Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1901-06-28 · Heft 25 (28.6.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 25 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063062-3063087--01416-3068004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 25. Die Wahrheit. Seite 5. Lande, das ich meinem Knechte Jakob gegeben, dort, wo ihre Väter gewohnt haben u. s. w. (37, 21—25). Diese Hoffnung der Propheten ist gegen die Versicherungen Mosis etwas Neues, Hinzugekommenes, es ist mit einem Worte der Messias-Glaube. Neben diesem Messias-Glauben, der eigentlich nur die nationale W i ed erherst e il u n g Israels unter einem König aus dem Hause Davids besagt, hegte« nuch die Propheten die Hoffnung, dass am Ende der Tage alle Völker die Nichtigkeit ihrer Götter einsehen und zur Erkenntnisdes wahren, einen Gottes gelangen werden, dass somit sich alle als Kinder eines Vaters betrachten und keinen Krieg mit einander führen werden — alle Menschen werden wandeln im Lichte des Gottes und der Lehre Israels. Ja als die Perserkönige Cyrus linb Dari ns sich den Juden so gewogen zeigten^ da stieg diese Hoffnung bei den Propheten gewaltig. An den, Zipfel eines Juden werden sich zehn Männer hänge» und ihn bitten, mit ihm gehen zu dürfen, da Gott mit den Juden sei — so prophezeite Zacharias, derselbe, der das Wort gesprochen: Es wird der Ewige zum Könige werden über die ganze Erde. An jenem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig? Die Anschauung und Hoffnung des jüdischen Volkes zur Zeit des zweiten Tempels hat in dieser Beziehung eine Umwandlung erlitten gegen diejenige zur Zeit des ersten Tempels. Damals war sie aus die jüdische Nation beschränkt, und unter allen Festen wurde das nationalste, das Pessachsest, als das wichtigste und bedeutendste, als das Fest schlechthin —jrt— angesehen, also gerade das Fest, von dessen Feier Moses jeden Nichtisraeliten ausdrücklich ausschloss. Gerade das Gegentheil sehen wir im zweiten Tempel. Da wird nicht mehr das Peffachlest, sondern das Lanbhüttensest als das Fest schlechthin bezeichnet, also das Fest, von dem die Propheten erwarteten, dass es alle Nationen mit Israel im Bunde feiern werden! Allerdings harrt noch diese Hoffnung der Erfüllung, wie überhaupt die messianische Hoffnung, wie sie in den Gebeten zu den hohen Festen niedergelegt ist; dass sich nämlich alle Menschen zu einem Bunde vereinigen sollen, um nur das zu thun, was Gott wohlgesällt. Die Hoffnung der Juden für die Zukunft ist also dreifach: 1. Israels Erlösung und Heimkehr ins Land seiner Väter ^ach der Versicherung Mosis in der Thora. — 2. Wiederherstellung der Dynastie Davids nach der Versicherung der Propheten. — 3. Ausbreitung des Gottesreiches über alle Menschen nach der. Versicherung der letzten Propheten. Jedenfalls aber bildet die Thora die Grundlage des Judenthums, und die Zukunft, welche sie ihm verspricht, bildet seine vornehmste Hoffnung. Wer also Gott und seinem Diener Moses treu geblieben, der muss die Ueberzeugung haben, dass dieJuden nicht aufgehört haben, ein Volk unter >en Völkern z u sei n. dass sie noch immer ein Volk vor Gott sind, das einst sein Erbe wieder antreten uns,, das Land seiner Väter w i ed.er besitzen wirb. Unsere Frage: W a s s i n d d i e I u d e n? und die daraus folgende Frage: Was h o s f e n die Juden für die Z ui: unft? haoen wir somit klar nuv oemlich auf Grund oer Thora und der Propheten beantwonel. Wenn man es aber versucht, uns das Gegentheil zu versichern, wenn man den Juden die Nationalität abspricht, die Hoffnung auf die Rückkehr in das Land der Väter anfgibt und unsere diesbezüglichen Gebete für symbolische Ausdrücke erklärt, jft das offenbar im Widerspruch zur Thora, die sie dpch als heilig und verbindlich erklären, und in Bezug auf die Gebete eine offenbare Unwahrheit, da die Verfasser derselben für die Selbständigkeit ihres