Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 43 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redartion u. Administration! Wien. 11/1, Novaragaffe 27. St. k Bfterr. Postjvarcaffa Anabhängige Heiischrift für Mische Lezagspwi»: Ganzjährig . . K. 12.— I Halbjährig ... St. 8.— Check.Conto Nr. 848.251. L»s»r»le: Interessen.! Für Luttusbeamte: i Ganzjährig ... St. 10.— j 20 Heller ver Noavareille-Zetle. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland:! Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig .... 8 »art . betrüge sind in Wien zahlbar. Mott»: »Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oder 18 Freb.! . j Nr. 43. Wien, 8. November IM. Anwalt r Die Schule, die ich meine. — Aus der Wiener CultuSgemeinde. — Erinnerungsblärrer. Jüdische Aerzte am Sultanshofe. — Litteratur. — Anschluss an den allgemeinen Cantorenverband. — Nachklänge des Cantorentages. — Verschiedene Nachrichten. — Das Kaddischgebet — Wir ersuchen die Könner und Freunde unseres Mattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Urovinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Die Redaction. Die Schule, die ich meine. Von Dr. Rüben Vierer. Die Schule, die ich meine, kann keine andere sein, als diejenige, welche unser Volk zu einem nationalen Ganzen macht, ja noch mehr! Unser Volk muß, so lange es ihm von der Vorsehung auferlegt ist, das Brod der Diaspora zu essen, seine Nachkommenschaft in eigene» Schulen erziehen. Zunächst muß der Jude sein Kind lehren, das Judenthum und seine nationale Weltanschauung erfassen, denn dies ist uns von unserem großen Lehrmeister Moses auferlegt worden, als derselbe mit uns den göttlichen Bund am Horeb geschlossen hat: taurott ziwoh. lonu Mausche mauroscho kehilas Jaakow und darum müssen unsere Söhne wie unsere Töchter in die Disciplinen unseres Volkes eingeführt werden. Allein in der Diaspora und in den Ländern, die zumeist vou arischen Völkerschaften bewohnt sind, würde diese Erziehung, und möge dieselbe die glücklichsten Resultate liefern und die edelsten Menschen bilden, dennoch einen großen Fehler haben; denn es ist klar, dass uns eine derartige Erziehung nicht hinreichend für Alltagsleben vorbereiten würde, -und dies um so weniger, als wir dem Ghettoleben entwachsen sind. Unsere Erziehungsmethode muß daher eiue utraquistische sein, und in derselben Zeit, als das arische Kind mit Mühe nur ein Aequivalent geistigen Nährstoffes in sich aüfnimmt, müssen unseren Kindern zwei Aeqliivalente zugesührt werden. Durch das ganze schreckliche und grausame Mittelalter .glänzen wie Sonnen jüdische Uebermenschen, Männer sowohl als Frauen, ebenso sehen wir, dass junge Leute, welche von ihrer Kindheit bis zum Mannesalter einen langjährigen, gründlichen Talmudunterricht genossen hatten, mit großer Leichtigkeit andere und ihnen bisher' vollkommen fremde Disciplinen in sich auf« nehmen. - Gerade jene Chederkreise brachten der Welt Kraftgenies von Rabbi Mosche den Maimon bis Spinoza, Mendelssohn, Gerger, Philippsohn, Rappaport, Luzzatti, Steinthal und unMlige Andere. . Wir Juden also kennen und dürfen niemals auf eigene jüdische Schulen verzichten, in welchen das nationale Judenthum seine Pflege finbeii soll. Körperlich und geistig gut entwickelte Kinder sollen schon nach zurückgelegtem dritten Lebensjahre in eigenen Dardiga- oder Fröbel-Schulen zum hebräisch Lese» und hebräischem Alischaulingsunterricht angehalten werden, natürlich in spielender Weise. In diesen Kindergärten soll selbst bei den Spielen die jüdische Tendenz zum Vorschein gelangen. Zwei, höchstens drei Semester hätten die Kinder beiderlei Geschlechtes in denselben zuzubringen, um von dort in die Elementarschule ausgenommen zu werden. In dieser wird der hebräische Schreib¬ und Leseunterricht fortgesetzt und die Übersetzung ganz kurzer Sätze mit möglichst ein-, höchstens zweisilbigen Wörtern geübt. Der Thoraunterricht wird erst im dritten Jahre begonnen, zur Zeit als dem Kinde schon ein kleiner Sprachschatz und die unentbehrlichsten Sprachregeln eigen sind. In der dritten Classe wird der Unterricht in der Bibel begonnen, verburrden mit schriftlichen Uebungen. Der Lehrer versucht jeden biblischen Bers von seinen Schülern in eigenen Worten uachbiloen zu lassen. In der höheren Classe wird der Bibelunterricht und der Unterricht in geeigneten hebräische» Lese- und Uednngsbüchern fortgesetzt und dieser Unterricht an das weltliche Wissen eng angegliedert, so dass dem tüchtigen Lehrer die Excnrsion aus dem einen Gebiete in das andere möglich und zur Pflicht gemacht werden könnte. In der vierten Bolksschulclasse sollte neben dem Religionsunterricht noch ein anderer Gegenstand in der hebräischen Sprache vorgetragen werden. Nimmt man an, dass die Fröbel-Schulen den Kindern das für die erste Classe nöthige W ssen beibringen, so werden die vier Claffen ein bedeutend größeres Pensum als die christlichen Schüler absolviren. Die Mehrleistung des jüdischen Kindes ist kein Ding der Unmöglichkeit, und dies schon gar, als die christlichen Doppelfeiertage, nno zwar in Galizien die polnischen und ruthenischen, für die jüdischen Kinder Arbeits- und Lerntage sind. Hier sei der Ort, an welche,» ich mir die Kühnheit nehme, der allgemein giüigen pädagogischen Ansicht entgegenzutreten, dass man den Schulunterricht erst nach zurückzelegtem sechsten Lebensjahre und noch später beginnen dürfe. Zunächst fragen wir die Geschichte. Diese lehrt uns, dass die jüdischen Kinder den Dardiga-Unterricht nicht später als im vierten Lebensjahre begonnen. Hch habe freilich schon mit 3% Jahren damit begannen und meinem Melamed wurde von meiner unvergessliche»! seligen Mutter aufgetragen, mit mir das Kaddischgebet für meinen in jugendlichem Atter in ein besseres Jenseits eingegangenen Vater zn lernen und gleichzeitig den Dardigaunterricht bis zur Chumisch-Claffe vorzunehmeu. Bo» einer