Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 30 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 30. mangels genügender Mittel von vorneherein lahmlegeu, und ein Erfolg wäre unwahrscheinlich. ' Löwi t-Wien beantragt die Herabsetzung des Beitrages auf 2 Kronen. Selbstverständlich kann bei einem solchen Beitrage von irgend einer materiellen Leistung des Vereines an seine Mitglieder keine Rede sein und ebenso selbstverständlich sei es, dass die erworbenen Rechte der bisherigen Mitglieder in keiner Weise tangirt werden dürfen. D a v i d s o h N'Gleiwitz beantragt die Ernennung von Vertrauensmännern, welche persönlich für den Verein Propaganda machen sollten. Fürn b erg-Neuhaus hofft, dass der heutige Enthusiasmus für die Gründung einer Organisation nicht so bald verfliegen werde, wie seinerzeit für die Errichtung einer Pensionscassa, die am letzten Cantorentage einstimmig beschlossen wurde, aber nachher mangels der nöthigen Anmeldungen ausgegeben werden musste. G u t t m a u n -Wien beantragt die Festsetzung des Jahresbeitrages mit 10 Kronen. Die Berathungen werden hierauf abgebrochen und deren Fortsetzung für Dienstag, 3 Uhr Nachmittag, anberaumt. Der Vorsitzende theilt mit, dass für Dienstag Vormittags ein korporativer Besuch der Gräber Sulzer's, Goldstein's, Fischer's und Stern's geplant ist, und nachher erfolgt die Besichtigung des jüdischen Museums, zu dessen Besuch der Cantorentag von dem Curatorium der Gesellschaft für Conservirung und Erhaltung der Denkmäler des Judenthums freundlichst eingeladen wurde. * n- * Zweiter Tag. Dienstag Früh versammelten sich die Theilnehmer des Eantorentages in der Religionsschule der Cultusgemeinde, um -corporativ einen Act schuldiger Pietät durch den Besuch der Gräber. Sulzer's, Goldstein's, Fischer's und Stern's zu üben. Die Wagen stellte die Wiener Cultusgemeinde in munificenter Weise zur Verfügung. Am Grabe Sulzer's und Goldstein's sprachen Obercantor Singer-Wien und Obercantor Zivi, worauf Obercantor Friedmaun-Berlin und Obercantor Singer das Menucho nechauno recitirten. Am Grabe Fischer's und Stern's sprachen I. Cantor Schiller-Wien und Obercantor Bauer-Wien die Grabgebete. Die pietätvolle Huldigung, die der Cantorentag den verewigten Meistern und Berufsgenoffen brachte, war ein Moment von wahrhaft erhebender Wirkung. Auf dem dem Grabe Stern's benachbarten Grabe des im Vorjahre verstorbenen Rabbiner Fleißig recitirte Cantor Balogh- Wien das Uenuebo neebauno. Vom Eentralfriedhofe begaben sich die Cantoren direct per Wagen in's „Jüdische Museum", woselbst Herr Emil Jellinek ein Begrüßungstelegramm des Präsidenten Baurath Stiaßny zur Verlesung brachte und dann selbst namens des Curatoriums die Gäste herzlich begrüßte. Die Besichtigung der reichen Kunstschätze gab mannigfache Anregungen. Besonderer Aufmerksamkeit erfreuten sich natürlich die Reliquien Meister Sulzer's, die im „Jüdischen Museum" zahlreich vertreten sind und baldigst in einem eigenen „Sulzer-Zimmer" vereinigt werden sollen. Ilortsetzrmg der Aerathungen. Nachmittags 3 Uhr versammelten sich die Theilnehmer bes Cantorentages abermals im Sitzungssaale der Wiener Cultusgemeinde, wo die gestern abgebrochenen Berathungen unter allgemeiner Spannung wieder ausgenommen wurden. Vorsitzender Singer-Wien: Meine Herren! Nachdem wir uns heute vormittags im Geiste an den Lichtgestalten unserer großen Meister erhoben und ihrer in pietätvoller Weise gedacht haben, und nachdem wir uns im „Jüdischen Museum" an den vorhandenen Kunstproducten erbaut haben, schreiten wir zur Fortsetzung und hoffentlich auch zum gedeihlichen Schluss unserer Berathungen. Vor Beginn derselben begrüßt der Vorsitzende den als Gast anwesenden Dr. Josef S. Bloch. Nach Verlesung der nachträglich-eingelaufenen Telegramme, unter denen insbesondere das des