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Die Wahrheit · 1901-06-28 · Heft 25 (28.6.1901) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 25 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 25 Die Wahrheit. Seite 9. Inhalt des zu Vertonenden dies nach der Empfindung des Componisten erfordert. Von diesen Gesichtspunkten, deren Hervorhebung mir auch an und für sich nicht überflüssig erscheint, hat sich offenbar auch Nowakowsky leiten lassen. Er bat von allen musikalischen Ausdrucksmitteln Gebrauch gemacht, die harmonische Einkleidung der Melodie stets so gestaltet, dass der Wohlklang derselben gehoben und Monotonie vermieden würde, seine Themen und Motive thematisch, durch Imitation und freie Nachbildungen, ausgenutzt, die Stimmen selbstständig geführt, den Fngensatz verwerthet. Aber all' dies ist mit Bedacht und Ueberlegung und künstlerischem Feingefühl geschehen. Nowakowsky hat niemals außer Acht gelassen, dass der Endzweck der Synagogalmusik ist, zur Erhöhung der religiösen Stimmung im Gotteshause beizntragen, und dass in diesen Compositiouen vor Allem das Ge tragene und Weihevolle vorwalten und dominiren soll. So kann denn das Werk allen Denen, die berufen sind, den Synagogengesang zu Pflegen, anf's Wärmste empfohlen werden. verschiedene Nachrichten. Men. (Vorbereitungen zum Cantorentage.) Montag d:n 24. d. M. S Uhr Nachmittags fand in der Restauration Guth unter dem Vorsitze des Vicepräsidenten des österr.-ung. Cantoren-Vereines, I. Bauer, behufs Vorbesprechung für den Cantorentag eine Versammlung der Wiener Cantoren statt, an welcher die College« Don Fuchs, Grünwald, Guttmann, Chordirigent Heymann, Jurberger, Kläger, Löwit.A. Rotier, Schorr.Seiffert, Serebrenik, Smotritzky, Weißmann, Wittmann und Sekretär Dr. L öwy theilnahmen. Allgemein wurde die Einberufung des Cantorentages freudig begrüßt und als Mittel anerkannt, die nothwendige Solidarität der Standesgenossen herbeizuführen. Nach zweistündiger Debatte erfolgte die einstimmige Annahme einer 'Resolution, mit allen Kräften für das Gelingen des Einigungswerkes am Cantorentage einzutreten und einen möglichst solidarischen Anschluss aller Cantorenan den österr.-ung. Cantoren- Verein anzustreben. Das vom Vorstande bereits eingesetzte, vorbereitende Comite für den Cantorentag wurde aus der Mitte der Versammlung durch die Herren Don Fuchs, Guttmann, Jurberger, Kläger, Löwit, Schorr, Serebrenik und Wittmann ergänzt. Men. Dienstag, den 25. d., am Jahrzeitstage Obercantor Josef G o l d st e i n's, fand die Enthüllung des von der Wiener Cultu sgemeinde dem Andenken des unvergesslichen und gottbegnadeten Sängers gewidmeten Grabdenkmales mit einer über Anregung des I. Cantors Moriz Blatt abgehaltenen solennen Trauerfeier statt. Das Denkmal, nach einem meisterhaften Entwürfe des Cultusvorstehers, Architekt Max Fleischer, künstlerisch ausgesührt, trägt folgende, von Rabbiner Dr. Schmied! verfasste Inschrift: uy« spl' ■nto p S|D1Vnt$D itfö iinfiön rwen wn P'dS rrrn Tian '2 p'tp m»;i?n ur« m mmyn aarfr niaabn nnn rnanS sm bip a'yji tik Sipa .n '2 L '7i Die israelitische Cultusgemeinde in Wien ihrem unvergesslichen Obercantor, dem gottbegnadeten Sänger Josef Goldstein geboren 27. März 1837, gestorben 17. Juni 1899. Die stimmungsvolle Feier wurde vom Leopoldstädter Tempelchore mit dem von Goldstein componirten Liede „Seele, was betrübst du dich" eingeleitet, worauf I. Cantor Blatt einen Trauerpsalm sprach und in einer kurzen aber gemüthvollen Rede auf die Bedeutung Goldstein's hinwies, der nicht nur der Wiener jCultusgemeinde, sondern auch allen Berufsgenossen in ewigem Andenken bleiben werde. Der Chor sang hierauf das Lodivrissi, und zum Schluffe recitirte Obercantor Guttmann das «LI mols ravllamim*. Außer den Genannten waren Obercantor Bauer, Cantor Löwit und eine Anzahl Gemeindemitglieder und Verehrer Goldstein's bei der Feier anwesend. Men. Der absolvirte Schüler des Budapester Conservatoriums. ein Sohn des Obercantors Schächter in Czernowitz, absolvirt in diesem Jahre das Wiener Conservatorium und hat bei den am 13. und 15. Juni stattgehabten Vorstellungen der Opernschule mit seiner prachtvollen Stimme allgemeines Aufsehen erregt. Lartsöad. Am 1. Juli tritt 'der neugewählte Obercantor Weiß aus Csakath urn seinen hiesigen Posten an. Obercantor Weiß ist ein Schüler des Obercantor Schorr in Wien, bei dem er durch 13 Jahre als Sopranist und später als Meschorer und Chordirigent thätig war. Litteratur. pit Erlösung des Andeuthnms. Im literarischen Theil der „Neuzeit" las ich vor kurzem eine Recenfion