Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 30 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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©e*:ie 8. Die Wahrheit. Nr. 30. Düs Lad-ischgebr! uach seiner ethischen GeLeutnng. Professor Lazarus sagt in seinen „Idealen Fragen,,: „Aus dem Tode sogar entsteht noch Leben für die sittliche Kraft. Wie die Tragik die tiefste und die höchste aller Künste ist, so ist auch der Schmerz im Leben res Einzelnen und der Gesammtheit Cchöpselkraft der geistigen Vertiefung." Zn diesem Worten, bei denen Lazarus wohl kaum au das .Kaddischgebet gedacht haben mag, liegt die hohe Bedeutung dieses Gebetes ausgesprochen. Wohl wirkt das Kaddischgebet selbst unverstanden erhebend und beruhigend auf den pietätvollen, trauernden Israeliten. Beim Verständniße dieses Gebetes aber gesellt sich zur Pietät eine solch' hohe sittliche Kraft, wie sie nicht genug bewundert, nicht genug angestaunt werden kann. Denn trotz des namerrlosen Schmerzes, der unsere Brust Lurchwühlt, sprechen wir alsbald, nachdem der theuer Tode in die kühle Erde gebettet worden, die Worte: „Jisgadal wejiskadasch schmeh rabbo. Gerühmt und geheilitgt sei Gottes großer Name!" Wir murrerl nicht gegen Gottes Rathschluss, sondern erheben uns zu jener bewundernswerten Weltanschauung unserer gar viel verkannten, weil nicht gekannten Lehrer des Talmud, die da sagen: „Wie im Glücke, so müssen wir auch im Unglücke Gott danken und rühmen, seinen Namen ruhmvoll verkünden, wenn auch Noth und Leid uns treffen." (Talmud Berachot, Fol. 60 b, mit Begründung von Ps. 116, Vv. 3b und 4a). Trotz des tiefens Wehs, das unser Inneres durchzittert, murren wir nicht gegen Gottes Wellordnung, sondern sprechen: „Gerühmt und geheiligt sei Gottes großer Name, „beolmo di beroh kirusseh, in der Welt, die er geschaffen nach seinem Willen." Trotz des Grams, der an unserer Seele nagt, murren wir nicht gegen Gottes Weltregierung, sondern sprechen, die wahre messianische Zeit für alle Menschen ohne Unterschied des Bekenntnißes he» beisehnend: „wejamlich malchusseh“. Möge das Gottesreich alsbald erscheinen und möge Israel es erleben, dass nicht blos die Schwergeprüften in seiner Mitte, sondern alle Menschen aus dem gesammten Erdenrunde vordem einzig-einigen Gotte sich beugen und seine allgütige und allmächtige Welt regirung rühmend und preisend anerkennen. Aber wenn wir auch — so sprechen wir weiter im Kaddischgebete — Gottes i Rathschluss, Gottes Wellordnung. Gottes Weltregierung preisen,! rühmen, erhöhen, erheben und verherrlichen, so sind wir dennoch nicht im Stande, Gott in würdiger Weise zu rühmen; „Le-elo min kol birchosso weschirosso wetusch-beschosso“ denn ter Schöpser ist erhaben über Lob und Lied, über Preis und Gesang. Gott ist aber auch, so beten wir weiter, erhaben über jeden Trost, derr Menschen gewöhnlich uns zu spenden pflegen, indem ste uns rathen, ins Unab äuderliche uns zu fügen. Darum wenden wir uns zum Allmächtigen selbst mit der Bitte . J6be schelomo rabbo min schemajo“. Sende du, o Allvater, uns Frieden ans des Himmels Höhen, erwecke unser krankes Herz zu neuem Leben, denn du, o Herr, schaffest Frieden in deinen Höhen'; wenn du auch noch so hoch und erhaben thronest, hast du ja durch deines Propheterr Mund verkündet: „Wenn ich auch noch so hoch und erhaben throne, so bin ich doch bei dem, der gedrückt, bei dem, der gebeugten Gemüthes ist, um neu zu beltbcn das Herz der Gebeugten, zu neuem Leben zu erwecken das Gemüth der Gedrückten". (Jef. 57 B. 15.) Wer daher das Kaddischgebet nicht blos gewohnheitsßig, sondern mit Verständnis betet, der wird nicht blos Pietät gegen teure Tode üben, sondern aus dem Gotteshause eine sittliche Kraft ins Leben mitnehmen, die ihn in den mannigfaltigsten Stürmet! des Lebens aufrecht halten wird. Dr. Biach. ^Verschiedene Nachrichten. Mit». Prof. Simon Hoffmann, der in weiten Kreisen bekannte Philanthrop, hat letzten Sabbath in Gesundheit des Geistes und Leibes das Fest des 80. Geburtstages gefeiert. Derselbe bemühte sich in den jüngsten Jahren besonders zu Gunsten des Vereines „To mech Ewjonim" und des Krankenhaus-Vereines. Unter den vielen Begrüßungsovationen ist besonders die in classischem Hebräisch abgefasste Zuschrift des Schriftstellers Bernhard Straßer zu erwähnen. Möge es Herrn Prof. Hoffmann von dev Vorsehung beschieden sein, noch lange Jahre für die Allgemeinheit und die Armen ersprießlich zu wirken — ad meoh schonoh! Me«. Der Tempelinspector des Seiteustetten-Tempels Herr I. Schnitzler, begeht Freitag, den 2. August sein 40jähriges Jubiläum als Beamter der Wiener Cultusgemeinde. Der Jubilar, der sein Ami mit der größten Gewissenhaftigkeit und in Hochhaltung der vornehmen Traditionen dieses Gotteshauses versieht, erfreut sich in den weitesten Kreisen der Gemeinde wohlverdienter Sympathie, die gewiss auch bei diesem Anlässe zum Ausdruck gelangen wird. Wieu.H(Ein Beitrag zum Cantorentag — Baruch Schor.