gegenwärtig in Ischl weilenden Vereinscassiers, I. Cantor M. Blatt, lebhaft acclamirt wurde, fährt der Vorsitzende fort: Aus den gestern zu Tage getretenen widerstreitenden Ansichten hat das Bureau das ihm gut dünkende ausgewählt und durch den Vereinssecretär in Form einer Resolution abfassen lassen. Ich bitte den Herrn Secretär, Dr. Löwy, diese Resolution zu verlesen. Nach einigen einleitenden Bemerkungen, die sich mit der - Schilderung der gegenwärtigen Lagen befassen und die Nothwendigkeit einer einheitlichen Organisation darthun, verliest Secretär Dr. Löwy nachfolgende Resolution: Wesotution. Der am 29. und 30. Juli 1901 in Wien versammelte „Allgemeine Cantorentag" erachtet es als dringende Nothwendigkeit im Anschlüsse au den „Oesterr.-ungar. Cantoren-Verein in Wien" eine die gesammte Berufsgenossenschaft des In- und Auslandes umfassende Organisation unter dem Namen „Allgemeiner Cantoren-Verein" zu gründen. Um jedem Berufsgenossen, auch dem minderbemittelten, den Beitritt zu ermöglichen, wird ohne Rücksicht auf das Alter des Aufnahmswerbers die Eintrittsgebühr mit 1 Krone, resp. 1 Mark, und der Jahresbeitrag mit 6 Kronen, resp. 5 Mark festgesetzt. Der Zweck der Berufsorganisation besteht in erster Linie in der Förderung der socialen Interessen des Cantorenstandes, und wird der Leitung der Organisation das Mandat ertheilt, im Einvernehmen mit den Cultusgemeinden die derzeit bei der Anstellung und Entlassung von Cantoren, sowie während der Dauer ihres Vertragsverhältnisses mit den einzelnen Gemeinden zu Tage tretenden Uebelstände zu beseitigen und bestimmte, sowohl von den Mitgliedern der Organisation als auch von den Gemeinden einzuhaltende Nonnen aufzustellen, die dem Ansehen der israelitischen Cultusgemeinden, sowie der Würde und Bedeutung des cantoralen Berufes entsprechen. Der „Allgemeine Cantorentag" spricht auch die einmüthige Ueberzeugung aus, dass die Juvaliditäts- und Altersversorgung, sowie die Sorge für die Witwen und Waisen der im Amte verstorbenen Cantoren nicht auf dem Wege der alleinigen Selbsthilfe, sondern nur unter Mitwirkung der Cultusgemeinden durchgeführt werden kann, und erwartet, dass die Organisation auch nach dieser Richtung die nöthigen Schritte eiuleiten werde. Da der cantorale Functionär in jeder israelitischen Cultusgemeinde unentbehrlich ist und da es, besonders durch die in vielen Gemeinden nothwendige Verquickung des cantoralen Amtes mit dem des Religionslehrers, im Interesse der Cultusgemeinden liegt, ein durch bestimmten Studiengang für alle Functionen des vielseitigen Amtes möglichst ausgebildetes Materiale zu beschaffen, wird die Leitung der Organisation beauftragt, mit den Gemeinden und Gemeindeverbänden in Verbindung zu treten, um auf Kosten derselben an den bestehenden Rabbiner- und Lehrerseminaren Curse zur Heranbildung von Cantoren zu errichten, deren Absolventen die staatliche Anerkennung als Religionsdiener zu Theil werden soll. Es wird auch die Erwartung ausgesprochen, dass die Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus für den cantoralen Nachwuchs bedeutungsvoll und auf die Förderung der socialen und materiellen Lage des gesammten Cantorenstandes von wohlthätigem Einflüsse sein werde. Um einen möglichst zahlreichen Anschluss an die Organisation herbeizuführen und die Propagirung dieser Ideen in den weitesten Kreisen der Berufsgenossenschaft und der israelitischen Cultusgemeinden zu fördern, sind aus den Theilnehmern des Cantorentages Vertrauensmänner für die einzelnen Bezirke und Länder zu wählen, deren Zahl durch die Leitung der -Organisation jederzeit die nöthige Vermehrung erfahren kann. Der >,Allgemeine Cantorentag" spricht den Wunsch aus, dass, angeregt durch die am Cantorentage in Wien theilnehmenden Vertreter der - deutschen Berufsgenossenschast, auch im