Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 44 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 44. Die Wahrheit. Seite S. Anordnungen volles Vertrauen zu haben. Wenn sich die Nothwendigkeit herausstellt, würde dann später in Berlin die Centrale für Deutschland gebildet werden. Sämmtliche Anwesende, mit Ausnahme des Herrn Singer» wannRatibor, der sich infolge . derBähr'schen Verhandlungen vorläufig anderweitig gebunden fühlt, erklärten sich nun bereit, dem Allgemeinen Cantorenverkand beizutreten, resp. dessen Zweigverein, den Schlesischen Cantoren-Verband, zu.bilden. Die Vorstandswahl wurde per Acclamation erledigt und ergab folgendes Resultat: Davidsohn-Gleiwitz 1. Vorsitzender, Singer-Kattowitz Vorsitzender-Stellvertreter, de Beer-Beuthen Schriftführer, Tininer- Bunzlau Beirath, Sommerfeld-Lieguitz Beirath. Die drei Erstgenannten nahmen die Wahl dankend an und versprachen, nach besten Kräften ihre Thätigkeit für den Verband einzusetzen. Der Vorsitzende verliest noch die Namen folgender Herren, welche, da sie persönlich am Erscheinen verhindert, schriftlich ihre Zustimmung bekundet hatten, somit als Mitglieder des neu gegründeten Verbandes zu betrachten sind, und zwar: Fränkel- Glogau, Friedland-Breslau, Ledermann-Bernstadt, Rvsenthal- Breslau, Cohn Kreuzburg, Tintner-Bunzlau, Sommerfeld-Liegnitz, Bernstein - Antonienhütte, Kantstein - Neumarkt, Rawitscher- Schweidnitz, Baruch-Oels, Brock-Hirschberg, Cerini-Breslau, Liebel-Leobschütz, Rochotz-Militsch, Jawitz-Minsterberg, Cohu- Sagan, Nathan-Rybnik, Ehrlich-Oppelu, Kantorowsky-Loslau, Hirsch-Grünberg, Gerling-Görlitz. Nach einem Schlusswort des Vorsitzenden wurde die Verfammlung geschlossen. Die Theilnehiner begaben sich darauf in Schäfer's Hotel und blieben bei einfachem Mahle, das aber durch launige Reden und Vorträge gewürzt wurde, noch längere Zeit beisammen. Dass die neue Gründung eine segensreiche Thätigkeit zur Folge haben möge, ist unser Wunsch. u'T nrtani «n nbpn Leopold de Be ex Schriftführer des Schlesischen Cantorenverbandes. tlachkläuge des Cantorentages. Von P. Minkowsky, Obercantor in Odessa. III. Bei dieser Gelegenheit sehe ich mich auch veranlasst, gegen den verehrten College» Zivi-Elberfeld Stellung zu nehmen, welcher anknüpfend an einen in einem Toaste des Herrn Rabbiners Dr. Frank in Köln, anlässlich des Jubiläums des geehrten College» Blumenthal, ausgesprochenen Gedanken die Behauptung ausstellte, dass der jüdische Gottesdienst aus Religion und Kunst bestehe und dass der Rabbiner der Vertreter der ersteren, der Cantor hingegen der Vertreter der letzteren sei. Im Toaste mag diese unglückliche Phrase ganz hübsch und geistreich geklungen haben, als ernste Behauptung verdient sie jedoch entschiedene Zurückweisung, ebenso wie die späteren Ausführungen des College» Zivi in seinem Aussatze „Religion und Kunst". In diesem letzteren wurde unter anderem behauptet, dass die Rabbiner den Gemeinden die religiöse Färbung verleihen. Abgesehen davon, dass diese Behauptung gar nichts sür die Richtigkeit der Theorie der Zweitheiluug des Gottesdienstes beweist, entspricht sie gar nicht den Thatsachen. Das echte alte Judenthum hat überhaupt nie nach äußerer Färbung gestrebt, hellenische Schminke war ihm nicht eigen. Die alten Rabbinen haben dem Jndenthnm inneren Geist gegeben, die Aeuen dagegen versuchen es mit äußere»» Färbungen. Aus persöltlicher Erfahrung und Berührung mit allen mögliche»''farbigen mrd reformirten Rabbinern in America kann ich hier aber constatieren, dass die meisten Repräsentanten der verschiedenen Färbungen nicht selbst die Farben gegeben haben, sondern von ihren Gemeinden nach Belieben gefärbt wllrdeir, und ich habe Rabbiner kennen gelernt, die ihre Färbe »me Wäsche »»ach Verlangen gMechselt haben. Unter diesen RäbÄner»» sind Cäpaeitätenwie Hübsch, Gottheit, Köhler, Kohut, Silbermann rc. zu nennen, und die Zahl der Jünger ist Legion. Zwar sind die Berhältniße