> Wenn wir Künstlern begegnen, die nach Brot gehen, so sind wir immer von Theilnahme erfüllt; wenn wir aber einen greisen Mann sehen, der von Gott geschenkte Tage lebt, den die Natur neidlos trotz seines hohen Alters noch immer mit den schönsten Gaben schmückt, ein Missgeschick jedoch, gleichsam als wollte es allen guten Mächten trotzen in die weite Welt hinausgedrängt hat und rastlos umherirren lässt, sobesch leicht uns bittere Wehmuth. Ein solches Gefühl überwältigte mich, als ich vor wenigen Tagen einen Altmeister synagogalen Gesanges auf der Straße die Hand drückte und nach nahezu einem ty* Jahrhundert wieder in das schöne Greisen-Antlitz blicken konnte. Wer ist Baruch Schor? Er ist eine Koryphäe unter den galizischen Teinpelsängern, ein Verdi unter den Chasanim! „Geben Sie mir geehrter Meister einige Notizen, damit ich etwas über Sie schreiben kann," sagte ich, nachdem ich ihm begrüßte. „Was, soll ich Selbstlob an mir üben?" lautete die Antwort. „Fremde Compositionen habe ich niemals gesungen und die eigenen übersteigen weit die Zahl von 2i'0. Weniges davon ist gedruckt worden, die Manuscripte sind vorhanden. Mei..e Oper „Samson" ist Ihnen doch bekannt „Sie waren auch in den letzten Jahren in Amerika? „Ja blos zwer Jahre habe ich dort gelebt." „Wie lange waren Sie Cantor in der großen Synagoge in Lemberg?" Ein wehmüthiger Zug prägte sich bei dieser Frage auf seinem Gesichte aus, und sich beherrschend und ironisch lächelnd erwiderte er: „Blos 40 Jahre". Es war die Zeit herangerückt, wo er in einem Vereinsbethause den Freitag-Abendgottesdienst abhalten sollte, „Es ist Zeit" sagte einer der beiden begleitenden Chorherren, und mit einem stillen Händedruck nahmen wir Abschied. Mir aber lagen die 40 Jahre im Sinn und ich dachte: O, du gottbegnadeter alter Mann, du kannst mit Recht von dir sagen „^.rbaim schunu. ukiz. bedor“. Vierzig Jahre mußtest du unter Leuten leben und wirken, .die das Große und Edle nicht zu würdigen verstehen. Als er sein hebräisches Werk „dvdor 8vüor" veröffentlichte, sagte ihm der damalige Rabbiner von Lemberg: „Mischen Sie sich nicht in meine Geschäfte so werde ich mich in das Ihrige nicht einmischen." Und als erst seine epochale Oper „Samson" mit so großem Erfolge unzählige Aufführungen erlebte, er sogar einmal im Theater erschienen sein sollte, da ging der Sturm los und alle Hunde wurden auf ihn gehetzt, wobei sich ein Mitglied des Tempelvorstandes namens Sacker besonders hervorthat. Schor zog es unter solchen Umständen vor, die Stätte seiner vierzigjährigen Thätigkeit zu verlassen, und ging nach Amerika. Nunmehr ausder neuen Welt in die alte Welt zurückgekehrt, geht der Nestor auf Gastrollen, er geht nach Brot suchen. N. C hamei des. Wien. Der verdienstvolle Cantor und Lehrer, Herr M. L. Wetzstein, feiert am 1. Oktober das Jubiläum seiner 25jähriger Thätigkeit in Elberfeld. Die dortige Shnagogengemeinde ist im Begriff, zu dem Ehrentage desselben die umfangreichsten Vorkehrungen zu treffen. Wie«, Nach dem verewigten Bibliothekar der Grazer Universität,. Herrn Dr. Alois Müller, dessen Sohn vor Jahren so tragisch endete^ spendete die Familie laut Testament-Verfügung 500 hebräische Bände der hiesigen Universitäts-Bibliothek. Wie«. (Jüdische Ku nst im „Baierischen Ho f.") Seid Kurzem spielt ein jüdisches Theater-Ensemble unter der bewährten Leitung des einstigen Lembergcr Theater-Directors Gimpel auf der improvisirten Bühne im Prachtsaale des „Baierischen Hofes", wo historisch jüdische, Theaterstücke im jüdisch-deutschen Jargon,zur Aufführung gelangen. Die Gesellschaft unter großen materiellen Opfern nach Wien gebracht zu haben ist das das Verdienst, des rührigen Caseliers, Herr« Adolf Buchwalder^