... K. IO. Für Ausland: «an,jährig .... 8 Statt 8 Rubel »der 18 Frr». ist für Mische len. Erscheint jeden Freitag. Mott» : .Da» Siegel Gottes ist Wahrheit! Nr. 45. Men, 88. November 1901. Inhalt r Wo sind denn die 800.000 Juden Galiziens? — Versammlung der israelitischen Distriktspräsidenten. — Moderne Krankheit. — . ErinnerunqsblStter. — Gemeindennd Vereinsbote. - Allgemeiner Cantorenverband. — Briefe aus Deutschland. — Zum dritten und zum letzten Male: „Reliigion und Kunst.* — Verschiedene Nachrichten. ' Wir ersuchen die Könner und Ireunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Urovinz „Nie Wahrheit" zu verlangen. Die Redaction. Wo sind denn die 800,000 Juden Galiziens? Mitten am helllichten Tage, wo selbst das zarteste Wölkchen sich nicht erkühnte, den azurnen Himmel Lembergs zu trüben, ging uns die nahe an eine Million reichende Volkszahl der Inden Galiziens durch. Wohl nicht nach Zion, noch weniger aber nach der westlichen Hemisphäle. und doch geschah das Wunderbare. Gehen wir nun auf die Suche nach unseren Brüdetn. In Lemberg, der schönen Zukunstskönigsstadt der Polen, vollzog sich dieses große Wunder» . Dort, unweit vom ehemaligen Jesuitengarten befindet sich der Laudtagspalast, der den Landmarschall beherbergt. Dieser residirt in einem herrlichen Gebäude, welches mindestens zum Drittel vom Schweiße der 800,000 Juden erbaut wurde und erhalten wird. Ein gräfliches Individuum löst das andere in dieser Würde und im Geldnehmen ab, doch die Juden bleiben dieselben. Da vollzog sich ein ähnlicher Act vom Gehen und Kommen, und beide Marschälle vergaßen in ihren Ansprachen an das Vorhandensein der so herrlich ausgeprägten Typen der polnischen Juden. Beide Herrschaften sprachen nur von den zwei Brüderstämmen, welche in Galizien wohnen und die man brüderlich behandeln müsse. Wie man sieht, blieben die galizischen Juden den beiden obersten Würdenträgern in der kurzen Strecke vom Kehldeckel bis zum Lippenrand stecken. Jeder Laie, man muß dazu nicht gerade -Arzt sein, wird nun die'Frage aufweisen, wie es zuging, dass die großen Herren so schadlos und schmerzlos die polnischen Juden verschlucken konnten? Die Antwort auf diese Frage gab bereits ein anderer polnischer Magnat, der Exstatthalter Agenor . Gras Goluchowski. der den Prediger Dr. Löwenstein in Lemberg ans lmiler Judenliede mit der sympathischen Redewendung abschlachtete: die Juden sind ein schlammiges Volk. Auch wir bedauern es aus tiefster Seele, dem lohten Löwen in Einigem beistimmen zu müssen. Jawohl, die Juden Galiziens, geführt von den Männern der Assimilation, haben ihre altgerühmte Nackenfestigkeir verloren. Das ist wahrlich ein großes' Unglück, aber der Unglücke größtes ist der Vertust der Köple, welche aus den starken und steifen Nacken zu sitzen «nd fest zu sitzen pflegten. Durch die verderbliche, unterwürfige und verwerfliche Politik, die unser Volk seit zwei Jahrzehnten treibt, hat es jeden politisch reisen Bürgermuth und Bürgerfinn eingebüßt. Betrachten wir die Bielregiererei in Galizien, welche nur der polnischen Sache in spe zu dienen scheint, ferner die hässliche, selbstbesudelnde Antisemiterei des deutschen Volkes und die Begünstigung alles dessen, was polnisch ist, seitens der Wiener Regierung, dann bleibt freilich dem Juden nichts übrig, als seinen Rücken zu krümmen und zu glauben an die Unsterblichkeit der polnischen Alleinseligmacherei und den Willen des Allmächtigen, der uns wohl herausgeführt ans dem alten Ghetto, aber uns unterworfen hat dem moderner Robott einer Padszczypna in Galizien. Ein großer Trost ist wohl den Juden geblieben! Der Landmarschall Graf Potockr versicherte der Leinberger Cultusrepräfentan; und ihren Rabbinern, dass er für die Gleichberechtigung aller Culte sei, und entließ rasch die ihm so lieben Zydziki. Eigentlich sollte man den gräflichen Marschall fragen, womit er denn seine unendliche Güte und Milde für den jüdischen Cultus zu beweisen in der Lage ist. Vielleicht damit, dass er die Miklvoth functioniren lässt, oder sonstige rituale Berhältniße, wie den gemischten Chor, die Orgel im Tempel auf dem alten Fischplatz duldet und uns schließlich die Gnade gewährt, einen eigenen jüdischen Friedhof ungestört zu besitzen? Diese Freiheit der Culte, hochvermögender Herr Landmarschall. haben schon Jahrhunderte.vor Ihnen unsere Vorfahren mit schwerem Gelde erkauft! Was wir aber von der autonomen polnischen Regierung verlangen, ist keine Gnade — sondern unser gutes Recht, als Bürger zu leben und an allen Benefizieu des Landes und an allen Aemtern, auch den bezahlte», zu partizipiren. Ob der galizische Landtag zu jener Höhe der Auffassung sich aufschwingen wird, ist freilich zu bezweifeln. Rach den vorliegenden Ergebnißen der vor kurzem vollzogenen Landtagswahlen muß man eher zur Verzweiflung neigen. Und besonderen Grund hiezu gibt noch die Corruption und die politische Deroute, welche unter unseren Brüdern in Galizien herrscht. Jene Corruption, die der jüdische-. Bürger mit frei* wichtigsten Scheine seiner Bürgerschaft, dem, Wahlzettel, treibt; jene Corruption ferner, welche darin besteht, Lass jedes politische Gemeingefühl durch Geld und leere Worte m das Einzelgefühl weniger Männer nnd in das Gegentheil der bestehenden Berfaffungsrechre umgetauscht wird. Niemals hätten die Schlachzizen j[flte Gewalt über Galizien und jenen Einfluss über Gesammtisterreich erlangt, wenn die Juden von einer centralen - politischen Leitung, wie etwa von einem Landesvereine, zu gemeinschaftlichem Schutz

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