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Die Wahrheit · 1901-07-12 · Heft 27 (12.7.1901) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 27 (12.7.1901)
Date
1901-07-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 27 Die Wahrheit. Seite 9. Morin ersterer die traurige Thatsache der „Pflichtentziehung gewisser Classen unserer Glaubensgenossen" constatirt und mit lebhaftem Bedauern sich der Wahrheit nicht ver schließt, dass „unsere gepriesene Wohlthätigkeit in gewissen Schichten unserer Gemeinschaft leider Gottes nicht existirt." Wo existirt xar sxemxis in der großen Residenzstadt Wien, dieser DXJ Ty, wie sie es sein sollte nach ihrer Seelenanzahl von 140.000 Glaubensgenossen 22x2 orrby?pr '1, ein Litteratur-Verein, der in munistcenter Weise die Edition eines so wichtigen Werkes, wie die in voriger Nummer angekündigte „Talmudische Concordanz" geziemend ermöglichen könnte. Es sind überall bloße Bettelpfennige, die den Bedürftigen hingeworfen werden, statt ausgiebiger Förderung, und so verstehen wir die originelle Aeußerung des verstorbenen russischen Sonderlings Täubin in dem soeben sich abspielenden Sensations- Processe Albert Vogl: „Lassen Sie mich in Ruhe mit den hiesigen jüdischen Philanthropen!" Dies wäre e i n wichtiger Punkt in der angeregten Frage aber die Ergänzung hierzu ist ebenso uöthig, denn mit Geldunteistütznng allein ist es nicht gethan, obwohl sicherlich dadurch manche Affaire verhindert würde, die geeignet ist, böses Blut, recte Itiscb'uB hervorzurufen. Der zweite wichtige Punkt ist die Stütze von Seite der hohen Negierung, die unbedingt in energischer Weise gehandhabt werden müsste, so dass dann die Gleichberechtigung der Inden nicht blos aus dem Papiere stehen bliebe, sondern 11m dem ganzen antisemitischen Blätterwalde ansgeräumt werden müsste. Schon die Existenz dieser auf Fanatismus und Vorurtheilen, auf Hass und Wahn basirten Zeitungen und sonstiger Preßerzeugnisse ist ein zum Himmel schreiender Hohn auf die Idee der Gerechligkeit und sogenannieft christlichen Liebe. Schreiber dieses sungirte vor Jahren in einer Reform- Gemeinde, wo am Purim-Abend die Solidarität der Juden durch die Predigt verkündet wird — die Megillah liest man blos am Morgen — die Erzählung vom Ringe des Achaschwerosch, der dem 'Erz- und Erbfeinde, dem Amalekstämmling Haman, übergeben n urbe, brachte durch Jdernassociation auf die Erwähnung eines a, deren Ringes, nämlich den des weisen Königs Salomo, in welchem der Name des Einzig-Einzigen eingravirt war und mit dem er auch das Geislerreich zu beherrschen vermochte. So .tonnen auch heule noch durch das Wunderwerk „Echod“ die l)5i 1 u Dämonen des Hasses und Zwistes, die Liga der Lüge und des Aberglaubens gesprengt und verjagt werden. Dies setzt aber nur das Eine und Einzige voraus, dass wir auch wirklich ein „Goi ecliod boorez“ sind und darstellen, -und nicht blos auf oem Pergament der Heiligen Schrift, sondern auch durch die That. Wir wollen und sollen sein „ein einig Volk von Brüdern, in keiner Roth uns trennen und Gefahr." bo nmn Und wie diese vereinende und versöhnende Harmonie einzig und allein geeignet ist, unsere Feinde nach innen und außen zu besiegen und zu beseitigen, sogar die größten Gegner zu bekehren, wie es bei yttnn der Fall war, der da, als er Israel in .Frieden und Eintracht lagern sah, statt zu fluchen und zu lästern, wie es Balak's und Bileam's Wunsch und Wille war, begeistert die ewig denkwürdige Worte ausrief: „Wie schön sind deine Zelte, 0 Jakob, deine Wohnungen, 0 Israel!" |08 nry' lrria byi >n Es ist aber nicht immer Gleichgiltigkeit und Indolenz, .wenn unsere Großen und Präpotenten gegen den biblischen Satz ftch vergehen, der da lautet: nbynnbx "pios —sondern zumeist beruht dieser haarsträubende Jndiffirentismus und Mitgesühlswangel auf Gedankenlosigkeit und Geistesträgheit. Dafür könnte mancher vernehmlich sprechende Beleg aus dem Leben angeführt werden und daraus resultirt für Alle, die hören wollen, die dringende Lehre: 12 nptfim — "pns Pv' '21 Das Kaddischgebet. Von Bernhard Lsewenthal. (1. Fortsetzung.)