Volkes geblutet haben und keine größere Sehnsucht kannten, als dass das Heiligthum in Jerusalem möglichst wieder aufgebaut werde und Israel in sein Land zurückkehre. Cie haben sogar viele Verordnungen erlassen und Einrichtungen getroffen für den Fall, dass sich ihre Hoffnungen recht bald verwirklichen würden. Dhe sogenannten Reformer sind dabei viel offener gewesen, indem sie alle Gebete, welche die Hoffnungen Israels ans Zion enthalten, einfach gestrichen haben! Aber wenn man konsequent sein will, muss man alles, was sich aus die Thora aufbaut, also das ganze Judeuthum abschaffen. Wenn die Thora keine Autorität ist für unsere Hoffnung, so soll sie es auch nicht sein für unser Thun und Lassen! Die jüdische Nationalität leugnen, das Land der Väter aufgeben, und dennoch ein Judenthum bekennen mit so vielen Satzungen der Thora, zeugt gewiss entweder von Heuchelei oder von Gedankenlosigkeit! Eingesendet. Hochgeehrter Herr Redacteur! In Nr. 24 Ihres sehr geschätzten Blattes vom 21. Juni 1901 ist eine Studie von mir durch Herrn Rabbiner Dr. K a h a n ins Deutsche übersetzt. An einer Stelle dieser Uebersetzung heißt es bezüglich jener Anschauung, dass das Judenthum nur ein confessioneller Begriff sei, folgendermaßen: »Wenn aber dennoch die Juden in ihren Gebeten die Wiederherstellung Zions und Jerusalems erflehen, so hätte es gar keinen Sinn.— kurz, die Juden beten nur um ein ideales Zion und Jerusalem (vgl. G ü d e m a n n, Nationaljudenthum)!" Diese eingeklammerten Worte sind nun entweder eine Anmerkung des Uebersetzers oder der Redactiou. denn im Originale kommt ein derartiger Hinweis nicht vor, was ich Sie zu constatiren ersuche. Ich konnte diese Anmerkung schon darum nicht machen, weil mir ganz genau bekannt ist, dass der Herr Oberrabdiuer Dr. G ü d e m a n n vor 30 Jahren allein die Beibehaltung nicht blos dieser, sondern auch der auf den Tempel uno Opfercult bezüglichen Gebete dnrchgeietzt und in seinen Predigten, insbesondere in jener über »Jerusalem, die Opfer und die Orgel" in dem traditionellen Sinne vertreten hat. Indem ich Ihnen für die freundliche Aufnahme dieser Zeilen verbindlichst danke, bin ich Ihr hochachtungsvoll ergebener W i e ii, den 26. Juni 1901. Lecior M. Fried m a n n. Dem Wunsche des Herrn Lecior M. Friedmann entsprechend, constatiren wir hiemit, dass der in Klammer angefügte Hinweis auf Dr. Güdemann's Schrift „Nationaljudenthum" vom Uebersetzer herrührt. Die Redaktion. Äus der Wiener Cultusgemeinde. Mit der von der Regierung genehmigten Aeudernng des Gemeindestatutes ist die schon im Vorjahre angebahnte Reform der inneren Verwaltung, durch welche eine Vereinfachung der Geschäftsgebahrung des Vorstandes und dadurch eine raschere Erledigung der Agenden herbeigeführt werden soll, nunmehr zur Thatsache geworden. Da der Wirkungskreis des Vertretercollegiums eine weitere Ausdehnung erfahren hat, musste die Zahl der Mitglieder dieses Collegiums vermehrt werden, und dadurch ist eine theilweise Neuconstituirung des Vorstandes norhweudig geworden, die in der am 20. Juni d. I., halb 6 Uhr Abends, unter dem Vorsitze des Präsidenten, kaiserl. Rath Heinrich Kling er, statlgehabten Plenarsitzung des Cultusvorstaudes erfolgte. In derselben Sitzung .wurde auch eine wesentliche Aenderung in der Armenpflege beschlossen und ein neuer Lehrplan für den Religiousunterrickt an Mädchenschulen angenommen. Im Nachstehenden der Bericht: Spendeneinlauf. Von Herrn Rudolf Anspitz anlässlich der Vermählung > seiner Tochter für das Aimenamt der Cultusgemeinde 1000 Kr.; von Herrn Bernhard Hirsch, anlässlich der Vermählung seines Sohnes für verschiedene Wohlthätigkeitsanstalteu 1000 Kr.; von Frau Marie D onath für einen armen Handwerker 40 Kronen; von Frau Cäcilie Frankl Wäsche und Kleider für das Altersoersorg un gshaus. Den Spendern wird der Dank votirt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.