des Judenthums in Europa beiweitem nicht so extrem wie in Amerika, aber nichts destoweniger sind mich hier die Gemeinden bezüglich der Färbung ausschlaggebe,»d. Der Hinweis ans das ztveite Buch Mose Cap. 3, Vers 1—11 ist höchst unlogische Dort wird erzählt, dass-Moses den Bau des Tabernakels de»» geschickten Baumeistern Bzalel und Oholiab anvertraut habe. Was hat dies aber mit der Zweitheilung des Gottesdie»»stes und mit der Stell»mg des Rabbiners und des Cantors in demselben zu thun? Ebensogut könnte der Umstand, dass Hiram Abis sehr viel zum Bau des Teinpels Salomons beigetragen hat, als Beweis dafür dienen, dass der der Cantor ein Heide und durchaus ein Phönicier sein muß. Aber die These, die den Cantor blos als Künstler und den Rabbiner als alleinigen Träger des religiösen Theiles des Gottesdienstes hi»»stellt, ist nicht nur ein Angriff auf die Bede»»tu»,g und das Wesen des Cantorates, sondern auch eine missverstandene Auffassung der Tephilla überhaupt. Was mache» denn die Gemeinden, denen der Luxus einer Predigt gänzlich fehlt (und ihre Zahl ist doch Legion) mit ihrem Gottesdienste? Wird Herr Dr. Frank vielleicht diese Gemeinden als religionslos zu declariren wagen? Gleich nach dem Auftreten einer göttlichen Idee hat der Mensch zuerst zu opfern und bald darauf zu beten begonnen; zuletzt hat er auch zu forschen angefangen. Kain und Abel opferten, Enosch betete, Noah opferte, Abraham opferte und nachher betete er, Isaak betete, und erst Rebeka begann zu forschen. Die Tephila der Juden in» Geiste Jahves kam zusammen »nit der Geburt des Monotheismus zur Welt. Allein, so lange der Opfere ultus, der noch älter als der Moltotismus ist, ganz und gar als Gottesverehrung galt, war die Tephila Nebensache, Eigenthurn des ei»»zelnen Jndividumns im Mome»»te der höheren religiösen Begeisterung. Erst späterhin, als der Reiz des Thiercultits im Volte abgenommen hatte utib die politische Stellung der Juden während des zrveiten Tempels in stetigen Schwankungen war' und zur Befürchtung eines zweiten Nationalunglücks Anlass gab, sahen sich die Leiter der großen Versammlung geztvungen, den Wortcnltus, d. h. die Tephila zu norlniren, »nit einer fixen Zeit, wie a»»ch einen speciellen Vorbeter, der schon mit der Ausrichtung des zweiten Tempels seine Function begonnen hat. Um die Tephila imtev dein Volke beliebt zu machen und als vollkominenes Aequivalent für den ceremoniösen Opferdieust aufzustellen, machten sie sie ganz vom Gesänge abhängig, indem sie sagten: nbsn anrw nn mpaa". Seit damals gingen „Rinah" »md „Tephila" Hand in Hand und bildeten bis heute ein aus Religion und Kunst entstandenes Ganzes zur Verherrlichung Gottes. Das Reden in den Synagogen, und noch dazu während des Gottesdienstes, »var in alten Zeilen unter den J»»den »»»»- bekannt, es hat vielmehr seinen Ursprung i»n Christenthum. Wie der Prophet des ersten Tempels nie »nit dem Priester am Gottesdienste theilgxnommen hat — seine Predigten waren unabhä»»gig von Zeit und Ort und galten als Gotteslehre, keineswegs aber als Gottesdienst — wie die Sopherim des zweiten Tempels, obwohl sie ihren Sitz im „Lischath Hagasith" hatten und selbst dem Hohenpriester Instructionen in seinen» Ritus ertheilten jedoch nie die mindeste Betheiligung an» Gottesdie»»fte für sich beanspruchten, so »vählten ihre Nachfolger, die Rabbiner, in der Zeit der Diaspora (und auch früher) die „Jeschiba" oder das „Beth» hamidrasch" als einzigen Ort ihrer religiösen Thätigkeit. Dort ordneten sie zwar alle Deta ls dcr Tephila, nie aber dachten sie daran, den religiösen Theil der Tephila, ohne rvelchen die Tephila sinnlos bleibt, für sich (durch Rede»») in Anspruch zu nehmen. DasBeth han»idrasch wie das Beth-hak»»eseth waren beide Religionsstätten, mit dem Unterschiede. dass dort Gotteslehre (min) durch den Rabbiner den Me»,scheu verkü»»det, und hier Gottesdienst (map) der Menschen durch den Barbeter verrichtet »vnrde. (Fortsetz»mg folgt.)