über eine jüngst erschienene Broschüre.Gustav Lev inst ein's betitelt: „Die Erlösung des Judenthums", die bei mir und gewiss auch bei anderen Lesern den Eindruck hervorrief, als wollte der offenbar über die Persönlichkett des Autors mangelhaft informirte Recensent dem ersteren dazu verhelfen, seine geistigen Products gut an Mann zu bringen. Man kann sich hiebei eines unwillkürlichen Lächelns nicht erwehren. Herr Levinstein ist allerdings Productenhändler; aber aus seinen litterarischen Producten materielle Vortheile zu ziehen, das ist ihm wohl jederzeit ferne gelegen. Wenn man eine Waare anpreist, muß man auch sagen, wo dieselbe für Geld und gute Worte zu haben ist; ich bezweifle nämlich, ob diese Schrift inWien überhaupt erhältlich ist, für Geld gewiss nicht. Schließlich ^scheint es auch dem Herrn Receusenten nicht bekannt zu sein, dass zwischen der „Taufe" und „Erlösung des Judenthums" eine dritte Schrift dazwischen liegt: „Warum wir Juden nicht Christen werden können". Wer ist nun Gustav Levinstein? Er ist der Chef des Welthauses L.J. Levinstein L Sons in Berlin, Trier und London. Er sitzt auf seinem Schlöffe Lichterfelde bei Berlin, und wenn sich einer der protestantischen Pastoren erkühnt, das Judenthum anzugreifen, zieht der Ritter von Lichterselde seine blanke und funkelnde Waffe, fordert den Gegner in die Arena, und dieser weiß sofort, dass er aus dem Zweikampfe eine erhebliche Verletzung davontragen wird. Große Gelehrsamkeit und ein glühendes jüdisches Empfinden sprechen aus allen in meisterhaftem Style geschriebenen Broschüren Levinstein's. Im December 1899, nach dem Erscheinen seiner „Taufe" erhielt der Schreiber dieses von dem Autor den nachfolgenden Brief, den er gerne der Oeffentlichkeit zur allgemeinen Beherzigung übergibt: „Berlin, 20. December 1899. Sehr geehrter Herr! Für den Inhalt Ihres geschätzten Schreibens danke ich Ihnen aufrichtig. Was Sie in Bezug auf die angebliche Solidarität der Juden sagen, ist ebenso unbestreitbar, wie Ihre Bemerkungen über die traurige Pflichtentziehung gewisser Claffen unserer Glaubensgenossen. Ich hoffe, es wird mir vergönnt sein, bei nächster Gelegenheit auf die letztere zurückkommen, denn wir können trotz unserer gepriesenen Wohlthätigkeit uns der Wahrheit nicht verschließen, dass dieselbe in gewissen Schichten unserer Gemeinschaft leider Gottes nicht vorhanden ist. Ich sandte Ihnen eine zweite Broschüre, die ich in Antwort auf die Replik eines evangelischen Geistlichen veröffentlichte und verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung G. Lev instein." pie Schmach des Jahrhunderts. Diese von dem emertirten Religionslehrer, Herrn I. W i l h e i m er, herausgegebene Schrift, mit welcher den Antisemiten aller Schattirungen hart an den Leib gerückt wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein wirkungsvolles Plaidoyer im Interesse des Judenthums und eine vernichtende Kritik gegen all die Streber, Verleumder und Volksverhetzer, die mit der Pflege des Haffes den größten Schacher treiben und mit ihrer verpesteten, sg. geistigen Kost, die sie ihren vertrottelten Lesern und Nachbetern vorsetzen, das beste Geschäft machen. Herr Wilheimer polemisirt ohne Leidenschaft, ohne jede Phrase, streng sachlich und überzeugend, und es wäre nur zu wünschen, dass seine ausgezeichnete Schrift und vorzügliche Argumentation die weiteste Verbreitung, insbesondere in christlichen Kreisen, finden möge. Bei dieser Gelegenheit kann ich die Frage nicht unterdrücken, zu welchem Zwecke so tüchtige und begabte Männer ihre Zeit, ihr edles Denken und auch ihr ehrlich erworbenes Geld für Abwehrschriften verwenden. Für wen sind dieselben eigentlich bestimmt? Mich und unsere Glaubensgenossen zu überzeugen, hält doch Herr Wilheimer gewiss nicht für nothwendig, und Herren Bielohlawek, Schneider, Gregorig st tutti yuaatl überzeugen zu können, wird sich wohl kein freisinniger Schriftsteller mehr einbilden wollen. Ich würde mir erlauben, eine Anregung nach der Richtung zu geben, dass ein Preis ausgeschrieben werde, für die Namhaftmachung eines wirksamen Mittels zur Bekämpfung der antisemitischen Seuche. Auf dem Wege der Presse wird dies einmal nicht gehen, und die Regierung wird sich auch schwerlich zu einem Eingreifen entschließen. Wiewohl ich leider nicht in der glückliche Lage bin, eine entsprechende Summe zu diesem Behuse auszusetzen, bitte ich dennoch alle denkenden und geistreichen Leute um Vorschläge, welche in diesem Blatte Veröffentlung finden mögen. N. Chameides.

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