^ Zore, Reb Jankefs Frau, hatte nie das Glück gehabt, «igene Kinder zu erziehen, und so war sie im Grunde genommen recht zufrieden, dass ihr Gott auf ihre alten Tage noch etwas bescheert hatte, womit ihr Her; sich beschäftigen konnte. Uat» der kleine Leon konnte sich wohl fühlen bei ihr. denn dieses Herz war so lauter und rein wie Gold. Es spiegelte sich in den freundlichen Auge t der alten, etwas zur Corpulenz neigenden Zore wieder und lag fast wie Sonnenschimmer auf dem gutmüthigen rundlichen Gesicht. Als man mit ihr über das Pflegegeld für den Knaben sprechen wollte, schüttelte sie mit dem Kopf und sagte, auf Red Zankes weisend: „Das versteh' ich nicht, ich will nur das Jüngel, das Geld mög er nehmen!" Gott weiß, was er thut. Der Knabe, dem so schnell ein j liebendes H>erz entrissen wurde, der noch gar nicht zum Bewusstsein seines so großen Verlustes gekommen war,Xkonnte sich j eine bessere Pflegemutter nicht wünschen. Sie ließ es' gar nicht dazu kommen, dass er an die Todte dachte, oder Sehnsucht empfand. Zore glaubte, das Kind würde dald vergessen. Dem war aber nicht so. Wenn der Kleine auch schwieg, der Gedanke an die Mutter verließ ihn nicht. Eines Tages konnte er aber die Worte nicht mehr znrücksrängen und Zore so recht treuherzig ünblickend, fragte er leise, mit vor Sehnsucht bebender Stimme: „Kommt mein Mütterchen wieder, es ist so lange fort?" Es waren dies nur sehr einfache Worte, aber in den Augen des Kindes schimmerten so feucht die Thränen und um den rosigen Mund zuckte es so schmerzlich, dass Zore ihr 'Weinen nicht zurückhalren konnte. „Sie kommt wieder, mein Kind!", schluchzte sie auf. Der Kleine ging an's Fenster und schaute hinauf zum Himmel. „Tante", sagte er beklommen, „ich werde das Kaddischgrbet sagen, vielleicht ist sie dann bei mir, sie hat es gesagt „Thn' es, mein Liebling", antwortete Zore dumpf, dann ging sie hinaus, um ihrer Erregung Herr zu werden; am Fenster, ans einem Stühlchen aber stand ein kleines Kind und sagte vor Sehnsucht weinend das Kaddischgebet. —- Dieser kleine Junge nun wäre erzogen worden, wie alle kleinen Jungen in den kleinenStädten. Er wäre in Cheder gegangen, hätte zu seiner Barmizwoh tadellos die beiden Broches über das Sefer gesprochen, wäre Kaltftnann oder Schneider geworden und hätte dann vielleicht nie vergessen, dass er Jude ist. Dann hätte es sich wahrlich nicht gelohnt, seine Geschichte zu schreiben, so ist es aber etwas anderes. Erstens war er ein Jossem, zweitens harre feine sterbende Mutter ihm ein Gebet, das Kaddischgebet, mit auf dem Lebensweg gegeben und drittens hatte der kleine Leon Wild in Berlin einen steinreichen Onkel, den Bruder von seiner toten Mutter. Die Firma S. Gntkind sen. war bekannt in der Residenz und ^faftein jedes Kind kannte das Hans ans der Wasserstraße, das große steinerne Gebäude mit den' blinkenden Spiegelscheiben und dem hohen Portal, über dem in Goldlettern die Firma S. Goldkind sen. stolz und glänzend prangte. Es war gut renommiert das Bankhaus auf der Wasserstraße, und manche Freude schon hatte durch das hohe Portal ihren Einzug gehalten, manches Leid aber auch gesehen. Es war gar nicht zu lange her, damals, als der alte Sanulel Gutkind noch lebte, da war viel zu erzählen gewesen und viel zu verschweigen. Er war ein rauher Mann gewesen der alte Chef des Bankhauses, und doch im Herzen so gut. Er war noch vom alten Schlage und am Feiertage durfte in seinen Contoren keine Feder gerührt werden. (Fortsetzung folgt.) — nabvb — Schir Lisch’laumau. Chasonus für das ganze liturgische Jahr. Componirt von Aron Friedmann, Haupt-Cantor der' jüdischen Gemeinde zu Berlin. Herausgegeben vom D«atach-Iaraelitiachan Gemeindebund, auf Grund eingeholter Gutachten hervorragender Fachmänner. 328 Seiten Folio, Preis 9 Mk. excl. Porto. Zu beziehen beim Verfasser Berlin 6r. Haaburgeretrasae 38.

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