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Die Wahrheit · 1901-09-13 · Heft 36 (13.9.1901) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 36 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 36. Sie Wahrheit. Seite 9. 3. An den Flüssen Babels (Ps. 137 — Nr. 116). 4. Bewohner schwanker LehmgebLude (wr yd w alte Melodie. — Nr. 43). 5. Der Welten Herr, Er hat regiert (— Nr. 112). 6. -(oSiy ]m — Nr. 97, S. 101). 7. Des Lichtes Bildner (— Nr. 112). 8. — — (“ilS zur Confirmation, gedichtet von Saalfchütz. — Nr.. 97, S. 95). 9. Dies ist die Thora (— Nr. 113). 10. Du sprichst zum Ewigen (Trauergottesdienst, veranstaltet vom Waisenhause 28. December 1862 (?) — Nr. 111). 11. Ein schönes Erb', ein Gotteslohn (weltliches Lied für gemischten Chor. — Nr. 119). 12. Er, von dem der Könige Heil kommt (nach der Composition des nyittYi fim", mit Streichquartett. — Nr. 115). 13. Erhebe Dich zu G.Yt, mein Lied (— Nr. 105). 14. Freudig hoffend (zur Confirmation. — Nr. 112). 15. Heil Dir, o Deutschland (nach der Composition eines w JWKP — Nr. 114). 16. Ich heb' den Blick zur Höh' empor (— Nr. 111). 17. Mein Blick schweift hin zum Bergesrand (—Nr. 111). 18. Nimm mich, o Gott, in Deinen Schutz (— Nr. 111). 19. Was sie glauben (zur Confirmation. — Nr. 112). 20. Zur Höhe ist mein Blick gewandt (— Nr. 111). Ebenso dürfen sein 'vn So und tovt YD W (erster im Druck, letzter lithogr.) nicht vergessen werden. Ich bin am Ende meiner Aufgabe. Dass die Mnsikivissenschaft, die Schönlitteratur sich Kaschtan's und Weintraub's bemächtigt haben, soll nicht unterdrückt werden. Der erste mir bekannte Musikhistoriker, der Weintraub's Gesänge heranzieht, ist der Engländer Carl Enge l, dem Prof. Oskar Fleischer alle seine Weisheit über hebräische Musik verdankt, ohne dass er es für nöthig hält, ihn einer Erwähnung zu würdigen. Ein Theaterstück »Der falsche Kaschtan" von Saphir, das unsere Altvordern im Anfang des vorigen Jahrhunderts erfreute, scheint verschollen, ist aber vielfach novellistisch ausgebeutet worden. Schließlich bleibt noch eine Schilderung von Karl Rose ukranz übrig, die ich am Ende wörtlich folgen lasse (Königsberger Skizzen, Danz. 1842, S. 276). „Das Gebetmurmeln, das Kopfbeugen von Alt und Jung macht leicht gedankenlos. Aber der Gedanke, dass hier die Psalmen gebetet werden, die nun Jahrtausende hindurch Millionen erquickten, wenn sie in Angst und Roth zu ihrem Gott schrieen, wie der Hirsch nach frischem Wasser, dieser Gedanke bemächtigt sich doch unserer Seele. Der Vorsänger Herr Weint raub weiß das Tremuliren der Töne wunderbar schön zu halten und hat seine Singknaben gut eingeübt. Ja, das ist der Jude! Jetzt winselt der Ton leise, demüthig suchend, bis zur Verzweiflung niedergedrückt. Er wird beinahe ein Wimmern. Der Knecht wirft sich nieder vor dem Herrn der himmlischen Heerschaaren, er hält sich nicht Werth, zu seiner Herrlichkeit aufzuschauen. Er zagt, ob ein so hoch über ihn erhabenes Wesen sich seiner wohl erbarmen könne. Ach, und er fühlt sich so in allen Knochen zerschlagen. Er ist schwach, krank. Seine Feinde siegen. Sie spotten seiner und seines Glaubens an Jehovah. Herr, wo bist Du? Da wendet sich der Ton plötzlich und schwingt sich mit einigen Sätzen hoch empor. Er jubelt, er ergießt sich in kraftvolle Ströme, deren Wogengetümmel ein Schmettern des Sieges ist. Zuweilen wird die Stimme plötzlich wieder weich. In langsamen Cadenzen, beinahe traurig, fällt sie herab. Sie erhebt sich, aber prosaisch. Es lautet wie ein Streit. Das Tremuliren wird zum Erbeben. Hin und her wiegt sich das geheimnisvolle, stoßweis mit Heftigkeit accentuirte Gemurmel, bis der dialogische Monolog endigt. Die Gewissheit bricht durch, bricht durch mit wahrer Trunkenheit. Der Herr ist Dein Gott und keiner mehr! Er wird Dich erretten. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sein Volk aus Egyptenland geführt, er, der Gott Deiner Väter, ist auch Dein Gott, Dein Hort, Dein Heil und wird alle Deine Feinde zu seinen Füßen legen! Da prangen die Töne nicht nur in triumphirender Freudigkeit, sondern sie taffen sogar einen an Fanatismus streifenden Trotz vernehmen. Mag es sein, dass Herr Wein t r a u b aus der neueren Italienischen Opernmusik, vielleicht aus Donizetti, manche Motive entlehnt, so glaube ich doch, dass er das Wesen der Psalmodie, den Sprung von der Ohnmacht znm höchsten Selbstgefühl wohl getroffen hat." Rosenkranz war einer der gelehrtesten Philosophen des vorigen Jahrhunderts. Ans seinem Nachlass kaufte ich Mich. Sachs' »Religiöse Poesie der Juden in Spanien" mit seinem eigenhändigen Vermerk: »Karl Rosenkranz vom Verfasser" und — eine alte Pergament-Megilla von besonderem Werth. LMeratur. Are Israelitische Küche. Kochbuch für das israelitische 'Haus von Henny van Cleef. 3. Auflage. Leipzig, M. W. Kaufmann. Ein Kochbuch in dritter Auflage empfiehlt fich eigentlich von selbst. Allerdings ist hier, wie es scheint, nur die deutsche Küche berücksichtigt, aber schon wegen der Abwechslung, die doch in Küchenfragen nicht die letzte Rolle spielen soll, wird das elegant ausgestattete Buch auch den österreichischjüdischen Frauen willkommen sein. — Im selben Verlag erschien ^Aie KitteSerger^ von Onkel Siegfried, eine recht gelungene Schilderung einer jüdischen Gemeinde in der Provinz mit eingeflochtener tragikomischer Novelle, die jedermann mit Vergnügen lesen wird. Dr. K. Das Kaddischgebet. Von Bernhard Loewenthal. (9. Fortsetzung.) Einen Augenblick war er erschüttert, dann, als er Alles klar überlegte, seufzte er: „Es musste so kommen, des Vaters Fluch". Vor dem Hause Sigmund Lewin's, des ersten Vorstehers der kleinen Gemeinde, hielt ein eleganter Verdeckwagen, dem ein schwarz gekleidete r, schlanker Mann schnell entstieg und in das Haus eilte. Bald darauf sah man Sigmund Lewin mit dem Unbekannten auf das Magistratsbureau gehen, von hier ans zum Bethaulom — und dann steuerten sie auf die Wohnung des alten Reb Jankef zu. Zwei Stunden später fuhr der elegante Verdeckwagen bei Reb Jankef vor — Jakob Gutkiud hielt den kleinen Leon bei der Hand, die alte Zo re konnte ihrer Thränen nicht Herr werden. „Du wirst die alte Tante nicht vergessen, was?" und während Leon mit dem Onkel in den Wagen stieg, seufzte sie: „Ja, ja, wie wird's ihm jetzt gehen, mein armes Jungerl", als aber der Wagen schon davonrollte, rief sie noch nach: ,.Vergiss nicht das Kaddisch!" Der kleine Leon hörte nicht mehr den Mahnruf der Alten lmd wenn er ihn auch wirklich noch gehört hätte, er hätte ihn doch nicht verstanden. „Vergiss nicht das Kaddisch!" Die alte „Zore" wusste wohl selbst nicht, was sie alles mit diesen vier Worten und in denselben gesagt hatte. Was für ein großer, weiter Gedankengang lässt sich aus diesen wenigen Silben verfolgen. „Vergiss nicht das Kaddisch!" Vergiss nicht das Jenseits, vergiss deinen Glauben nicht, deine Religion, deinen Gott, denke stets daran, dass du ein Jude bist. Und Jude sein — wieviel Leid und Kummer, wieviel unverschuldete Schmach, wieviel Geduld, Ergebung und Resignation liegt in dem einen Wort „Jude". Wenn auch die Mauern des Ghetto längst gefallen sind, wenn auch längst der gelbe Stern von der Achsel und der spitze Hut vom Kopfe, die Zeichen welche einst den Menschen als „Juden" schmachvoll hrrvorheben sollten, verschwunden sind, wenn auch die „neue Zeit" in vieler Beziehung Freiheit den Juden gebracht und Licht in ihr Dasein geworfen hat — so sucht man doch stets in dem Namen „Jude" das alte Vorurcheil; da wird der Mensch noch immer vom Menschen verfolgt, verpönt und verlästert. Auf diesen Namen wird noch immer gehetzt und geflucht und immer wieder und wieder, bald hier, bald dort werden die Träger desselben grausam von Hans und Hof, ohne Grund und Ursache, nur eines wahnwitzigen Haffes wegen vertrieben, und noch heute, wie in der dunkelsten Zeit des Mittelalters, gemordet. — (Fortsetzung folgt.)

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